Zerrspiegel der Zukunft

Literatur. Die Wissenschaftsutopie, die Glück und Erfüllung verheißt, ist Vergangenheit. Das 20. Jahrhundert war geprägt von Dystopien als literarischer Verdichtung von Kritik am technologischen Fortschritt. Ein Genre mit Zukunft.

Franz Gutsch | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Wenn Prophezeiungen im Gewande der Wissenschaft auftreten, nennt man sie gemeinhin Futurologie. Die meisten ihrer Prognosen haben dennoch den Schreckgehalt der Apokalypse und die Trefferquote von Nostradamus. Zukunftsorientiert aus Profession, lässt sie sich von ihrer eigenen Vergangenheit, die im Wesentlichen aus gescheiterten Vorhersagen besteht, aber nicht entmutigen. Nicht von ungefähr bezeichnet Stanislaw Lem die totale Amnesie als eherne Regel der Futurologie. Während Futurologie die Zukunft vorhersagen möchte, hat die Wissenschaftsutopie eine andere Intention. Die Zukunft dient hier als Projektionsfläche für Erwartungen, die der Wissenschaft entgegengebracht werden.

Vernunft und Forschung standen seit dem Anfang neuzeitlicher Wissenschaft im Zentrum weltlicher Erlösungsphilosophien. Nicht der religiöse Glaube, sondern ein rational-empirischer Zugang sollte das zukünftige Glück befördern. In der Utopie "New Atlantis" (1626) von Francis Bacon ist es die Wissenschaft, die durch die Kontrolle der Natur das Diesseits in ein Paradies verwandelt: "Wir sagen auch - und dies gehört zu den natürlichsten Erleuchtungen! - ansteckende Krankheiten, Seuchen, Schwärme schädlicher Tiere, Hungersnöte und Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen, Kometen, die Jahrestemperatur und andere Naturerscheinungen voraus, bevor sie eintreten." Das ganze Arsenal der unheilbringenden Natur wird dem menschlichen Geschick unterworfen, kein Unheil, dem nicht durch Vernunft und Technologie beizukommen wäre. Fortschritt, und das ist ein zentraler Topos der szientistischen Triumphliteratur, ermöglicht "die Erweiterung der menschlichen Herrschaft bis an die Grenzen des überhaupt Möglichen". (Bacon) Im 19. Jahrhundert konnte sich das optimistische Fortschrittsdenken neben dem Darwinismus auch auf die revolutionäre Entwicklung der Technik stützen. Fleißige Verbreiter technologischer Machtfantasien waren Jules Verne und H.G. Wells, in deren viel gelesenen Romanen die technologiekritischen Momente neben den Verheißungen stets marginal blieben.

Wissenschaftsutopische Generalmobilmachung unter dem Banner des Optimismus ist aber zu keiner Zeit auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts markiert geradezu ein Umkippen. Zwischen den beiden Weltkriegen ist die Verbindung aus Wissenschaft und Glück endgültig zerbrochen. Kennzeichen dieser eigentümlichen Allianz war die utopische Konzeption, dass der Ort der wissenschaftlichen Erkenntnis auch der Ort des Guten sei. Die zentrale Denkfigur der Wissenschaftsutopie war die Idee eines gleichzeitigen Fortschritts, des technisch-wissenschaftlichen und des moralischen. Doch die Verehrung der Wissenschaft durch Aufklärungsphilosophie und Positivismus findet sich nach 1918 und erst recht nach 1945 kaum mehr in dieser ungebrochenen, pathetischen Weise.

Es wurde deutlich, dass die gerechte Anwendung der Wissenschaft dieser nicht eingeschrieben ist und dass die Erwartungen an sie überzogen waren. Exemplarisch dafür ist eine Auseinandersetzung, die bereits in den Zwanzigerjahren zwischen dem renommierten Biologen J.B.S. Haldane und dem Philosophen Bertrand Russell in England geführt wurde.

In der Wissenschaftsutopie "Dädalus oder Wissenschaft und Zukunft" (deutsch 1925) zählt Haldane mehrere zukünftige Errungenschaften der Biologie auf: die strikte Trennung von Fortpflanzung und "Geschlechtsliebe", die positive Eugenik, die Erhöhung ethischer und intellektueller Begabung und daraus resultierend sogar die Abnahme der Anzahl überführter Diebe. Als glänzender materialistischer Biologe und überzeugter Kommunist zweifelt er nicht daran, dass "der Fortschritt der Naturwissenschaft letztlich alle Ungerechtigkeit im industriellen Leben" beseitigen wird. Aufklärungsoptimismus und Marxismus, der in der Zukunft das Reich der Freiheit auferstehen sieht, treten hier zu einem hoffnungsfrohen Bild zusammen.

In guter szientistisch-reduktionistischer Tradition stutzt Haldane also gesellschaftliche Probleme auf Fragen zu, die durch wissenschaftliches Forschen allesamt lösbar sind. Nun sind jedoch die Fragen der Gerechtigkeit, des Glücks und der Solidarität aber gerade jene Probleme, welche die Naturwissenschaften gemäß ihrem methodischen Apparat nicht beantworten können.

Genau an diesem wunden Punkt setzt Russell in seiner Gegenschrift "Ikarus oder Die Zukunft der Wissenschaft" (deutsch 1926) an. Da die Anwendungen der Wissenschaft von dieser nicht determiniert werden, wären die Folgen wissenschaftlichen Fortschritts unvorhersehbar. Generell optimistisch zu sein und der Wissenschaft blind zu vertrauen erscheint ihm daher fragwürdig. Gegenüber Haldane verweist er auch auf die soziale Dimension der Wissenschaft. Erkenntnisvermehrung ist nicht ihre einzige Funktion.

In einem Fußballspiel, so Russell, geht es auch nicht nur darum, möglichst viele Tore zu schießen. Wäre es so, würden sich die zwanzig Feldspieler unter Ausschluss der Torleute zusammentun und neunzig Minuten auf das leere Tor schießen. Entscheidend ist, wer die Tore schießt - und dieser Antagonismus ist es, der den Reiz des Spieles ausmacht. Ebenso wird es in der Wissenschaft Konkurrenz und Regelverstöße geben. Denn diese ist nicht nur ein Elfenbeinaussichtsturm mit Blick auf die Wahrheit, sondern auch eine Arena der unterschiedlichen Interessen. Folglich stellt Russell dem erfolgreichen Dädalus den abgestürzten Ikarus zur Seite, denn "ob sich die Wissenschaft in letzter Linie als Segen oder als Fluch für die Menschen erweisen wird, bleibt immer noch eine unentschiedene Frage".

Der wissenschaftliche Fortschritt wird als Garant für die finale Glückseligkeit verabschiedet. In der literarischen Fiktion rücken damit die Offenheit und die Gefahren der Zukunft verstärkt ins Blickfeld. Im Gegensatz zu den klassischen Wissenschaftsutopien stehen nun weniger die Hoffnungen als die Befürchtungen im Zentrum, aus der literarischen Verheißung wird eine Warnung. Es ist der dystopische Roman, der im 20. Jahrhundert zur dominanten Gattung wird. In den drei wohl bekanntesten Dystopien von Zamjatin, Huxley und Orwell steht Wissenschaft nicht mehr im Dienste der fortschreitenden Verwirklichung des Glücks, sondern dient der vollständigen Demontage jedweder Ansprüche auf Freiheit und Individualität. Evgenij Zamjatins Roman "Wir" (1920), konzipiert als Anklage auf den Kollektivismus der Sowjetunion, beschreibt den zukünftigen Einsatz der Wissenschaft im Rahmen von Prestigeprojekten und Staatsverherrlichung.In George Orwells Roman "Neunzehnhundertvierundachtzig" (1949) kulminiert die Düsternis aus Zamjatins "Wir" in einer Vision von allgegenwärtiger Überwachung und dem totalen Verlust menschlicher Autonomie.

Dasselbe Thema schlägt auch der heute fast völlig vergessene Roman "Kallocain" (1940) von Karin Boye an. Die Zukunft der Wissenschaft liegt in diesem fiktiven Weltstaat in der Produktion von Drogen, die zur Entlarvung von "Gedankenverbrechen" eingesetzt werden. "Brave New World" (1932) von Aldous Huxley scheint die Zukunft, also unsere Gegenwart - genannt seien nur Hedonismus, Psychopharmaka und wissenschaftlich kontrollierte Fortpflanzung - am ehesten getroffen zu haben. So wird die Menschenzucht, die in Huxleys Vision realisiert ist, momentan in der Sloterdijk-Debatte diskutiert.

Vor dem patriarchalen Hintergrund von "Brave New World" bleiben die geschlechterspezifischen Auswirkungen der Anthropotechnik jedoch unberücksichtigt. In dieser Hinsicht sind die Dystopien "Der Frauenturm" (1979) von Zoe Fairbairns und "Hier sangen früher Vögel" (1981) von Kate Wilhelms hellsichtiger. Hier wird die mögliche Gefahr der genetischen Manipulation aus einer feministischen Perspektive dargestellt.

In der älteren Literatur sind Wissenschaft und Erlösung noch eng miteinander verknüpft. In dem Science-Fiction-Klassiker "The Man Who Awoke" (1933) von Laurence Manning reist ein Hobbybiologe mittels einer Konservierungsmaschine durch die Jahrtausende. Nach vielen Irrwegen findet er letztlich in der Wissenschaft als spirituelle Praxis den alleinigen Daseinszweck. Die Menschheit vereinigt sich zu einer überindividuellen "Vernunftgemeinschaft". In der "hard-science-fiction" der Vierziger- und Fünfzigerjahre, etwa bei Robert A. Heinlein, findet sich noch eine grenzenlose Bewunderung von Wissenschaft und Technik. Heinlein schrieb mit "Puppet Masters" (deutscher Titel: "Weltraummollusken erobern die Erde") und "Starship Troopers" Invasionsgeschichten, in denen hinterlistige Aliens mit brachialer Denk- und Feuerkraft von der Erde vertrieben werden.

Neben dem Motiv der Erlösung ist auch diese naive Technikbegeisterung weitgehend verschwunden. Im utopischen Roman der jüngeren Vergangenheit zeigt sich ein verändertes Bild vonWissenschaft. In "Ökotopia" (deutsch 1978) von Ernest Callenbach realisiert sich die Utopie erst nach Aufgabe der technologischen Herrschaft über die Natur. Wo sie anhält, führt sie nicht ins Glück, sondern zur Demontage traditioneller Körperlichkeit. Dies wird in der utopischen Literatur des Cyberpunk genüsslich vorgeführt und durchgespielt. William Gibson etwa zeigt in "Newromancer" (1984) den zukünftigen Menschen als ein Produkt aus Natur und prothetischer Technik.

Diese Neudefinition von Mensch setzt aber nicht die positiven Erwartungen des älteren utopischen Romans um, sondern zeigt die Ambivalenzen und Abgründe des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auf. Wissenschaftsutopie und Science-Fiction können sich heute nicht mehr auf die Überzeugung stützen, dass mit der Zunahme des Wissens auch ein Fortschritt in einem umfassenden Sinne verbunden ist, vom Erreichen irdischer Glückseligkeit ganz zu schweigen. Ob wir also in der Zukunft der Wissenschaft wie Dädalus sicher landen oder wie Ikarus ins Meer stürzen, ist völlig ungewiss. Gewiss dagegen ist, dass wir uns schon in der Luft befinden.

Franz Gutsch (franzgutsch@hotmail.com) ist diplomierter Biologe und lebt in Wien.

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