Genetic-Fiction: Zauberwort Seele

aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Wien, November 2026. Trotz globaler Erwärmung schneit es. Mit der überraschenden vorweihnachtlichen Idylle kann der Hacker Leo allerdings nur wenig anfangen: Er erfährt, dass er das Ergebnis einer anonymen Ei- und Samenspende ist. Auf seinen nächtlichen Fahrten durch den Cyberspace entdeckt er aber auch, dass nicht nur an seiner Abstammung, sondern auch an seiner schwangeren Frau Petra manipuliert worden war. Der genetischen Analyse zufolge sind sie Geschwister. Wenig später ist Leo tot. Als Petra und der Klatschreporter Sharkey versuchen, die Hintergründe des vermeintlichen Mordes aufzuklären, stoßen sie auf ein geheimes Selektionsprogramm krimineller Reproduktionsmediziner. Für die beiden beginnt damit aber auch eine Suche nach ihrer eigenen verlorenen Identität.

Eingebettet in eine handlungsreiche Kriminalgeschichte, erzählt Adrian Mathews eine Geschichte von der Individualität im Zeitalter ihrer biotechnischen Reproduzierbarkeit. Alte Konzepte vom Warencharakter des Menschen bekommen in seinem zweiten Roman "Wiener Blut" eine neue Gestalt: Für sie werden Gefühle der unverwechselbaren Identität und das Verfügungsrecht über den eigenen Körper geopfert. Dem hält der Autor die tiefe Sehnsucht nach Unversehrtheit und individueller Selbstbehauptung entgegen: "Früher konnte man noch glauben, dass der Körper einem selbst gehört, aber jetzt nicht mehr. Sie sind in diesen kleinen Tempel eingebrochen. Deshalb brauche ich das Wort ,Seele'. Mein Zauberwort. Es sagt mir, dass ich existiere."

Wien als Ort der Handlung ist immer präsent. Die Architektur, die Berühmtheiten und Absurditäten der Stadt greifen in die zukünftige Gegenwart über und geben dem Roman eine eigentümliche Färbung aus urbaner Düsternis und klinischer Kälte. Zwischen Karl-Marx-Hof und Hundertwasserhaus entspannt sich eine Dystopie, in der die Eugenik zum Brennpunkt korrupter Politik, durchgeknallter Wissenschaft und Geschäftemacherei wird.

Adrian Mathews, der in Paris englische Literatur lehrt, hat den Schauplatz seines Bio-Thrillers mit Bedacht gewählt: Autoritäre Traditionen haben hier trotz oder gerade wegen aller Verdrängung und Vergesslichkeit überdauert. Im Roman ist die Politik wieder auf dem besten Wege, zur angewandten Biologie zu werden. Modernste Züchtungstechnologien stehen im Dienste archaischer Reinheitsfantasien. Die reinen Gene, die reine Nation - glänzende Aussichten. F. G.

Adrian Mathews: Wiener Blut. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Frankfurt/Main 2000 (Eichborn). 381 S., öS 291,

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