Buch & Symposion: Brave neue Welt?

aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Sex im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Mit dieser Paraphrase auf den berühmten Aufsatz von Walter Benjamin brachte Carl Djerassi, der aus Österreich gebürtige "Vater der Antibabypille", kürzlich jene Zustände auf den Punkt, die durch medizinisch-technische Fortschritte in Sachen menschlicher Fortpflanzung möglich wurden. Zwar müssen nach wie vor Körpersäfte ausgetauscht werden, um die Reproduktion sicherzustellen; dass dazu auch zwei Personen in lustvollen Kontakt treten müssen, ist dafür jedoch längst keine notwendige Bedingung mehr.

Dieser sowohl sexologisch, soziologisch wie auch politisch brisanten Thematik hat sich der britische Evolutionsbiologe Robin Baker in seinem neuesten Buch angenommen. Ähnlich wie sein provokanter Bestseller "Krieg der Spermien" birgt auch "Sex im 21. Jahrhundert" ein gehöriges Erregungspotenzial: Anhand von sehr konkreten Bespielen versucht Baker nämlich vorwegzunehmen, was uns in den kommenden Jahren sexuell so bevorstehen könnte: "Reproduktionsrestaurants" zur Auswahl des Partners für den idealen Nachwuchs, Klonierungen desselben, Leihhoden, -eierstöcke und -mutterschaften etc., etc. Die bezeichnende Überschrift des letzten Abschnitts: "Aber wo bleibt der Spaß?",lässt befürchten, dass da eine keusche, brave neue Welt auf uns zukommen könnte.

Robin Baker wird demnächst auch live in Österreich zu erleben sein - und zwar als Vortragender am Ars Electronica Symposion in Linz, wo man im Vorjahr von den neuen Medien ganz auf die "Life Sciences" umsattelte.

Das Motto des heurigen Festivals lautet "Next Sex" und will ebenfalls - so der präzisierende Untertitel - dem "Sex im Zeitalter seiner reproduktionstechnischen Überflüssigkeit" nachgehen. Multimedial, versteht sich. Was fürs Erste doch recht vielversprechend klingt.

Wir werden jedenfalls weiter darüber berichten. K. T.

Robin Baker: Sex im 21. Jahrhundert. Der Urtrieb und die moderne Technik. Aus dem Englischen von Friedrich Giese. München 2000 (Limes). 414 S., ohne jede Abbildung, öS 291,-.

Das Ars Electronica Symposion "Next Sex" findet am 3. und 4.9. im Brucknerhaus Linz statt. Infos unter www.aec.at/nextsex

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