Fertig für den Quotensprung?

F&E-Ausgaben. Sie gelten als Schlüssel zu Österreichs Zukunft. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung machen rund 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Ist das nun ausreichend viel? Oder immer noch viel zu wenig?

Alexander Kosz und Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Die meisten Länder messen ihre Ausgaben für Forschung und technologische Entwicklung (F&E) alle zwei Jahre. Einige noch öfter. Österreich hat sich damit zuletzt sechs Jahre Zeit gelassen. Die Statistik Österreich, das vormalige Statistische Zentralamt, hatte zwar immer wieder Erhebungen vorbereitet, musste aber den Auftrag der Regierung abwarten, die sich damit bis zum September 1999 Zeit ließ.

Seit kurzem liegen die aktuellen Werte vor - und siehe da, die von vielen erwartete Geldvermehrung für die Wissenschaft und Technologie ist eingetreten: Man schätzt, dass heuer in Österreich rund 50 Milliarden Schilling für F&E aufgewendet werden (siehe Kasten). Macht insgesamt rund 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Das ist um einiges mehr, als noch vor einem Jahr geschätzt wurde. Aber ist es im internationalen Vergleich nicht immer noch viel zu wenig? Wie hoch sollte die österreichische F&E-Quote sein? Wie könnte sie erhöht werden? In der österreichischen Quotendiskussion wird gerne übersehen, dass es sich um Imput-Größen handelt. Über die Wertschöpfung durch Forschung ist damit noch nichts gesagt.

Österreichs F&E-Quote lag in den letzten Jahren und Jahrzehnten stets deutlich unter dem Niveau vergleichbarer Länder (siehe Grafik). Berücksichtigt man nur die staatlichen F&E-Ausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, liegt Österreich zwischen Deutschland und Finnland, also gar nicht schlecht. Es ist vor allem die Wirtschaft, die hinterherhinkt. Ein Teil der Erklärung dafür liegt im Fehlen so forschungsintensiver Branchen wie Rüstung, Luftfahrt oder Nukleartechnik - die meisten Österreicher sehen darin keinen Mangel.

Oft war in den Quoten-Debatten der letzten Monate und Jahre vom "finnischen Wunder" die Rede. Es basiert auf den finnischen Unternehmen - das heißt vor allem: dem Kommunikationsmulti Nokia -, die ihre Forschungsbudgets im Jahresmittel um 15 Prozent steigern. In Deutschland legten sie in den letzten drei Jahren durchschnittlich immerhin um über acht Prozent zu.

Auch in Österreich hat in den letzten Jahren der Unternehmenssektor zugelegt. Vielfach sind es jedoch ausländische Firmen, die in Österreich forschen lassen, wie beispielsweise der Pharmariese Böhringer-Ingelheim, der in Wien das weltweit angesehene Institut für Molekulare Pathologie finanziert. Insgesamt sind es bereits 21 Prozent der Forschungsgelder, die nicht mehr aus Österreich selbst kommen.

Eine wesentliche Rolle bei der Internationalisierung der österreichischen Forschung und ihrer Finanzierung spielt die Europäische Union: Seit der Beteiligung am Europäischen Wirtschaftsraum 1993 sind österreichische Wissenschaftler in allen Forschungs- und Entwicklungsprogrammen der Europäischen Union mit dabei. Dass die EU nur länderübergreifende, seit 1999 zudem nur fachübergreifende Projekte fördert, treibt die hiesige Forschung nicht nur zur Vernetzung mit anderen Ländern, sondern auch mit der Wirtschaft. Denn das ist eine weitere Vorgabe des so genannten 5. EU-Rahmenprogramms.

Der Druck, sich Geld aus Brüssel zu besorgen, wächst. Auch der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), der wichtigste heimische Forschungsfonds, meldet trotz deutlich steigender Budgets verstärkte Konkurrenz. Und selbst der beschauliche Jubiläumsfonds der Nationalbank kündet vom Ende der Gießkannenförderung. Fehlen nur noch die neuen gesetzlichen Bestimmungen für das Dienstrecht bzw. die universitäre Vollrechtsfähigkeit - und Österreichs Forscher und Institutionen stehen vollends im Wettbewerb.

Heuer regiert an den Universitäten erstmal der Rotstift. Das Ausmaß der Kürzungen beläuft sich auf mehr als eine Milliarde Schilling. Gespart wird an der Infrastruktur. Weitgehend unangetastet bleiben bislang die Personalkosten, der größte Brocken des so genannten forschungswirksamen Anteils der Hochschulausgaben, der im Forschungsbericht für 1999 mit 11,2 Milliarden Schilling beziffert wird. Der schmale Rest wird nicht immer fair und so gut wie gar nicht kompetitiv verteilt, sondern nach Hierarchien: den Professoren der Kuchen, den Mittelbau-Angehörigen die Krümel.

Eine weitere Front im Verteilungskampf verläuft zwischen Instituten, die erfolgreich für sich Forschungsgeld einwerben, und den Universitäten. Die Rektoren drängen auf Vollrechtsfähigkeit. Mit der momentanen Freiheit der Institute wäre es dann vorbei. Ein betroffener Professor spottet im Voraus: "Warum sollte die künftig autonome Universität nicht auch ein Bordell betreiben?" Vorher werden es aber die ab dem Wintersemester 2001/02 zu entrichtenden Studiengebühren sein, die den Universitäten Gestaltungsspielraum schaffen. Damit jedenfalls ist auch zwischen den Universitäten Wettbewerb um studierende Gebührenzahler angesagt.

Wie aber kommt man bei der heimischen F&E-Quote zu jenen 2,5 Prozent, die zu erreichen sich schon die alte Regierung vorgenommen hatte (wenn auch erst für das Jahr 2005)? Gibt es überhaupt genügend sinnvolle Projekte? Und genügend Nachfrage? Denn Forschung und Technologie muss nicht zu Nokia, sondern kann auch in Sackgassen führen, siehe den deutschen Hochgeschwindigkeitszug Transrapid, in dessen Entwicklung aus Prestigegründen viele Jahre nachgebuttert wurde.

So war es wohl eher ein Vorteil, dass Österreich bislang einen weiten Bogen um solche Großprojekte gemacht hat. Gerade Klein- und Mittelunternehmen, die ihre Produkte marktnah weiterentwickeln, tragen maßgeblich zur wirtschaftlichen Stärke des Landes bei. Fantasien ungehemmten Wachstums begründen sie allerdings eher nicht.

Es war noch die alte Regierung, die den Forschungsfreibeitrag von bislang 12 Prozent auf 25 Prozent ab heuer angehoben hat. Gernot Hutschenreiter vom Institut für Wirtschaftsforschung wundert sich, dass nicht erst geprüft worden ist, ob der frühere Satz den gewünschten Effekt hatte. Setzt die Wirtschaft verstärkt auf Forschung, um morgen mehr zu verdienen? Oder streichen die Unternehmer lieber heute das Geld ein? Immerhin machen die Steuerausfälle in diesem Jahr gut zwei Milliarden Schilling aus.

Weil der wirtschaftliche Nutzen nachgewiesen werden muss, sei der Forschungsfreibetrag trotz seines Namens praktisch kein Anreiz für neue Projekte, sondern diene eher der Beschleunigung von Innovationszyklen, schreibt der Steuerexperte Herwig Schneider. Ein Viertel seiner Entwicklungskosten kann ein Unternehmen damit vor der Besteuerung vom Gewinn abziehen. Steigert es diese Ausgaben gegenüber dem Vorjahr, mindert sich die Steuer sogar um 35 Prozent für die Mehrkosten.

Eine frisch gegründete Technologie-Firma, die drei, wenn nicht fünf Jahre bis zur Gewinnzone braucht, wenn sie sie überhaupt je erreicht, hat vom Forschungsfreibetrag nichts. Hutschenreiter nennt eine Alternative, die international stark im Kommen ist, nämlich für F&E-Ausgaben "tax credits" zu vergeben. Ein Bonus also, der etwa mit den Sozialabgaben verrechnet werden kann, denn die lasten ja auch auf einer rote Zahlen schreibenden Firma.

Auch beim Forschungsförderungsfonds der gewerblichen Wirtschaft (FFF), der voriges Jahr 1,252 Milliarden Schilling vergeben und weitere 1,545 Milliarden verliehen bzw. verbürgt hat, haben es Gründer und Kleinbetriebe schwer, an Geld zu kommen. Der Gewerbefonds setzt ausreichend Eigenkapital voraus. Den Großen wird kaum ein Antrag verwehrt.

Die Organisation für Entwicklungszusammenarbeit OECD hat die niedrige F&E-Quote über die Jahre wiederholt kritisch kommentiert. Österreich machte unverdrossen weiter - und hat sich den Experten zum Trotz prächtig entwickelt. Österreich sei ein Paradox, hieß es im vorletzten Länderbericht. Seitdem war bei der OECD auch schon zu lesen, dass es die optimale Forschungsquote für alle eben nicht gibt.

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