"Wir entwickeln Manpower"

Forschungsförderung. Der wichtigste Geldgeber für die österreichische Grundlagenforschung ist der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Sein Präsident, der Physiker Arnold Schmidt, sprach mit "heureka!" über die hiesige Forschungspolitik, über den Staat als Forschungsfinancier und die Rolle des FWF.

Stefan Löffler und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Wenn österreichische Wissenschaftler Geld für ihre Forschungen brauchen, dann ist der FWF ihre erste Adresse. Der seit 1967 bestehende Wissenschaftsfonds ist die mit Abstand wichtigste Fördereinrichtung für Grundlagenforschung in Österreich: Sein Gesamtbudget betrug 1999 rund eine Milliarde Schilling (siehe Kasten). Damit werden Forschungsprojekte, Schwerpunktprogramme, aber auch Spitzen- und Nachwuchswissenschaftler - nach externer Begutachtung - gezielt unterstützt.

Seit 1994 ist Arnold Schmidt Präsident des FWF. Der Laserspezialist studierte an der Universität Wien Physik und habilitierte sich nach Forschungsaufenthalten in Großbritannien und den USA 1978 an der Technischen Universität Wien. Von 1989 bis 1993 war Schmidt Vorstand des Instituts für Allgemeine Elektrotechnik und Elektronik an der TU Wien; seit Beginn dieses Jahres leitet er das neu gegründete Institut für Photonik, zu dem er - trotz einer 60-Stunden-Woche als FWF-Chef - engen Kontakt hält. Unter Schmidts Präsidentschaft stieg nicht nur das Budget des Fonds kontinuierlich an, es wurden unter seiner Ägide auch etliche neue Förderprogramme eingerichtet.

heureka!: Wie schätzen Sie die gegenwärtige forschungspolitische Situation in Österreich ein?

Arnold Schmidt: Es gibt seit langer Zeit einen allgemeinen Konsens, dass die österreichischen Forschungs- und Entwickungs-(F&E)-Ausgaben im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Staaten zu gering sind. Die frühere Bundesregierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2005 auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu kommen. Und die jetzige hat dieses Ziel übernommen. Diese dramatische Steigerung würde bedeuten, dass sowohl der Staat als auch die Wirtschaft jedes Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag zusätzlich ausgeben muss. Angesichts der Anstrengungen der jetzigen Regierung, das Budgetdefizit zu reduzieren, ist es aber unwahrscheinlich, dass das aus dem Budget realisiert werden kann.

Aber wie will man das sonst schaffen?

Es gibt ein halbes Dutzend Vorschläge, wie man dieses Ziel erreichen könnte: von der Vergabe von Handy-Lizenzen über Verkäufe von Staatseigentum bis zur Reduktion von Reserven der Nationalbank. Sicherlich gibt die Wirtschaft heuer mehr für F&E aus. Die Forschungsaufwendungen des Staates sind allerdings zurückgegangen. Da das BIP erfreulicherweise gestiegen ist, wird der Quotient wohl fallen.

Ein vergleichbares Land wie Finnland hielt vor fünfzehn Jahren bei einer ähnlichen Forschungsquote, hat uns aber darin längst weit überflügelt. Fehlt in Österreich der politische Wille?

Finnland ging durch eine sehr schwere ökonomische Krise, die politische Reaktionen ausgelöst hat. Österreich ist in der Nachkriegszeit nie durch eine Krise dieses Ausmaßes gegangen. Es ist ein blühendes Land, das von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wohlhabender wird. Und wenn in einer solchen Situation jemand sagt, dass Schreckliches passieren wird, wenn die Forschung nicht mehr gefördert wird, dann hat das einen eher geringen Stellenwert. Erschwert wird die Situation auch dadurch, dass wir jetzt zwei bis drei für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung zuständige Ministerien haben. Wir brauchen ein Ministerium, das für den gesamten Bereich zuständig ist.

Liegt es möglicherweise auch an der in Österreich eher klein- und mittelständisch organisierten Wirtschaftsstruktur?

Unsere Unternehmen kennen ihre augenblicklichen Bedürfnisse sehr wohl und machen für sich schon das Richtige an F&E. Da ist halt das F sehr klein und das E sehr groß. Das hat bisher, wenn man das Wirtschaftswachstum anschaut, ausgereicht. Auf Dauer gesehen hat diese Straße aber irgendwann ein Ende. Forschungspolitik muss langfristig angelegt sein. Denn die Früchte einer guten Forschungspolitik erntet man erst in zehn, fünfzehn Jahren. Die Politik denkt aber normalerweise leider viel kurzfristiger.

Welche Rolle spielt der FWF in der österreichischen Wissenschaftslandschaft? Welche Forschung unterstützt er?

Der FWF fühlt sich einzig und allein jener Forschung verpflichtet, die die internationale Scientific Community des jeweiligen Fachgebietes für gut befindet. Wir haben keinerlei Präferenz für dieses oder jenes Gebiet, oder ob zu erwartende Ergebnisse unter Umständen anwendbar sein könnten oder sozial oder politisch bedeutsam. Der Fonds vergibt den größten Teil seines Geldes an Individuen, die mit Projekten kleine Gruppen mit Nachwuchsforschern aufbauen. Zur Rolle des FWF gehört damit also auch die Entwicklung wissenschaftlicher Manpower, sowohl für die Wissenschaft als auch für Arbeitgeber in anderen Bereichen, die wissenschaftlich ausgebildete Leute brauchen. Etwa zwanzig Prozent der Gesamtvergabesumme geht an Schwerpunkte, wobei aber nicht wir die Themen vorgeben, sondern diese - bottom-up - von den Forschern bzw. Forschergruppen selbst kommen.

Wer hat Interesse, diese Forschung zu finanzieren - außer der Wissenschaft selbst?

In Zentraleuropa gibt es auf diese Frage nur eine Antwort: der Staat. Die Forderung, die Wirtschaft müsse da mehr tun, geht absolut ins Leere. Keine österreichische Firma ist in der Lage, einfach auf Verdacht für Forschung zu zahlen, die in zehn oder fünfzehn Jahren Verwertbares liefert. Das heißt aber nicht, dass Firmen auf mittel- und langfristig angelegte Forschung generell verzichten können. Das heißt aber auch: Der Rückzug des Staates stößt in der Forschungspolitik an eine deutliche Grenze. In vielen Ländern, interessanterweise gerade auch in den USA, gibt es einen massiven Druck der Industrie auf den Staat, mehr Geld für die Grundlagenforschung bereitzustellen, um später darauf aufbauen zu können. Grundlagenforschung wird hierzulande von vielen auf eine zwar interessante und kulturell wichtige, aber notfalls auch verzichtbare Tätigkeit reduziert. Nur die angewandte Forschung sei ökonomisch nützlich, und daher müsse dorthin das ganze Geld fließen.

Ist es in Österreich aber nicht gerade ein strukturelles Problem, dass es am Übergang von Grundlagenforschung zu Entwicklung und Anwendung hapert?

Mit dem Programm der K-plus-Zentren - und in einem viel bescheideneren Rahmen der Christian-Doppler-Gesellschaft - haben wir vor einigen Jahren neue Wege eingeschlagen, um Grundlagenforschung und Anwendung nach den Bedürfnissen existierender Firmen zusammenzubringen. K steht ja für Kompetenz, und Kompetenz entsteht nicht über Nacht, sondern wird mühselig und langsam aufgebaut. Fast alle diese neuen Kompetenzzentren basieren auf Personen und Instituten, die jahre- oder jahrzehntelang von Institutionen wie dem FWF in der Grundlagenforschung gefördert wurden.

Haben Sie ermittelt, wie hoch der Anteil der österreichischen Forscher ist, die sich überhaupt dem Wettbewerb um FWF-Gelder stellen?

Da muss ich passen. Es ist sicher nur ein bestimmter Prozentsatz, der aber in nächster Zeit steigen wird, weil der Druck an den Universitäten zunimmt, sich um Drittmittel zu bemühen. Beziehungsweise um Zweitmittel, wie wir dazu sagen, weil FWF-Mittel letzten Endes zum allergrößten Teil staatliche Gelder sind. Generell ist erwähnenswert, dass wir etwa fünfzig Prozent der eingereichten Anträge bewilligen. Auf die gesamte Antragssumme bezogen liegt die Bewilligung bei etwa vierzig Prozent. Diese Prozentsätze versuchen wir möglichst konstant zu halten, sodass die Chance, eine Förderung zu bekommen, möglichst gleich bleibt - unabhängig von Terminen und finanziellen Schwankungen, die uns der Bund auferlegt.

Das Durchschnittsalter der Leiter jener Projekte, die vom FWF bewilligt werden, ist mit 47 Jahren im Vergleich zum angloamerikanischen Raum ziemlich hoch.

Ob ein Antragsteller Professor oder Angehöriger des Mittelbaus ist, spielt für den FWF sowohl implizit als auch explizit keine Rolle. Die Bewilligungsquote ist etwa die gleiche. Das Problem scheint mir viel mehr darin zu liegen, dass das Durchschnittsalter des Mittelbaus in Österreich ebenfalls sehr hoch ist. Ich kenne Institute, wo der neue Ordinarius etwa 40Jahre alt ist und es gleich drei pragmatisierte Assistenten gibt, die zehn Jahre älter sind. Und zwar nicht nur einen, sondern gleich drei. - So wie wir gegenüber anderen individuellen Eigenschaften und Zuordnungen blind sind, sind wir auch blind gegenüber dem Alter.

Aber gäbe es da nicht Möglichkeiten, aktiv einzugreifen und etwa jüngere Projektantragsteller gezielt zu fördern?

Das Problem ist, dass wir bei jeder Maßnahme, die wir setzen, das ganze Wissenschaftssystem im Auge behalten müssen. Der FWF ist - und das ist gut so - für die Förderung aller Wissenschaftsdisziplinen verantwortlich. Was für die Physik gut ist, ist zumeist auch gut für die Molekularbiologie, gut für die Chemie, wahrscheinlich noch recht gut für die angewandte Mathematik. Aber auf anderen Gebieten kann dieselbe Maßnahme völlig kontraproduktiv sein. Dass wir gleich offen sind für alle Wissenschaften, bewahrt uns unter anderem vor Kontroversen wie jener über den gerechten Anteil etwa für die Physik gegenüber den Sozialwissenschaften oder die Molekularbiologie gegenüber der Mathematik.

Wenn Sie zusätzliche Mittel bekämen, was wäre Ihr erster Gedanke?

Ich habe gleich drei Gedanken - und das schon lange: Die Infrastruktur an den Universitäten veraltet sehr rasch durch die restriktiven Budgets der letzten Jahre. Wenn sich dieser Umstand nächstes Jahr wiederholt, wird es prekär. Gezielt in Infrastruktur für gute Leute zu investieren hätte für mich oberste Priorität. Wir haben punktuell schon bisher eingegriffen, aber aus Geldmangel eben nur punktuell. Mein zweiter Wunsch wäre, vermehrt begabte junge Leute nach Österreich zu bringen, ähnlich wie wir das bisher mit den Lise-Meitner-Postdoc-Programm schon gemacht haben. Der dritte Vorschlag betrifft Overheads. Bisher zahlt der FWF keine, weil wir davon ausgehen konnten, dass die Universitäten von sich aus über ausreichende Mittel für die Infrastruktur verfügen. Ich bin dafür, dass der FWF in die Lage versetzt wird, diese zusätzlichen Kosten zu übernehmen. Im Übrigen würde dadurch das seit langem akute Problem Finanzierung der Infrastruktur außeruniversitärer Forscher und Forschergruppen, denen wir diesbezüglich bisher nicht helfen konnten, gelöst werden.

Eine Langfassung dieses Interviews findet sich unter www.falter.at/heureka/ im Internet.

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