Gießkanne und Stradivari

Forschungsfonds. Nicht alle Institutionen verfahren so streng und transparent wie der FWF mit den öffentlichen Forschungsgeldern. Der Jubiläumsfonds der Nationalbank liebt es diskret.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Renee Schroeder hat nur die besten Erfahrungen gemacht. "Der Jubiläumsfonds hatte ein Herz." Die Wissenschaftsförderung der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) überwies der Wiener Genetikerin rund 300.000 Schilling für "ein evolutionäres Projekt, das ein seriöser Fonds so nicht finanziert hätte".

Nichts mehr mit den Bankern zu schaffen haben will Sigismund Huck. Im Frühjahr hat der Wiener Universitätsneurologe noch brav "einen grauslichen Antrag" für den Jubiläumsfonds begutachtet. Wenig später wurde ihm auf einen eigenen Antrag beschieden, dass "nicht alle positiv beurteilten Projekte, sondern nur solche, die von den FachgutachterInnen als hervorragend bewertet wurden, gefördert werden". Statt fachlichem Austausch über eine Arbeit, an der er Tage gesessen hatte, fand sich der Hirnforscher mit einer Standardformel abgespeist.

"Die machen das mit Goodwill", bescheinigt Walter Knapp den Sachwaltern des Jubiläumsfonds. Wer ihn wiederholt zum Gutachter bestimmt, wer seine Beurteilungen gelesen, wer letztlich die Entscheidungen getroffen hat, weiß der Medizin-Ordinarius nicht und mutmaßt: "Da gibt es wohl ein Gremium." Dabei ist die Vergabe von Fördergeld auch sein Geschäft: Knapp ist Abteilungspräsident für Medizin und Biologie beim Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), auf dessen Regeln sich der 1966 aufgelegte Jubiläumsfonds beruft.

Neben der schönen Muse - der Jubiläumsfonds verwaltet eine Sammlung seltener Streichinstrumente samt sieben Geigen von Stradivari - widmet er sich der Wissenschaft. 120 Millionen Schilling verteilt die OeNB heuer direkt an die forschende Klasse. Es waren schon einige Millionen mehr, aber es gab auch mal weniger. Dabei zeigten die Banker in den letzten zehn Jahren nur jedem dritten Antragsteller die kalte Schulter.

Während die Zahl der Anträge um zehn und mehr Prozent im Jahr wuchs, sank die bewilligte Summe von durchschnittlich 600.000 Schilling 1990 auf rund 300.000 Schilling pro Projekt im vorigen Jahr. Spötter mokierten sich über die geringe Förderhöhe, mit der eh kein gescheites Projekt anzufangen wäre. Ob hier und da Freunderlwirtschaft ins Spiel kam, interessierte die akademische Gemeinschaft nicht. Das dürfte nun anders werden.

"Wir müssen weg von der Gießkannenförderung", verkündet OeNB-Fondsleiter Wolfgang Höritsch die Trendwende. Seit dem zweiten Halbjahr 1999 gibt es kein Geld mehr für die Natur- und Technikwissenschaften. Mehr als verdoppelt wurden im Gegenzug die Anteile der Medizin mit nun über 50 Prozent und der Wirtschaftswissenschaften mit 15 Prozent, Tendenz steigend. Die Geistes- und Sozialwissenschaften bleiben bei knapp 25 Prozent. Der zweite Schnitt hat sich noch kaum herumgesprochen: Künftig zahlt der Jubiläumsfonds bis zu 1,5 Millionen Schilling.

Die Entscheidung treffe der OeNB-Generalrat, referiert Höritsch. Auf Nachfrage entpuppt sich die Vergabe als kleiner Tagesordnungspunkt einer halbjährlich stattfindenden, zweistündigen Sitzung ohne Teilnahme von Wissenschaftler. Vorher liegen die Bewilligungen beim Direktor. Und der erhält die Liste von Wolfgang Höritsch.

Der Jurist, der dank Rigorosum einen Doktor vor dem Namen trägt, kennt die Forschung ebenso wenig von innen wie seine sechs Mitarbeiter. Ausländische Gutachter sollen von den Antragstellern vorgeschlagen werden. Ein oder zwei weitere Gutachter findet Höritsch selbst. Anders als der FWF sucht er sie vorwiegend in Österreich. Zähneknirschend werden inzwischen auch Anträge in englischer Sprache angenommen. Die eintreffenden Beurteilungen liest Höritsch selbst. Im Zweifel frage er Fachleute. Wirtschaftswissenschaftler erster Güte finde er bei der OeNB im Haus. Weitere wissenschaftliche Berater bekommen eben etwas bezahlt. Ihre Namen, da bittet Höritsch um Verständnis, gehören nicht in die Öffentlichkeit. "Das ist ein sensibles Thema. Da besteht die Gefahr, dass man das gefährdet."

Später wird sich nach einigem Herumfragen der Dermatologe Hubert Pehamberger finden, der den Jubiläumsfonds bei der Auswahl und Auswertung gelegentlich beraten hat, aber zum ersten Mal hört, dass es dafür Geld gebe.

An dieser Stelle versiegt Höritschs Auskunftsfreude: "Ich habe schon zu viel gesagt. Wir sind nicht auskunftspflichtig."

Die Nationalbank gehört in Österreich nicht dem Staat allein und darf einen kleinen Teil ihrer Überschüsse selbst verteilen. Faktisch handelt es sich beim Jubiläumsfonds um einen Schattenhaushalt. So erhält der FWF seit Jahren einen Teil seiner Mittel nicht direkt vom Staat, sondern von der OeNB. Damit die Regierung das Budget zusammenstreichen kann, legt die Bank eben zu. Nach 128 Millionen Schilling 1999 überweist sie dem FWF heuer mindestens 350 Millionen Schilling. Auf ähnliche Weise vergibt die OeNB rund 400 Millionen Schilling über den Forschungsförderungsfonds für die gewerbliche Wirtschaft (FFF) an forschende Firmen.

Die Abwicklung der OeNB-Gelder sichert beim FWF einen Arbeitsplatz. Ein Mitarbeiter geht voll darin auf, bereits bewilligte Forschungsprojekte in Höhe der 350 Millionen Schilling weiterzureichen. Anwendungsnah und exportfördernd will es die Bank. Die nötigen Formulierungen besorgt der FWF-Mann. Die betroffenen Forscher brauchen es ja nicht zu erfahren.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige