Helden der Wissenschaft: Der Forschungsantrag

aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Von ihm hängt das Schicksal einiger Doktoranden und Postdocs ab. Ob das Labor, aus dem er kommt, neue Geräte anschaffen kann, oder ob es in wenigen Jahren veraltet oder verwaist sein wird. Insider halten ihn überhaupt für die wichtigste Form wissenschaftlicher Kommunikation. Bücher? Schnee von gestern. Aufsätze? Wer auf sich hält, liest sie, bevor sie abgedruckt sind. Die neuen Ideen stehen - wo sonst? - im Forschungsantrag.

Sein Motto: Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr. Der Forschungsantrag verspricht fast immer mehr, als er halten kann. Wer finanziert schon gerne durchschnittliche Arbeit? Die Förderinstitution hat auch ein Recht zu träumen - dass nämlich vom bevorstehenden Durchbruch ein wenig Licht auf sie abfällt.

Wer keine Forschungsanträge schreiben kann und noch nicht Professor ist, sollte der Wissenschaft besser den Rücken kehren. Derart eingeworbene Mittel spielen im Lebenslauf nämlich zunehmend eine Rolle. Und anders als die US-amerikanischen Universitäten haben die österreichischen niemanden, der den eigenen Mitarbeitern mit Korrekturen und Formulierungen hilft oder gleich Seminare in "grant writing" erteilt.

Dass der Antragsteller auch der Autor ist, kommt gelegentlich vor. Üblicherweise schreibt ihn aber der Doktorand oder Postdoc, dessen Stelle im Fall der Bewilligung gesichert wird. Der wird zwar nicht als Antragsteller genannt, ist aber immerhin als Mitarbeiter des geplanten Projekts erwähnt. Wer keine eigene Gruppe hat, braucht sich gar nicht bemühen: Geld fürs eigene Überleben gibt es bei etablierten Förderinstitutionen nur in Ausnahmefällen.

Oft hat ein Forschungsantrag eine Vorgeschichte. Das ist, wie man sich denken kann, keine gute. Er ist abgelehnt, günstigenfalls auch überarbeitet worden. Mitunter hat die so genannte Sekretariatsprüfung ergeben, dass die Formblätter beim vorigen Mal nicht vollständig ausgefüllt waren.

Beim Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) kriegt jeder eingegangene Forschungsantrag binnen Tagen neben Nummer und Farbcode auch einen wissenschaftlichen Sachbearbeiter. Nun bestimmt das Präsidium, an welchen Referenten ein Antrag geht, ob ein Koreferent beigezogen wird und ob sich die Begutachtung lohnt.

Da so gut wie keine österreichischen Gutachter (Anteil unter ein Prozent) mehr angefragt werden, ist die Sprache des Forschungsantrags Englisch. Das ist weltweit bei den großen Förderinstitutionen zunehmend Standard und gilt beim FWF - bis auf Ausnahmefälle wie Germanistik - sogar für die Geisteswissenschaftler.

Will der Antragsteller einen Referenten umgehen, sollte er diesen fleißig zitieren. Dann gilt der Betreffende als befangen und wird ersetzt. Denn den größten Einfluss auf das Schicksal des Forschungsantrags hat der Referent. Der ist Universitätsprofessor und vom Präsidium unter den Delegierten der Universitäten ausgewählt worden. Der Referent sucht die ausländischen Fachleute, die sich beim Thema des Antrags auskennen. Wer passt und wer nicht, ist der Literaturliste und dem Internet zu entnehmen. Möglichst nennt er gleich ein oder zwei Gutachter mehr als nötig. Denn vierzig Prozent der angefragten Gutachten werden abgesagt, vergessen oder ohne Aussagekraft geliefert.

Die ärgsten Konkurrenten darf der Antragsteller als Gutachter ausschließen. Will er selbst welche vorschlagen, sollte seine Liste möglichst lange ausfallen. Sonst wird sie beim FWF ignoriert. Die Zahl der Gutachter variiert zwischen zwei bei Projekten unter zwei Millionen Schilling bis zu etwa zehn bei fachübergreifenden Großprojekten.

Der Antragsteller weiß, dass die Kuratoriumsmitglieder geübte Sparer sind. Weil die Bewilligungen um etwa ein Viertel gekürzt werden, ist ein Forschungsantrag großzügig kalkuliert. Lieber ein Postdoc mehr als nachher einer zu wenig. Unter der Hand gelten eineinhalb Millionen Schilling pro Jahr als Schmerzgrenze bei Projektbewilligungen.

Oft gibt es Rückfragen. Damit die Gutachter anonym bleiben, werden ihre Fragen beim FWF abgetippt und von dort an die Antragsteller geschickt. Je klarer und besser der Forschungsantrag, umso schneller kommt sein großer Auftritt: bei der Sitzung des Kuratoriums, die sechsmal im Jahr stattfindet. Neben dem Sachbearbeiter und einem Präsidiumsmitglied hat nur der zuständige Referent die Gutachten gelesen. Er referiert die Projekte und Bewertungen. Die Delegierten wissen bis dahin nur, welche Punktezahlen zwischen 0 und 100 die Forschungsanträge bekommen haben. Über einige wird nach fünf Minuten im Sinne des Referenten entschieden. Über andere wird gestritten, wenige werden vertagt.

Viele Antragsteller fragen bei den Sachbearbeitern vor Sitzungsterminen telefonisch an, ob sie dran sind, und gleich danach, wie es für sie gelaufen ist. Schriftlich kriegen sie es dann mit Passagen aus den Gutachten, wiederum abgetippt vom Sekretariat. Knapp über fünf Monate warten sie beim FWF durchschnittlich auf die Entscheidung. Dank E-Mail und Internet geht es schon einen Monat schneller als vor zehn Jahren.

Billig ist das alles nicht. Die Gutachter kriegen zwar keinen Groschen. Die Referenten kommen für wöchentlich ein bis zwei Tage FWF-Tätigkeit immerhin auf 11.000 Schilling im Monat. Vor allem die 40-köpfige Verwaltung fällt ins Gewicht. Ein Antrag, positiv oder negativ, Projekt oder Stipendium, kostet den FWF im Schnitt etwa 40.000 Schilling.

In den Papierkorb wandert der Forschungsantrag jedenfalls nicht - im Gegenteil: Nach der Bewilligung wächst er zu einer dicken Akte.

Per Revision wird sichergestellt, dass keine Forschungsmittel ertfremdet wurden. Ob tatsächlich geforscht wurde, was einmal beantragt und begutachtet wurde, wird nur bei Folgeanträgen geprüft. Den wissenschaftlichen Ertrag misst der FWF nicht.

Aber das ließe sich nachholen. Im Keller der Weyringergasse 35 im vierten Wiener Gemeindebezirk lagern sämtliche Forschungsanträge samt Schriftverkehr seit den Siebzigerjahren. S. L.

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