Vom Leiden zum Ankreuzen

Antragsforschung. Wie überzeugt man Unbekannte von den eigenen Ideen? Wie zensiert man Kollegen? Eine Antragschreiberin und ein Gutachter über ihre Erfahrungen, protokolliert von

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Einige meiner Kollegen schreiben ihre Forschungsanträge in ein, zwei Tagen runter. Das könnte ich nicht. Ich leide richtig für einen Antrag. Das ist für mich ein kreativer Prozess. Erst muss ich mich selbst überzeugen, bevor ich andere überzeugen kann.

Ich habe mal von einem angehenden Doktoranden gehört, der anstelle einer Bewerbung einen Projektantrag für die Stelle formulieren sollte. - Wie man Anträge schreibt, gehört zwar zur wissenschaftlichen Ausbildung: Ich mache das aber immer noch selbst. Schließlich hängt davon ab, ob ich meine acht Mitarbeiter bezahlen kann.

Das Formblatt ist das wenigste. Aufs Expose kommt es an. Obwohl formlos, ist die Struktur mehr oder weniger vorgegeben. Am Anfang die Zusammenfassung, dann der Forschungsstand, der Stand der eigenen Arbeit, vorläufige Ergebnisse. Erst danach das Ziel des Projekts und die geplanten Experimente. Die Methoden sind das Wichtigste. Am Ende steht ein Zeitplan und die zitierte Literatur. Geschrieben wird in anderer Reihenfolge. Erst der eigene Stand und das Projekt, dann der Forschungsstand, den Anfang schreibe ich zuletzt.

Die besten Ideen schreibt man natürlich nicht rein. Unter den Gutachtern sind schließlich die Konkurrenten. Die ganz großen Einfälle hat man sowieso nicht beim Projektschreiben. Eigentlich denken wir in Projekten, die über zehn, zwölf Jahre gehen. Für die Teilprojekte auf dem Weg gibt es die Anträge. Man schreibt sie, wenn man gerade gute Ergebnisse hat. Die vorläufigen Ergebnisse im Antrag sind in Wirklichkeit manchmal schon reif zur Publikation. In den sechs Monaten, bis ein Projekt bewilligt ist, kann man die Sache ja nicht liegen lassen. Das Geld fließt dann eben ins nächste Teilprojekt. Der FWF weiß das. Dagegen hat er nichts, sonst stünde er ja als Bremser da.

Beim FWF stelle ich gern Anträge. Die Gutachter sind kompetent, meine Arbeit ist bekannt. Ich muss nicht groß meine Fantasie bemühen und mir irgendwelche Anwendungen ausdenken. Bei der EU ist das anders. Da muss das Thema sexy klingen. Von vier Anträgen hat mir die EU zwei bewilligt. Das ist weit über dem Durchschnitt. Ich glaube, das war einfach Glück. Ein Haufen Blabla muss da drinstehen, der später doch nicht geprüft werden kann. Sechs Monate zieht sich das. In jeden dieser EU-Anträge habe ich sicher 100 Stunden gesteckt.

Uns Antragstellern wird nicht gesagt, wer uns begutachtet. Aber oft geben sich Gutachter von selbst zu erkennen. Vielleicht bewusst oder unbewusst, damit ich ihre Anträge eines Tages ebenfalls positiv bewerte. Natürlich schreibe ich lieber Papers als Anträge. Ich lese aber lieber Anträge als Aufsätze. In Anträgen stecken einfach mehr Ideen."

Renee Schroeder ist Molekularbiologin am Vienna Bio Center.

Gutachten schreiben ist für mich ein Service an der Scientific Community. Ich lehne nur ab, wenn ich zeitlich überfordert bin oder etwas nicht in mein Gebiet fällt. Man lernt einiges dabei, zum Beispiel, gute Wissenschaft von schlechter zu unterscheiden. Bezahlt wird nichts. Gäbe es Geld für Gutachten, wäre es fraglich, ob sie von denjenigen geschrieben werden, die es am besten können, oder von denen, die es am nötigsten haben.

Bei mir stapeln sich Anträge, Papers, Habilitationen, Dissertationen, Doktorarbeiten, neue Bücher. Einige Journals bestrafen leider ihre besten Referees, indem sie ihnen immer mehr Arbeiten schicken. Wenn es geht, lese ich die Sachen im Flugzeug. Manchmal überkommt es mich, dann arbeite ich den Stapel einfach ab. Ganz schlechte Papers kriegen von mir oft nur einen Zweizeiler. Bei einem Antrag muss man dagegen immer eine eingehende Begründung liefern. Dafür brauche ich einige Stunden bis fast einen Tag.

Von der Bewilligung von Anträgen hängt es zum Beispiel ab, ob da ein junger Mitarbeiter drei Jahre dissertieren darf. Damit geht man nicht unverantwortlich um. Bei 80 Prozent der Anträge kenne ich die Autoren. Junge Antragsteller haben bei mir automatisch einen Vertrauensvorschuss. Was man als Gutachter nicht will, sind 100-Seiten-Anträge. Da muss kurz und konkret drinstehen, was der Projektwerber machen will. Zum Glück sind die Schwafler in meinem Business rar.

Die Kernfrage lautet für mich: Gibt es da einen neuen Zugang, eine echte Innovation? Deshalb muss der Antragsteller zeigen, dass er weiß, was es auf dem Gebiet schon gibt, und das muss ich ihm auch abnehmen können. Oder wird bloß das Alte neu aufbereitet? Dann gibt es von mir keine Gnade. Wäre reine Verschwendung öffentlicher Mittel. Das zweite Kriterium ist die Durchführbarkeit. Wir alle haben die Erlaubnis und die Pflicht, zu träumen und wissenschaftliche Visionen zu haben, aber der Antragsteller muss schon Gründe liefern, wie er mit dem Projekt und den beantragten Mitteln ans Ziel kommen kann.

Der FWF hat das fairste Verfahren, das ich kenne. Bei der National Science Foundation in den USA muss man ,Tick Boxes' ankreuzen, darauf kommt es an, und die ausführliche Projektbeurteilung wird oft ignoriert. Ich hätte einen förderwürdigen Antrag einmal fast in die zweithöchste Kategorie von fünf möglichen gestuft, da sagte mir ein Kollege, dass der Antrag rausfliegt, wenn auch nur einer der Gutachter nicht die höchste Kategorie ankreuzt.

Aus Italien hatte ich mal einen schlechten Antrag, den aber sehr gute Wissenschaftler eingereicht hatten. Die waren es bis dahin einfach gewohnt, ihr Geld sowieso zu kriegen. Da fühlt man sich als Gutachter schon für dumm verkauft. Ich habe geschrieben, dass sie den Antrag überarbeiten sollten, und das auch einem der involvierten Kollegen persönlich mitgeteilt. Von dem erfuhr der Koordinator des Antrags, dass ich der Gutachter war. Der hat das persönlich genommen und mich jahrelang boykottiert, wo es ging. Hat mich sicher einige Kongresseinladungen gekostet. Egal, ich habe eh zu viel zu tun.

Wer sollte unsere Arbeit beurteilen, wenn nicht unsere Kollegen? Ich kenne kein besseres System. Ich finde es gut."

Peter Markowich ist Mathematiker an der Uni Wien.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige