Der Preis der Qualität

Spitzenforschung. Der Wittgenstein-Preis, Österreichs höchstdotierte Auszeichnung für Wissenschaftler, ist eine gezielte Förderung wissenschaftlicher Exzellenz. Das Preisgeld muss wieder in die Forschung gesteckt werden - was sehr verschiedene Dinge bedeuten kann.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Denn wer da hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden." Was Matthäus da in seinem Evangelium (Matt. 25, 29) als eine der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten schlechthin beschrieb, hat auch in der Wissenschaft seine Geltung: Wie der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton herausfand, werden die Arbeiten von Forschern mit hoher Reputation nicht nur eher wahrgenommen als die ihrer weniger bekannten Kollegen: Für eine völlig gleichwertige wissenschaftliche Leistung erhalten jene, die ohnehin schon anerkannt sind, mehr Anerkennung als die, die immer schon im Schatten standen.

Das von Merton entdeckte "Matthäus-Prinzip" der Wissenschaft hört bei der ungerechten Anhäufung symbolischen Kapitals nicht auf, sondern setzt sich bei der Verteilung der Forschungsgelder munter fort: Forscher, die anerkannter sind, kommen im Normalfall leichter an Projektfinanzierungen, können deshalb aufwendigere Forschungen durchführen, die wieder zu besseren Ergebnissen führen. Die bringen wieder mehr Anerkennung, was es wiederum ermöglicht, noch leichter an noch mehr Projektmittel heranzukommen, um ... - und so weiter und so fort.

Im Sinne der höheren Gerechtigkeit kann man das für beklagenswert halten und fordern, dass hier vonseiten der Forschungspolitik aktiv gegengesteuert werden sollte. Tatsächlich herrscht aber internationaler Konsens darüber, dass sich forschungspolitisch das Gegenteil empfiehlt: Überall dort, wo in der Forschung Spitzenleistungen erzielt werden, da soll noch mehr Geld investiert werden.

Naturgemäß teilen auch die Spitzenforscher diese Ansicht - wie etwa der angewandte Mathematiker Peter Markowich von der Universität Wien, der nach einer langen und steilen Karriere im Ausland erst vor zwei Jahren wieder nach Wien zurückkehrte: "Dort, wo international Konkurrenzfähiges passiert, dort müssen Mittel zugeschossen werden." Dass damit auch sein eigenes Institut bzw. jener engere Fachbereich gemeint ist, in dem der 43-jährige Professor lehrt und forscht, bleibt trotz allem Understatement nicht verborgen.

Wie zur offiziellen Bestätigung seines forschungspolitischen Credos wurde der Mathematiker heuer mit dem Wittgenstein-Preis ausgezeichnet, dem mit zehn bis 20 Millionen Schilling höchstdotierten Preis für Wissenschaftler in Österreich. Diese Millionen sind nämlich im Grunde zugeschossene Mittel für exzellente Wissenschaftler, die das Geld zu 100 Prozent wieder in die Forschung stecken müssen. Eingerichtet wurde der Preis unter dem damaligen Wissenschaftsminister Rudolf Scholten nach Vorbild des Leibniz-Preises in Deutschland. Entschieden wird über die Preisträger in einer internationalen Jury, was wiederum vom FWF abgewickelt wird, dessen Präsident Arnold Schmidt der eigentliche Initiator des Preises war.

Seit 1996 ist der Preis insgesamt zehnmal vergeben worden, was bedeutet, dass inzwischen auch schon erste Zwischenbilanzen gezogen werden können, die je nach Preisträger bzw. disziplinärer und institutioneller Herkunft denkbar unterschiedlich aussehen. Die Linguistin Ruth Wodak zum Beispiel, die 1996 den Preis gewann, sah sich vor die Herausforderung gestellt, mit dem unverhofften Geld neben ihrer Professur eine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen. "Wir Geistes- und Sozialwissenschaftler haben - anders als die Naturwissenschaftler - keine bestehenden Teams. Während dort ein Preis erlaubt, die Teams auszuweiten und neue Themen zu erforschen, ging es bei mir darum, etwas völlig Neues zu entwickeln."

Wodak gründete ein Wittgenstein-Institut, das nun an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist und mehr als ein halbes Dutzend junger Wissenschaftler unter einem Dach versammelt. Das sei in den Sozial- und Geisteswissenschaften eher unüblich, aber, so Wodak: "Innovative Forschung findet nur in Teams und in der Face-to-face-Interaktion statt."

Für Erwin Wagner, den stellvertretenden Direktor des hoch renommierten Instituts für Molekulare Pathologie (IMP), sind solche Teams Selbstverständlichkeit. Der Molekularbiologe, der erst kürzlich mit der Identifizierung eines Gens, das bei Mäusen Knochenwachstum befördert, Furore machte, leitet am IMP seit langem eine eigene Arbeitsgruppe - und hat am Forschungsinstitut des Pharmariesen Böhringer-Ingelheim alles, was er für seine Arbeit braucht.

Also beschloss er etwas eher Unübliches - nämlich mit dem Preisgeld eine neue Forschungsgruppe am IMP zu initiieren. Nach einigem Suchen entschied man sich für die damals erst 29-jährige Entwicklungsbiologin Annette Neubüser, die seit 1998 die so genannte Wittgenstein-Gruppe leitet. Ausschlaggebend für diese Wahl war natürlich die wissenschaftliche Exzellenz Neubüsers - aber auch ihr Alter spielte eine Rolle, wie Wagner klarstellt: "Wir am IMP wollen nicht warten, bis die Leute 40 sind, ehe sie Gruppenleiter werden und ihre Projektanträge dann auch besser beurteilt werden."

Dass Wagners selbstlose Weitergabe des Preisgeldes an eine autonome Forschungsgruppe vielleicht doch nicht hundertprozentig im Sinne des Wittgensteinpreis-Erfinders liegt, kann sich auch Kim Nasmyth vorstellen, der von einem "delicate misunderstanding" spricht. Der geborene Brite und Direktor des IMP war im Vorjahr alleiniger Wittgenstein-Preisträger und hat anders als Wagner fest vor, das Preisgeld in die eigenen Forschungen zu stecken. Am konkreten Konzept, wie er das Geld auszugeben gedenkt, arbeite er jedenfalls gerade.

Ebenfalls im Planungsstadium befindet sich Andre Gingrich, der zweite Wittgensteinpreisträger des Jahres 2000 - und der zweite solcherart ausgezeichnete Sozial- bzw. Geisteswissenschaftler. Der Ethnologe möchte seine bereits bestehenden Teams bzw. Untersuchungen in Arabien und Zentralasien ausbauen und sie in etwas Größeres unter dem Titel "Lokale Identitäten im Zeitalter der Globalisierung" integrieren. Außerdem will er mithilfe des Preisgelds stärker interdisziplinäre Forschungsanliegen verfolgen - die bereits geknüpften Kontakte reichen schon jetzt von der Zeitgeschichte bis hin zur Wissenschaftsforschung.

Im Detail noch unklar ist auch, was Peter Markowich konkret mit seinem Preisgeld machen wird. Das langfristige, große Ziel freilich steht längst fest: Ein internationales Zentrum für angewandte Mathematik soll ins Leben gerufen werden. Mit dabei werden womöglich auch zwei andere Wittgensteinpreisträger sein - Walter Schachermayer und Georg Gottlob. Ein solches Institut würde nach den Plänen von Markowich Forschungsprogramme von internationalem Rang abwickeln und vor allem: junge Spitzenwissenschaftler unterstützen. Denn der Mathematiker ist überzeugt, dass das Problem des wissenschaftlichen Nachwuchses in Österreich die forschungspolitisch drängendste Frage der Gegenwart ist.

Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Lehrer, dem Erfolge in der Lehre über alles gehen - selbst noch über den Wittgenstein-Preis: "Das größte Auszeichnung für mich ist, wenn meine Schüler erfolgreich sind und gelobt werden."

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige