Die Sprache der Wirtschaft

Drittmittel. An vielen Instituten sind sie aus den Budgets nicht mehr wegzudenken. Doch um an sie heranzukommen, braucht es Infrastruktur, Unternehmergeist und die richtigen Themen.

Wolfgang Schweiger | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Siegfried Selberherr ist gerade von einer Konferenz aus Singapur zurück. Die weite Reise hat sich gelohnt. Projektideen entstehen im Gespräch mit anderen Fachleuten. Alte Kontakte zu pflegen und neue aufzubauen, das ständige Suchen und Werben um Kooperationen ist für den Wiener Professor das A und O. Selberherr spricht die Sprache der Wissenschaft genauso wie die Sprache der Wirtschaft. Die Frage, wie viel seiner Arbeitszeit das Networking ausmacht, hält er für falsch gestellt. Forschung, Lehre und Management, sagt Selberherr, sind in seinem Beruf nicht zu trennen.

Er ist Dekan der Elektrotechniker an der Technischen Universität Wien. Regulär stehen der gesamten Fakultät heuer eine Million Schilling Reisespesen zur Verfügung. Tatsächlich ausgegeben wird zehnmal so viel. Schon dieser Umstand rechtfertigt für ihn das Werben um Drittmittel.

Bei der Einwerbung von Forschungsgeld ist die Elektrotechnik der TU Wien Selberherrs Einschätzung zufolge Österreichs erfolgreichste Fakultät. Im letzten Jahr hat der Forschungsfonds 15 neue Projekte bewilligt. Zusammen mit anderen indirekten Bundesmitteln schlug das mit 26,5 Millionen Schilling zu Buche. Auf dem freien Markt sind 60 Projekte entstanden, für gut 97 Millionen Schilling. Daneben fallen die Betriebs- und Investitionsmittel vom Bund mit 30,3 Millionen Schilling nicht mehr stark ins Gewicht.

Drittmittel werden recht unterschiedlich interpretiert. Rechnet man Förderungen vom FWF mit? Gehören EU-Gelder dazu? Wie steht es mit Forschungsausschreibungen des Staates? Eine mögliche Abgrenzung bietet der weniger geläufige Begriff der Zweitmittel für alle über Mittlerinstitutionen wie den FWF oder die EU vergebenen Forschungsgelder. Die bisherige Statistik weckt eher Verwirrung. Erst die zurzeit laufenden Evaluierungen dürften zuverlässige Zahlen bringen. Von ihnen werden die künftigen Dotationen abhängen. Für eingeworbene Drittmittel soll es einen Bonus geben vom Bund. Die Universitäten wollen die genauen Zahlen jedenfalls nicht nach außen weitergeben, es sei denn an den Rechnungshof.

Das Institut für Mikroelektronik der Elektrotechnischen Fakultät kooperiert seit zwölf Jahren mit Sony. Alle drei Jahre werden die Ziele und Themen neu formuliert. Siegfried Selberherr schwärmt von gemeinsamen Projekten am "cutting edge" des Forschungsstands. Es geht um Verbindungsstrukturen in mikroelektronischen Bauelementen und um ultraschnelle Bipolarstransistoren. Mit beiden Themen tut sich die Mikroelektronik allein schwer. Doch dank gut gefüllter Institutskassen und neuester Ausstattung aus Japan kommt die Arbeit voran. Die TU-Forscher revanchieren sich mit Know-how. So werden für Sony Programme geschrieben. Mitarbeiter der Firma forschen gemeinsam mit Dissertanten. Der fachliche Austausch ist rege. Der Schwerpunkt liegt in der gemeinsamen Weiterentwicklung. "Patente anzumelden, könnten sich die Universitäten ohnehin nicht leisten", sagt Selberherr, "aber das gemeinsam erarbeitete Wissen kann bei unserem Partner in Patente münden."

Als verlängerte Werkbank würden die TU-Mikroelektroniker nie antreten, versichert Selberherr. Jedes Projekt müsse vereinbar sein mit der Charta des Instituts. Gegenseitige Leistungsvereinbarungen und Pflichtkataloge regeln den Rahmen der Zusammenarbeit. In erster Linie gehe es um Erkenntnisgewinn und eine optimale Ausbildung für die Studierenden und Nachwuchsforscher. Das Geld stehe erst an zweiter Stelle.

Kooperationen wie diese sind vergleichsweise neu in Österreich. Wesentlich länger bekannt sind bezahlte Gutachten und die klassische Auftragsforschung, bei der die Universitäten Entwicklungsarbeit leisten, die die Betriebe zwar selber machen könnten, allerdings zu erheblich höheren Kosten. Nirgends werden Infrastruktur und hochqualifiziertes Personal so billig angeboten wie an der Universität. Einzelne Institute sind regelrecht abhängig von Aufträgen aus der Privatwirtschaft. Der sparende Staat überlässt die Agenda der Forschung zunehmend der Wirtschaft. Die massiven Kürzungen der Dotationen, allein 1999 um bis zu 70 Prozent, haben nicht nur den Lehrbetrieb in Mitleidenschaft gezogen. Ohne neue Geräte wird es zusehends schwerer, im Wettbewerb um Drittmittel zu bestehen. Eine Besserung der finanziellen Lage ist nicht in Sicht. Dass die angekündigte Rechtsreform der Universitäten das Einwerben von Drittmitteln erleichtert, könnte eine Illusion bleiben. Viele Institute, die sich damit leichter tun, haben ihre Möglichkeiten bereits ausgeschöpft.

Anders sieht es aus, wenn die Startvoraussetzungen stimmen. Am Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität kommt einiges zusammen: hervorragend eingerichtete Labors, die in Europa ihresgleichen suchen, Spitzenforscher mit Unternehmergeist und ein Thema mit einem potenziell riesigen Markt. Walter Günzburg und sein Team erforschen retrovirale Viren und deren Einsatz als so genannteVektoren oder "Genfähren". Diese sollen dabei helfen, neue Therapieformen für die Krebsbehandlung zu entwickeln. Seit er vor vier Jahren nach Wien kam, hat er eine umfassende Kooperation mit der bayrisch-dänischen Bavarian Nordic etabliert.

Aufgrund der Ergebnisse aus seinem Projekt war Günzburg in der Position, dem Unternehmen die zukünftigen Patentrechte zu überlassen. Im Gegenzug erhält er dafür zusätzliche Mittel für die Institutsforschung, die nicht unbedingt an das gemeinsame Projekt gebunden sind. Die in die Entwicklung gesteckten Beträge können sich als Fehlinvestition erweisen oder als Goldgrube. Viele dieser Patente werden nie weiterverfolgt, das Risiko trägt allein der Unternehmenspartner. Reifen nur wenige Patente zur Therapie, ist das Wagniskapital gut angelegt. Das an der Kopenhagener Börse notierte Unternehmen hat heuer zusammen mit Günzburg eine zweite Firma gegründet und das Labor so für einen weiteren Geldgeber attraktiv gemacht: Die Austrian Nordic hat bereits EU-Förderung für zwei Projekte an Land gezogen.

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