Mitleid mit toten Mäusen

EU-Forschung. Fairer Wettbewerb oder Glücksspiel? Das 5. Rahmenprogramm ist das bislang teuerste Experiment. Österreichische Forscher haben beim Ringen um EU-Gelder nicht nur positive Erfahrungen gemacht.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Was der Wiener Genetiker Karl Kuchler als Gutachter der Europäischen Union erlebt hat, füllte schon manchen fröhlichen Abend unter Kollegen. Brüsseler Geschichten von Projektanträgen, die argumentfrei abgebügelt oder aus landsmännischer Verbundenheit in den Himmel gelobt wurden. Von Ergebnissen zwanzigköpfiger Expertenrunden, die auf politischen Druck in den Papierkorb wanderten. Von einem Mitgutachter, der eines der wesentlichen Gebiete des Fachs nicht einmal dem Namen nach kannte. Lustvoll gelacht wird darüber nur in geselliger Runde.

Das Beunruhigendste ist das Desinteresse der Politik und der Medien, seitdem im Dezember 1998 unter österreichischem EU-Vorsitz das so genannte 5. Rahmenprogramm bis 2002 mit einem Gesamtbudget von 14,96 Milliarden Euro (etwa 206 Milliarden Schilling) beschlossen wurde.

Verteilt wird nach einem unerprobten Mix von Methoden und Mechanismen. Dabei schweben über dem bislang teuersten Experiment in Sachen Forschungsorganisation noch die Schatten des Vorgängers. Ist aus den gravierenden Schwächen des 4. Rahmenprogramms gelernt worden? Oder setzen sich die Kuhhändel und Fehlurteile fort?

Eingeschlossene Gutachter Der Schauplatz ist Brüssel. Bei der EU kommen die Anträge nicht zu den Gutachtern, sondern die Gutachter zu den Anträgen. "Montags früh trifft man ein. Man kriegt 20 Proposals a 30 bis 60 Seiten auf den Tisch und wird eingeschlossen", schildert Kuchler die paranoide Szenerie. "Wir dürfen weder Computer noch eine Bibliothek nutzen. Man darf weder Anträge noch Notizen ins Hotel mitnehmen." Weil die Gutachter nichts nachlesen können, stochern sie im Nebel, wo sie bei anderen Förderinstitutionen am deutlichsten zu urteilen haben: Ist die vorgeschlagene Arbeit wirklich neu und originell?

"Bis Mittwoch muss man alles gelesen haben. Dann beginnt die Diskussion", berichtet Kuchler weiter. Im Panel treffen sich nicht nur die vier, die einen Antrag gelesen haben, sondern zwanzig Experten, die über 80 bis 100 Projekte richten. "Die Panels waren teilweise von einzelnen Ländern dominiert", erinnert sich Kuchler an die bis vor zwei Jahren üblichen Zustände. Immer wieder endete die Gültigkeit der gemeinsamen Beschlüsse an der Saaltür. "Wozu die Arbeit, wenn dann doch politisch entschieden wird?", fragte sich damals nicht nur der Wiener.

Die EU hat reagiert. Ad-hoc-Gruppen beobachten die Verfahren und nehmen von Jahr zu Jahr Änderungen vor. Einige davon nach Kuchlers Geschmack: "Jetzt muss man begründen, warum man ein Proposal ablehnt. Die Kriterien sind besser und klarer. Dass wir auch Risiken und ethische Probleme betrachten, gefällt mir gut. Mit der Gewichtung kann ich leben." In einem Punktesystem entfallen bis zu 50 Prozent auf die wissenschaftliche Qualität und 20 Prozent auf die Führungsqualität der Beteiligten. Dass die Anträge aufgrund der früheren Missbräuche anonymisiert werden, schafft allerdings ein neues Problem: "Das Absurde ist, dass ich das Management von jemandem evaluieren muss, den ich nicht namentlich kenne."

Das Verfahren selbst wurde auf zwei Wochen ausgeweitet. In der ersten Woche werden nur die wissenschaftliche und personelle Qualität der Anträge beurteilt. In beiden Teilen brauchen diese jeweils die Mindestnote 4 auf einer Skala von 0 bis 5. "Ein Gutachter, der auf einer 1 oder 2 beharrt, kann ein Proposal killen", weiß Kuchler. "Ich habe oft erlebt, dass Proposals durchgepuscht werden, obwohl zwei der vier Gutachter sie nicht für gut genug halten. Leider besteht eine hohe Chance, dass zwei Leute keine Ahnung haben."

Nach Kuchlers Schätzung haben "dreißig bis vierzig Prozent der Gutachter nicht die zutreffende Expertise oder die nötige internationale Erfahrung." Die Tagessätze von 400 Euro, umgerechnet 5500 Schilling, können Spitzenleute nicht motivieren. Als Berater in der Industrie erhalten sie zwei- bis dreimal so viel. Dagegen reißen sich Wissenschaftler aus den assoziierten Staaten in Osteuropa um den Job in Brüssel, der ihnen pro Tag ein Monatsgehalt einbringt.

Übergangene Landsleute Erst einmal hat Kuchler erlebt, dass ein Proposal von allen Gutachtern die Höchstnote 5 bekam - ausgerechnet eines aus seinem Spezialgebiet. Keiner der Experten hatte das Projekt gesehen. Weil er immer wieder gefordert hatte, dass im Panel nur diejenigen reden, die etwas auch gelesen haben, hielt er sich schweren Herzens heraus. Zwei Wochen später bekam Kuchler den Antrag in der zweiten Runde zu Gesicht. Obwohl nur die wirtschaftlichen, ethischen und sozialen Aspekte zu bewerten waren, konnte er sich nicht halten. "Das Proposal war wissenschaftlich eine Katastrophe, eindeutig eine 1 oder 0." Zwei weitere Leute vom Fach bestätigten sein Urteil. Im Panel stieß Kuchler auf taube Ohren. Die Wissenschaft sei entschieden, die Diskussion beendet.

Zu seiner Erleichterung waren die Verwertungsstrategie und der soziale Wert des Proposals so schwach, dass die Gesamtnote knapp unter 4 sank. Drei der vier Erstgutachter stellten sich als Landsleute des Antragstellers heraus. "Wenn ich ein Projekt aus Österreich kriege, lege ich es zurück", sagt Kuchler. "Das ist unüblich und wird sogar ungern gesehen, weil es den Ablauf stört."

Seine Kollegin Renee Schroeder kennt die EU-Bürokratie bisher als Projektkoordinatorin. Vor kurzem musste die Genetikerin alle 18 am Projekt beteiligten Forscher in Wien zusammenrufen, um zwei Tage einer Kommissarin aus Brüssel Rede und Antwort zu stehen. Traurige Bilanz: 150.000 Schilling Spesen und mehr als vierzig verlorene Arbeitstage. "Herausgekommen ist nur, dass wir einen nichtdeutschen Postdoc für das Partnerlabor in Jena finden müssen, weil das in einer ,less favoured region' liegt und deshalb Punkte bringt oder kostet. Aber welcher qualifizierte Postdoc geht in ein unterdurchschnittliches Labor in Ostdeutschland?"

Kritische Theorie Fritz Betz sagt nur ein Wort. Implementierung. Oder Disseminierung. Oder Kompetitivität. Und seine Kollegen beginnen zu schmunzeln. "Das sind Running Gags unter Soziologen. Jeder weiß sofort, dass es um die EU geht", versichert Betz. Der Wiener Kultursoziologe hat die europäische Dimension von Forschung am eigenen Leib kennen gelernt. Er war Projektkoordinator. "Die Hälfte der Zeit war ich mein eigener Sekretär. Die haben jeden Monat einen Bericht gefordert. Der Aufwand war die Hölle."

Dass die EU ihre Sozialwissenschaftler am großen Kuchen teilhaben lässt, ficht Betz nicht an. "Als sozio-ökonomische Begleitforschung sind wir jetzt in jedem Programm dabei. Da wird aber keine Grundlagenforschung gefördert, sondern nur technokratischer Mainstream, und der muss sich im Jargon des Rahmenprogramms bewegen." Heute frönt Betz mittels nationaler Fördertöpfe wieder Kritischer Theorie und Diskursanalyse. Andere haben nicht gezögert, ihre EU-Erfahrungen zu versilbern.

Um die Beschaffung von Forschungsgeld ist ein undurchsichtiger Markt von Beratern entstanden. "Leute, die in Brüssel auf der Matte schlafen", spotten ehemalige Forscherkollegen. Eine Variante dieses Geschäfts hat Herwig Reichl erlebt. Der steirische Biotech-Unternehmerbekam eine E-Mail aus Deutschland. Der Projektvorschlag klang interessant. Tatsächlich wollte das angebliche Forschungsinstitut nur den Antrag ausarbeiten - gegen zwanzig Prozent der bewilligten Summe, versteht sich.

Bürokratische Informationslöcher Auf dubiose Helfer kann Reichl gut verzichten. Sein Unternehmen Haemosan, das demnächst aus der Steiermark ans Wiener Biozentrum übersiedelt, ist im Ringen um EU-Forschungsgelder sozusagen Europameister der untersten Gewichtsklasse. Mit seiner siebenköpfigen Firma, die vor allem als Forschungsdienstleister für Diagnostik, speziell BSE, auftritt, hat Reichl vier Anträge gestellt und allesamt durchbekommen. Nun ist der forschende Unternehmer gleichzeitig Koordinator von drei laufenden Projekten. "Es ist nicht so schlimm, das sind Mythen", kommentiert er den bürokratischen Aufwand. Das Hauptproblem seien "Informationslöcher bei den Partnern". Etwa wenn das Tierlabor in Schottland die Mäuse anderen Auftraggebern überlässt, ohne Bescheid zu geben.

In den Projekten müssen nicht nur mehrere EU-Staaten vertreten sein, sondern auch etwa zur Hälfte Wissenschaft und Industrie. Im Programm "CRAFT" waren drei kleinere Unternehmen vorgeschrieben. Reichl dachte bei der Partnersuche vorrangig auch an mögliche Kunden. Als Unternehmen muss Haemosan die eigene Forschung selbst finanzieren, denn die EU zahlt nur die Kosten der ausschließlich forschenden Partner. Dafür liegen die Verwertungsrechteallein auf der Firmenseite. Als unerwartetes Schmankerl entwickelte Haemosan in einem der EU-Projekte eine Technologie, die heute 20 Prozent des Umsatzes ausmacht, quasi nebenbei.

Der pragmatische Steirer, der einst eine Doktorarbeit sausen ließ, um Entwicklungshelfer zu werden, tat sich mit den Anträgen leicht. Die Mäuse müssten nach 14 Monaten sterben, vermerkte er unter "ethischen Aspekten", die Versuche seien aber so angelegt, dass sie künftig gegen null gehen würden. "Viele Wissenschaftler sind sich zu fein, darauf einzugehen. Sie sagen einfach: Wir wissen, was am besten ist. Und dann sind die Punkte futsch."

Während an den Universitäten über niedrige Bewilligungsquoten von bereichsweise nur acht Prozent gestöhnt wird, stehen die Chancen für Firmen bislang besser. Viele forschende Kleinunternehmen in Österreich scheuen das Abenteuer EU-Forschung dennoch, so Reichl, aus Angst vor der englischen Sprache und dem überschätzten Papierkrieg.

Für mehr österreichische Beteiligung wirbt auch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Voriges Jahr wurde bei allen Medizin- und Biologieprofessoren schriftlich angefragt, ob sie sich als EU-Gutachter bewerben wollen. Vor allem an Klinikern herrscht in Brüssel Mangel. "Die Response war ziemlich gering", bedauert Ministeriumsmitarbeiter Markus Pasterk. Seiner Erfahrung nach bewertet die große Mehrheit der österreichischen Gutachter die Brüsseler Sitzungen positiver als Karl Kuchler.

Von intimen Einsichten in das Verfahren hat Kuchler als Antragsteller bisher nicht profitiert. Ihm selbst wurde in der letzten Ablehnung beschieden, er habe die technischen Mittel zu enthusiatisch geschildert. Dass der unbestrittene Technologieführer ein Projektpartner war, konnten die Gutachter aus dem anonymisierten Antrag nicht ersehen. Kuchlers Zwischenbilanz: "Das Verfahren ist schon fairer als früher. Aber es hat immer noch etwas von einem Glücksspiel."

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