Trotz Einheit: mehr Vielfalt!

EU-Forschung. Die EU-Rahmenprogramme sorgen auch auf forschungspolitischer Ebene für eine immer stärkere Angleichung der beteiligten Länder. Das ist nicht nur von Vorteil.

Peter Biegelbauer | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Le savant a une patrie, mais la science n'en a pas." Es war der große französische Wissenschaftler Louis Pasteur (1822-1895), der auf den Punkt brachte, was sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abzeichnete: dass zwar der Gelehrte ein Vaterland hat, nicht aber die Wissenschaft. Symptomatisch dafür: Ab dem Jahr 1860 kam es zu einer jährlichen Verdopplung internationaler wissenschaftlicher Kongresse.

Dass sich die Forschung im Laufe des 20. Jahrhunderts von einem rein national orientierten Unterfangen hin zu einer nahezu global organisierten Tätigkeit entwickelte, hatte zunächst ganz andere Gründe als jene der Forschungspolitik: Die erste "Internationalisierungswelle" der Wissenschaft in den Dreißigerjahren war ein tragisches Nebenprodukt des NS-Terrors, der Hunderte jüdische und linke deutsche und österreichische Wissenschaftler vertrieb.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg waren es zunehmend forschungspolitische Gründe, die eine wissenschaftliche Kooperation über die Grenzen hinweg immer wichtiger machten: Die steigenden Kosten großer wissenschaftlicher und technischer Projekte - von der Erforschung kleinster Materiebestandteile bis zur Weltraumforschung - führten insbesondere in Europa zur Gründung internationaler Großforschungsprojekte wie etwa des CERN in Genf oder der European Space Agency (ESA). Parallel dazu wurden forschungspolitische Institutionen wie COST oder EUREKA eingerichtet, die sich um die innereuropäische Vernetzung in der angewandten Forschung bemühten.

In den Achtzigerjahren erreichte die Forschungszusammenarbeit in Europa eine neue Qualitätsstufe: Nach rund vierjährigen Verhandlungen beschloss die EU bzw. der damalige EWR das erste europäische Rahmenprogramm für Forschung und Technologie, das 1984 für vier Jahre zu laufen begann. Mit einer Reihe von gezielten Forschungsprogrammen sollte damit die innereuropäische Kooperation - und nicht zuletzt auch jene zwischen der Industrie und der Wissenschaft - forciert werden, um so zur Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Gemeinschaft beizutragen.

Mittlerweile hält man beim fünften derartigen Rahmenprogramm, an dessen finanziellen Dimensionen sich die weiter wachsende Bedeutung der EU-Forschung zeigt: Während das erste vierjährige Rahmenprogramm mit 3,8 Milliarden Euro (damals noch Ecu) dotiert war, stehen im seit 1999 laufenden fünften Rahmenprogramm 15 Milliarden Euro (also rund 205 Milliarden Schilling) zur Verfügung. Nach unterschiedlichen Berechnungen handelt es sich bei dieser Summe um rund fünf Prozent der insgesamt im EU-Raum für F&E aufgewendeten Mittel. Und da man EU-Projekte im Regelfall um bis zu 50 Prozent durch nationale Mittel ergänzt, wird also knapp ein Zehntel der in der EU für F&E verwendeten Mittel durch die EU-Rahmenprogramme vergeben.

Das allein ist schon bemerkenswert. Noch wesentlicher für die forschungspolitische Integration Europas ist aber der langfristige Steuerungseffekt, der sich aus dem politischen Prozess der laufenden Adaptierung der Rahmenprogramme ergibt - also ihre ständige Kontrolle und Neubewertung: Denn bei den aufwendigen Evaluierungen des aktuellen und den Verhandlungen des zukünftigen Programms sind nahezu alle relevanten nationalen und internationalen Gremien der Forschungspolitik beteiligt.

Der politische Aushandlungsprozess, der in diesem hochkomplexen Verhandlungssystem auf unterschiedlichsten Ebenen abläuft, bedingt einen ständigen Kontakt zwischen verschiedenen nationalen Ministerien und Experten sowie den Institutionen der Union - hier allen voran der Europäischen Kommission, aber auch dem Parlament. Diese ständigen Interaktionen zwischen den Akteuren wiederum bewirken einen raschen Transport neuer Vorstellungen von Forschungs- und Technologiepolitik und führten in den letzten Jahren dazu, dass das Verhandlungssystem EU völlig neue Koordinationsfunktionen erhalten hat.

So konnten neue forschungspolitische Maßnahmen, die sich in einzelnen Mitgliedsländern der EU bewährt haben, rasch ihren Weg in andere Länder antreten - eine Entwicklung, die in dieser Form ohne den forschungs- und technologiepolitischen Koordinationsprozess über die Rahmenprogramme schwer vorstellbar wäre. Wie weit diese Abstimmung bereits fortgeschritten ist, zeigte erst unlängst eine vergleichende Studie über die Forschungspolitik zwölf verschiedener europäischer Länder. Sie geht mittlerweile so weit, dass die verantwortliche Koordinatorin der Studie - Jacqueline Senker von der renommierten Science Policy Research Unit (SPRU) in Essex - forderte, dass die Vielfalt nationaler forschungspolitischer Systeme beibehalten werden müsse: Allein diese Vielfalt nämlich verhindere, dass Irrtümer wiederholt werden.

Tatsächlich würde man sich mancherorts etwas mehr Resistenz gegen eine allzu eindimensionale Übernahme jener von der EU mitpropagierten F&E-Politik wünschen, die sich nahezu ausschließlich an ökonomisch verwertbaren Ergebnissen orientiert. Prinzipiell ist gegen eine auf Anwendung bedachte Forschung natürlich nichts einzuwenden - denn warum sollte Forschung von Vornherein anderen Verwertungszusammenhängen unterliegen als das Bauen von Häusern, die Verarztung von Patienten oder viele andere menschliche Tätigkeiten?

Allerdings sollte hier der gesellschaftliche und nicht der unmittelbare ökonomische Nutzen abgeschätzt werden. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird es schwierig sein, die Arbeit eines Ägyptologen zu bewerten. Gesellschaftlich betrachtet hingegen mag diese sehr wohl Sinn machen: Forschungen solcher Art könnten mit dazu beitragen, geschichtliche Ereignisse besser zu verstehen und uns selber als Teil einer Gesellschaft zu begreifen, die ihre Geschichte aktiv gestaltet.

Bei der kritisierten Eindimensionalität der EU-Forschungspolitik geht es nicht allein um die Geistes- und Kulturwissenschaften, die im laufenden Rahmenprogramm so gut wie keinen Platz haben: Die EU-Verträge erlauben grundsätzlich keine Förderung von Wissenschaft um der Wissenschaft willen, sondern ausschließlich problemorientierte oder anwendungsorientierte Forschung.

Doch immerhin ist auch auf EU-Ebene ein Umdenken zumindest in Sachen naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung bemerkbar. Zurzeit wird in Brüssel heftig darüber diskutiert, wie man diese auch auf europäischer Ebene gezielter fördern könnte - wenn letztlich doch nur wieder aus ökonomischen Gründen: Sie ist heute für die industrielle Forschung so unentbehrlich geworden, dass man schlechterdings nicht auf sie verzichten kann.

Peter Biegelbauer (beagle@ihs.ac.at) ist Politikwissenschaftler, Assistent am Institut für Höhere Studien und leitet ein Projekt zur europäischen F&E-Politik.Im Frühjahr dieses Jahres erschien seine forschungspolitische Dissertation "130 Years of Catching Up With the West" bei Ashgate.

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