Trotz Einheit: mehr Vielfalt! /Interview mit Raoul Kneucker: "Keine Binnengrenzen für die EU-Forschung"

Interview: Klaus Taschwer | aus HEUREKA 4/00 vom 27.09.2000

Raoul Kneucker ist Sektionschef im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Der Zuständigkeitsbereich des Spitzenbeamten umfasst den Bereich Forschung und Internationale Angelegenheiten.

heureka!: Die Kritik wird lauter, dass Europa in Sachen Forschung und Entwicklung gegenüber den USA und Japan an Boden verliert. Was will man auf EU-Ebene dagegen tun?

Raoul Kneucker: Will Europa konkurrenzfähig sein und weiterhin internationale Top-Forscher beschäftigen, sind über die bisherigen Rahmenprogramme hinaus neue Formen der Forschungskooperation gefragt. Bislang gab es eine Zusammenarbeit ja nur auf dieser Basis. Zwar ist innerhalb der Programme, der beteiligten Konsortien und Projekte eine erste Stufe der Kooperation und Mobilität erreicht. Doch nun kommt es darauf an, dass wir einen nächsten Schritt setzen.

In welche Richtung?

Zusätzlich zum Rahmenprogramm wird ein Bündel von neuen Initiativen vorbereitet, die unter dem Titel "Europäischer Forschungsraum" umgesetzt werden. Forschungsraum deshalb, weil damit auf der Ebene der Wissenschaft die Idee des Binnenmarktes umgesetzt werden soll. Dann gibt es für Europas Forschung keine Binnengrenzen mehr - was gravierende Auswirkungen für alle Beteiligten haben wird.

An welche Auswirkungen denken Sie da?

Nehmen wir die Mobilität von Wissenschaftlern. Heute gibt es nur die geschützte Mobilität von Studierenden und von Jungforschern. Sobald man aber Forscher mobil machen will, die an der Universität oder bei Betrieben angestellt sind, gibt es gravierende Probleme, weil weder das Arbeits-, das Steuer-, noch das Sozial- und Pensionsversicherungsrecht innerhalb der EU einheitlich sind. In den Vereinigten Staaten ist das kein Problem: Nichts einfacher für einen Forscher, als von New York nach Kalifornien zu übersiedeln. In Europa hingegen ist es viel schwieriger, einen Forscher dazu zu bringen, mobil zu sein. Denn am Ende muss er zusehen, wo er zum Beispiel mit seinen Pensionszeiten bleibt.

Das kann aber nicht die einzige Maßnahme sein, um konkurrenzfähiger zu werden ...

Bisher stimmen die EU-Mitgliedsländer ihre nationalen Strategien nicht miteinander ab. Es muss grundsätzlich ein geeigneter Mechanismus für die Koordination der nationalen und der EU-Programme für F&E gefunden werden. Dadurch kommt es zu einer Arbeitsteilung, die nicht nur die Forschung, sondern auch die Universitäten und die Lehre erfasst. Das würde allen gut tun und ist nicht nur eine Frage der Ersparnis. Spezialisierungen bieten einfach eine bessere Ausbildungsqualität. Schon heute ist zu beobachten, dass viele der besten österreichischen Studenten ihr Studium im Ausland beginnen.

Auch bei der materiellen Infrastruktur ist die europäische Forschung im Hintertreffen.

Das stimmt. Hier ist in Zukunft an die Einrichtung eines transeuropäischen Hochgeschwindigkeitsnetzes für Forschungszwecke gedacht. Eine andere Maßnahme in dieser Richtung wäre der koordinierte Aufbau so genannter Centers of Excellence.

Was hat man sich darunter vorzustellen?

Das ist innerhalb der EU noch nicht genau festgelegt. Grundsätzlich wohl Großforschungseinrichtungen, die zwar in einem bestimmten Land angesiedelt sind, aber auch den anderen EU-Ländern zur Verfügung stehen. Künftig sollte in jedem Mitgliedsland zumindest ein solches Center of Excellence stehen.

Was wäre das in Österreich?

Das Großforschungsprojekt Austron, eine so genannte Neutronenspallationsquelle. Vergangene Woche habe ich Austron auf der Infrastrukturkonferenz der EU in Straßburg politisch - und nicht inhaltlich - vorgestellt. Bis Ende des Jahres wollen wir die Verhandlungen abschließen und danach dem Ministerrat berichten. Wir haben ja schon zweimal versucht, eine internationale Großforschungseinrichtung nach Österreich zu bringen, was in beiden Fällen durch mutloses Vorgehen verpatzt wurde. Austron ist seit Jahren vorbereitet und wird gebraucht: Es gibt sowohl in der Industrie als auch in der Wissenschaft einen großen Bedarf an Neutronenquellen.

Über Austron soll auch der neue österreichische Forschungs-Rat mitentscheiden. Wie weit muss sich die österreichische Forschungspolitik künftig mit dem Europäischen Forschungsraum abstimmen?

Die wichtigste Aufgabe für den neuen Rat besteht natürlich darin, eine umfassende forschungspolitische Strategie festzulegen und für eine entsprechende Budgetpolitik einzutreten. Das muss weiterhin in Österreich selbst geschehen - aber natürlich unter Berücksichtigung einer optimalen internationalen Arbeitsteilung. Die bisherigen EU-Programme haben für Österreich vor allem einen Import von bestimmten Forschungsschwerpunkten gebracht. An den Rat wird zunächst einmal die Frage gestellt, welche Initiativen er zur bestmöglichen Nutzung der EU-Programme für die österreichische Wissenschaft und Industrie setzt.

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