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Stefan Löffler und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

"Der Gelehrte hat ein Vaterland, aber die Wissenschaft nicht." Fast scheint es, als ob sich der Satz des französischen Biologen Louis Pasteur (1822 -1895) heute ins Gegenteil verkehrt habe. Denn wer als Forscher Karriere machen will, muss mobil sein, seine Heimat verlassen, zeitweise oder für immer. Dafür haben die Vaterländer den wirtschaftlichen Wert der Wissenschaft entdeckt und allerlei Haushaltsposten, Förderinstitutionen und Steuerbegünstigungen eingeführt.

Wie global also ist die Wissenschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich? Ist ihre Internationalisierung Fluch, Segen oder nicht doch Ideologie? Die Antworten hängen natürlich vom jeweiligen Standort ab. Ein neues Phänomen ist die Globalisierung der Forschung jedenfalls nicht, wie der Bielefelder Soziologe Rudolf Stichweh im Gespräch mit heureka klarstellt: Schon in der frühen Neuzeit hatten sich Gelehrte grenzüberschreitend ausgetauscht. Mitte des 19. Jahrhunderts kam das internationale Konferenzwesen in Schwung, um 1900 vernetzten sich die nationalen Akademien der Wissenschaften. Und seit 1901 werden die bedeutendsten Forschungsleistungen mit dem Nobelpreis prämiert - ohne Ansehen der nationalen Herkunft, aber durchaus mit patriotischer Anteilnahme in der Heimat der Ausgezeichneten.

In den letzten 25 Jahren gingen rund 60 Prozent der wissenschaftlichen Nobelpreise in die USA. Die Europäische Union macht sich nun daran, die nationalen Forschungspolitiken zu bündeln und die Mobilität der europäischen Forscher zu erleichtern, um den USA auf wissenschaftlichem Gebiet das Wasser zu reichen, erklärt Achilleas Mitsos im Interview für heureka. Mitsos ist Grieche und seit einem halben Jahr Leiter der Generaldirektion Forschung in Brüssel. In Österreich hat die EU die überfällige Internationalisierung in Fahrt gebracht. Seit dem Beitritt 1995 ist der ausländische Anteil an den Forschungsaufwendungen von rund einer Milliarde auf zehn Milliarden Schilling pro Jahr schier explodiert. Und Österreichs Studierende zählen zu den eifrigsten Bewerbern um EU-Stipendien. Auch die Berufungen ausländischer Wissenschaftler an österreichische Universitäten sind mehr geworden. Die internationalen Neuzugänge werden bei den berechtigten Klagen über die Abwanderung der jungen Talente meist ignoriert.

Wie ein wirklicher Brain-Drain aussieht, hat heureka 60 Kilometer von Wien entfernt recherchiert. Der Tipp, die desolate Lage der Forschung in der slowakischen Hauptstadt Bratislava zu erkunden, kam von Lubomir Ftacnik, der trotz Doktorat Schachprofi geworden ist. Einer seiner beiden Brüder hängt gerade seine Karriere als Physiker an den Nagel und wechselt in seinen bisherigen Neben- und Brotjob. Der andere Bruder ist seit zweieinhalb Jahren der zuständige Minister, aber rat- und tatenlos. Die talentiertesten Leute wechseln in die Wirtschaft oder ins westliche Ausland.

So viel hat die Slowakei mit heureka gemein. Auch Redakteur Oliver Hochadel weilt an einer renommierten Universität in den USA (wird er zurückkommen?). In seinem Essay hinterfragt er die Universalität westlicher wissenschaftlicher Erkenntnis.

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