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Was haben die westlichen Wissenschaften und indigene Formen des Wissens einander zu sagen? Widersprechen, ergänzen oder bestätigen sie sich? Versuche einer Klärung - auf der Basis von Spurensuchen im südlichen Afrika und im Regenwald des Amazonas.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

Beginnen wir mit dem Selbstbild: Die Naturwissenschaft ist objektiv und universell, sie spricht eine Sprache, ihr Wissensdrang macht vor keinem Geheimnis Halt. Ihre Ergebnisse sind zeit- und ortsunabhängig reproduzierbar. Gleich ob Atombombe oder Aspirin, die Produkte funktionieren überall und jederzeit. Die Scientific Community ist per definitionem eine Weltgemeinschaft. An der Entschlüsselung des menschlichen Genoms wird in einem abgestimmten Projekt auf mehreren Kontinenten gearbeitet, in vielen Forschergruppen finden sich ebenso viele Mitarbeiter wie Nationalitäten. Die moderne Laborwissenschaft scheint somit kulturunabhängig zu sein. Oder?

Zeit für einen Perspektivenwechsel - bekanntlich der beste Weg für neue Einsichten. Für den Ethnomathematiker Ron Eglash vom Rensselaer Polytechnic Institute im Bundesstaat New York waren es Luftaufnahmen von Siedlungen im südlichen Afrika: Von oben zeigte sich, dass Logone-Birni in Kamerun oder Lebbezanga in Mali die Form von Fraktalen hatten. Fraktale entstehen durch die Wiederholung ähnlicher oder gleicher Formen in immer kleinerem Maßstab. Und sie sind allgegenwärtig in der afrikanischen Kultur. Diese oft sehr pittoresken Muster finden sich nicht nur in der Architektur, sondern auch in Kunst und Alltag, in Elfenbeinskulpturen, in der Haartracht und auf Hochzeitsgewändern.

Fragt sich der Westler: Wissen die Künstler und Handwerker in Ghana oder Gabun, was sie tun? Für einen Ethnologen verbietet sich eine derart direkte Frage. Sie fällt vielmehr auf den Betrachter zurück: Was meinen wir, wenn wir eine Intention unterstellen? Wir gehen von einem Individuum aus, dessen Rationalität westlich geprägt ist. Dass eine (ebenso rationale) Intention auch gemeinschaftlich sein kann und etwa beim Siedlungsbau gar über Generationen hinweg am Werk ist, will einem erst nicht so richtig in den Kopf.

Feldforscher werden nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Als Eglash ihnen sagte, er sei Mathematiker, waren die Afrikaner überaus erleichtert. Er würde sie nicht mit langjährigen Feldstudien über ihre Erfahrung von Trauer und ihre Initiationsriten traktieren. "Am Anfang haben sie aber nicht recht verstanden, auf was ich hinaus wollte", berichtet Eglash. Das theoretische Konzept der Fraktale ist schließlich ein westliches. Aber mithilfe visueller Medien, dem Vergleich von Computersimulationen und "angewandter" afrikanischer Mathematik, konnte er sich dann doch verständlich machen.

Wenn Ron Eglash in den USA einen Diavortrag über die mathematischen Errungenschaften afrikanischer Völker hält, sind seine Zuhörer oft mehr als erstaunt. Und sie fragen ihn, ob es hierfür eine gleichsam biologische Erklärung gebe, etwas, das in der Natur des Menschen liege. Wenn ein Europäer eine herausragende intellektuelle Leistung vollbringt, gilt er hingegen als Genie. (Unbewusster) Rassismus lauert noch in der kleinsten Gehirnwindung.

Derartige Vorurteile haben eine lange Tradition. Indigene Kulturen werden spätestens seit Rousseau gerne als "organisch" und naturverbunden beschrieben. Sie gelten als statisch, geschichtslos und repräsentieren die Steinzeit, den Menschen in seinem "ursprünglichen" Zustand. Komplexe Wissenschaft und Technologie müssen ihnen daher fremd sein. Dabei werden indigene Kulturen als Gegenbild zur westlichen Zivilisation konstruiert, und wie selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass Wissenschaft nur in ihrer abendländischen Form existiert.

Die afrikanischen Fraktale passen da nicht recht ins Bild. Michael Frame, Mathematiker an der US-amerikanischen Eliteuni Yale und ein enger Mitarbeiter von Benoit Mandelbrot, dem "Vater der Fraktale", nahm Eglashs Ergebnisse mit großem Enthusiasmus auf. Und verwendet sie in seinem Seminar über die Geometrie der Fraktale. Der New Yorker Architekt Bernard Tschumi verwendet afrikanische Fraktale bei einem Wettbewerb um den Bau eines Museums für afrikanische Kunst. Die Brücke zwischen den Kulturen muss keine Einbahnstraße sein, auf der nur Wissensgüter von der reichen in die arme Hemisphäre transportiert werden. Eglash kooperiert mit afroamerikanischen Mathematiklehrern, die ihren Schülern mit den Fraktalen ein genuin afrikanisches Kulturerbe und damit auch Rollenmodelle jenseits von Sportler und Musiker vermitteln können.

Einen analogen Ansatz verfolgt James Barta, Professor für Pädagogik an der Utah State University in Logan, der sich mit der Mathematik der Indianer beschäftigt. Er fand ausgeklügelte geometrische Muster im Schmuck der Schoschonen, heilige Zahlen in ihrer Religion und nicht zuletzt ein anschauliches Konzept der Unendlichkeit: "Mehr Haare als ein Pferd". All dies soll nun in den Mathematikunterricht in den Reservaten einfließen, um den kulturellen Zusammenhalt zu stärken. "Wir tun dasselbe, nur anders", resümiert Barta.

Schön und gut. Alle Menschen zählen, rechnen, messen, designen, wenn auch auf recht unterschiedliche Weise. Fraktale, Symmetrie und Unendlichkeit sind nicht auf eine Kultur beschränkt. Die Axiome der westlichen Mathematik werden durch die Ethnomathematik aber nicht infrage gestellt, sie wird nicht mit Gleichungen konfrontiert, die sie nicht lösen könnte.

Gibt es also doch so etwas wie einen kulturunabhängigen Kern der Wissenschaft? Verbirgt sich unter dem bunten Schleier kultureller Vielfalt eine tiefere Einheit? Oder besteht vielmehr eine fundamentale Unvereinbarkeit zwischen den verschiedenen Wissensformen? Zwischen diesen beiden Polen, zwischen Universalismus und kulturellem Partikularismus, schwingt das Meinungspendel hin und her. Wo aber liegt die Wahrheit? Dazwischen?

Perspektivenwechsel, die Zweite: von den Fraktalen der afrikanischen Steppe in das Dickicht des südamerikanischen Regenwaldes. Dessen einzigartiger Artenreichtum, über 80.000 Pflanzen und weiß Gott wie viele Millionen Tiere, macht das Amazonasbecken zur größten Freiluftapotheke der Welt. Am bekanntesten ist das Pfeilgift Curare, dass im Westen in synthetischer Form als Betäubungsmittel Karriere gemacht hat. Bleibt die Frage: Woher haben die indigenen Völker ihr pharmakologisches Wissen?

"Trial and error", sagt der Westen. "Ayahuasca", sagt der kanadische Ethnologe und Wahlschweizer Jeremy Narby. Seine verblüffende These: Die Schamanen erhalten ihr Wissen durch die Einnahme des Halluzinogens Ayahuasca ("Der Wein der Seele"). Ja mehr noch, was sie in ihren Visionen als ineinander verschlungene Schlangen beschreiben, ist für Narby die Doppelhelix der DNA, ein unendlich langer Informationsträger. Harter Tobak für westliche Rationalisten, aber Narby ist kein esoterischer Spinner. Er bezeichnet sich selbst gerne als "Enzym", als jemand, der Reaktionen auslösen und zum Dialog anstiften will, um Molekularbiologen und Schamanen an einen Tisch zu bringen.

Auch mit scharfen Worten, wenn Narby z. B. von "epistemologischem Rassismus" spricht und damit die westliche Unwilligkeit geißelt, andere Formen des Wissenserwerbs ernst zu nehmen. Man solle doch bitte seine Hypothese einem Test unterziehen.

Letztes Jahr war es dann so weit. Gemeinsam mit drei Biologen flog Narby nach Peru, um unter der Anleitung eines Schamanen Ayahuasca einzunehmen. Die Biologen sind im akademischen bzw. im Gentechnikbereich tätig, wollen aber anonym bleiben. Zwei von ihnen hatten in der Tat das Gefühl, mit einer unabhängigen Intelligenz zu kommunizieren und Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Der Dritte gesteht zumindest zu, dass sich durch diese Erfahrung Dinge für ihn geklärt hätten, schränkt aber ein: "Ayahuasca ist keine Abkürzung zum Nobelpreis."(1) Dies kann der US-amerikanische Neurochemiker Jace Callaway bestätigen, der an der finnischen Universität von Kuopio forscht. "In den USA würde ich erst einmal für fünf bis zehn Jahre ins Gefängnis wandern", scherzt er. Er hat mit den Methoden der westlichen Wissenschaft Ayahuasca jahrelang chemisch analysiert.

"Ich bin marginalisiert", räumt Callaway ein. Zwar konnte er immer wieder in guten Journalen veröffentlichen, aber die eigene Karriere hat er durch seinen berauschenden Untersuchungsgegenstand nicht gefördert. "Publish and perish", seufzt er. Seine Kollegen respektieren ihn einerseits, ziehen aber andererseits auch die Augenbrauen hoch. Sein Wissen über Ayahuasca bringt ihm keine Preise oder Forschungsgelder ein, wohl aber Einladungen als Gutachter zu Gerichtsprozessen, in denen es um die Frage geht, inwiefern Ayahuasca eine Droge ist.

Ein zentraler Bestandteil der meisten Formen von Ayahuasca ist DMT (Dymethyltreptamin) - ein natürlicher Stoff, der auch im menschlichen Gehirn produziert wird und laut Callaway für das "Sehen" in Träumen verantwortlich ist. Ein Halluzinogen als Mittel des Wissenserwerbs? Das will die westliche Wissenschaft nun doch nicht schlucken. Und wenn, dann nur anonym.

Sind also die verschiedenen Zugänge inkompatibel? "Das trifft nicht in allen Fällen zu", gibt sich der Ethnobotaniker Mark Plotkin semioptimistisch. Ein Gegenbeispiel ist für ihn die Ethnokartographie, in der die Ältesten eines Stammes nach ihrem geographischen Wissen befragt werden, nach Namen und Verlauf von Flüssen und Hügelketten. Diese Bezeichnungen fließen dann ein in die Kartographierung ihrer Gebiete, was wiederum Voraussetzung dafür ist, den Anspruch auf ihren eigenen Lebensraum rechtlich abzusichern. Indigenes Wissen und westliche Technik ergänzen einander hier.

Plotkin wurde bekannt durch seinen Reisebericht "Tales of a Shaman's Apprentice" und ist jetzt Leiter des Amazon Conservation Team mit Sitz in Washington. Er ist einer der Player im weiten und schwer durchschaubaren Feld der Ethnobotanik. Hier tummeln sich Ethnologen und Mediziner, Menschenrechtler und Umweltaktivisten, Biologen und findige Pharmaagenten. Ökonomische Interessen, ethische Anliegen und esoterisch anmutende Weltbilder kreieren eine eigenartige Dynamik und schließen einander nicht unbedingt aus. Es geht um die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes, die Rechte der Amazonasindianer auf ihr geistiges Eigentum, aber auch um potenzielle Mittel gegen Diabetes und Aids und somit um viel Geld.

In seinem heuer erschienenen Buch "Medicine quest" hat Plotkin Dutzende von Beispielen wirksamer ethnobotanischer Mittel aus der ganzen Welt zusammengetragen, die bereits Teil der medizinischen Praxis sind und längst auch in der Produktpalette westlicher Pharmariesen auftauchen: Schmerztabletten werden aus der Haut von Regenwaldfröschen gewonnen, der Speichel von Blutegeln erweist sich als wertvolles Antigerinnungsmittel (wichtig beim Wiederannähen von Körperteilen), aus Schlangengift wird ein Antitumormittel. Harte Fakten, Fußnoten und Versuchsreihen sind für Plotkin der einzige Weg, um die Mediziner an einen Tisch mit den Ethnobotanikern zu bekommen.

"Die westliche Medizin kann nicht alle Probleme lösen, und sie ist auch mehr und mehr bereit, das zuzugeben", sagt Plotkin. Gerade unlängst hätten ihn Mediziner von der Harvard Medical School kontaktiert. Namen könne er aber nicht nennen, die Verhandlungen seien noch am Laufen. Zudem müssten die Mitglieder einer altehrwürdigen und hoch angesehenen wissenschaftlichen Institution vorsichtig sein und auf ihre Glaubwürdigkeit achten. Schizophrenie gehört übrigens zu den Krankheiten, die der Westen nicht heilen kann.

Der israelische Wissenschaftsphilosoph Yehuda Elkana plädiert schon seit langem dafür, die Widersprüche, die man in der Praxis akzeptiert, endlich auch in der Theorie nachzuvollziehen. Die westliche Wissenschaft tut sich aber schwer damit, gerade wenn es um das Wissen von indigenen Kulturen geht, das nicht in die eigenen Raster passt. Wir sind freilich auf unser Ethno-Tour längst von der ach so harten Naturwissenschaft bei der etwas flexibleren Medizin angelangt, und hier hat bekanntlich Recht, wer heilt. Aus diesem Grund verschwimmen an dieser Stelle auch am ehesten die Grenzen zwischen den verschiedenen Formen des Wissens. Zumindest in der Praxis. < (1) Bald nachzulesen in: Shamans Through Time: 500 years on the path to knowledge, hg. von Jeremy Narby und Francis Huxley. New York 2001 (Penguin Putnam).

Mark J. Plotkin: Tales of a Shaman's Apprentice: An Ethnobotanist Searches for New Medicines in the Amazon Rain Forest. New York 1994 (Viking Press). $ 13.95 Mark J. Plotkin: Medicine Quest: In Search of Nature's Healing Secrets. New York 2000 (Viking). 304 S., $ 22.95

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