Weltweite Wissenschaft

War Wissenschaft immer schon global? Oder hat sie sich erst in den letzten Jahrzehnten globalisiert? Ein Gespräch mit dem Soziologen Rudolf Stichweh, Mitbegründer des ersten und einzigen Instituts für Weltgesellschaft, über die Bedingungen der wissenschaftlichen Internationalisierung, über die globale wissenschaftliche Vormachtstellung der USA und über disziplinäre Unterschiede.

Interview: Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

Vielleicht ist auch das typisch für die Globalisierung der Wissenschaften: dass nämlich das weltweit erste und bislang einzige Institut für Weltgesellschaft nicht in New York, London oder Tokio angesiedelt ist, sondern in der ostwestfälischen Stadt Bielefeld. Anfang November wurde die Forschungseinrichtung feierlich eröffnet. Dort sollen in Zukunft unterschiedlichste Phänomene der Weltgesellschaft untersucht werden - von globalen Finanzmärkten bis zu internationalen Sportvereinen.

Rudolf Stichweh, Dekan der Soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld und Lehrstuhl-Nachfolger von Niklas Luhmann, war und ist einer der Hauptproponenten dieses Instituts. Schließlich geht der Begriff "Weltgesellschaft" auch auf Niklas Luhmann zurück, der bereits vor knapp dreißig Jahren festhielt, dass Gesellschaft nur mehr als Weltgesellschaft zu beschreiben ist. Stichweh hat sich in seinen zahlreichen Büchern und Aufsätzen gleichermaßen mit den Wissenschaften wie auch mit der Weltgesellschaft beschäftigt. Seine neue Aufsatzsammlung "Die Weltgesellschaft. Soziologische Analysen" erscheint dieser Tage.

Warum heißt Ihr neues Institut in Bielefeld nicht Institut für Globalisierung, sondern Institut für Weltgesellschaft?

Rudolf Stichweh: Der Globalisierungsbegriff ist in vielen Hinsichten relativ unscharf. Das ist eher ein Prozessbegriff, der nicht genau sagt, von welchem System da gerade die Rede ist, in dem sich Globalisierung vollzieht. Mit dem in den letzten Jahren in Mode geratenen Begriff Globalisierung verbindet sich oft auch die Vorstellung, dass das ein Geschehen ist, das gerade erst anläuft und sich erst in den vergangenen ein, zwei Dekaden herausgebildet hat. Tatsächlich spielt sich das schon seit Jahrhunderten ab. Modernisierungstheoretiker wie Immanuel Wallerstein gehen von Strukturumbrüchen im 15. und 16. Jahrhundert aus, die zur Weltgesellschaft führten.

Gilt das auch für die Wissenschaft?

Ja. Auch in der Wissenschaft war bereits am Beginn der europäischen Neuzeit ein Kommunikationssystem vorhanden, das zwar nicht weltweit, so aber doch zumindest europaweit existierte. Es gab eine gemeinsame Sprache - Latein, zum Teil auch Französisch - und Scientific Communities, die nicht lokal oder national begrenzt waren. Im späten 18. und im frühen 19. Jahrhundert kam es dann allerdings zu einem einschneidenden Nationalisierungsprozess auch in den Wissenschaften, der mit einer kurzfristigen Umstellung auf nationale Sprachen einherging.

Das hat sich in der Zwischenzeit aber wieder geändert. Seit wann und warum?

Eine neuerliche Internationalisierung bzw. Globalisierung der Wissenschaften lässt sich seit rund 150 Jahren beobachten. Der wichtigste Faktor dabei ist meiner Ansicht nach die disziplinäre Differenzierung der Wissenschaften. Grundsätzlich sollte man sich dabei vergegenwärtigen, dass es eigentlich relativ unwahrscheinlich war, dass Wahrheitsansprüche über die Grenzen von Kulturen hinweg Geltung verleihen sollten - auch wenn das immer schon im Prinzip der Wahrheitsvorstellung lag.

Was hat die Aufteilung in Disziplinen daran verändert?

Die disziplinäre Differenzierung im späten 19. Jahrhundert erzeugte in gewisser Weise "Eigenkulturen" der Wissenschaften, die sich aus der Einbettung in territorial geprägte kulturelle Zusammenhänge lösten, aber auch aus anderen Sinnzusammenhängen wie der Religion oder der Erziehung. Die fortschreitende fachliche Differenzierung führte zu einer Spezialisierung der Fragestellungen, was wiederum die Anzahl der Kollegen verkleinerte, mit denen man kommunizieren konnte.

Gab es neben der disziplinären Spezialisierung noch andere Prozesse, welche die Globalisierung der Wissenschaften vorbereiteten?

Eine bedeutende Rolle spielten Fragen der technischen Standardisierung, auch und zumal im Zusammenhang mit der Telegrafie. Diese ganzen Standardisierungsfragen wurden vor allem für die Physik ein großes Thema und führten zu internationalen Arbeitszusammenhängen bzw. internationalen Vereinigungen, die sich damit bis heute befassen. Wichtig für die Globalisierung der Wissenschaften waren damals aber auch die Weltausstellungen.

Inwiefern?

Weltausstellungen boten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine wichtige Gelegenheit, die bedeutenden ausländischen Fachkollegen zu treffen. Im 20. Jahrhundert kommen dann viele andere Faktoren hinzu, wie zum Beispiel die Sprache. Bereits Ende des 19. Jahrhundert gibt es zwei, drei Sprachen, die in der internationalen Wissenschaftskommunikation dominieren. Ab etwa 1930 etabliert sich in den Naturwissenschaften das Englische als jene Sprache, in der alles publiziert und kommuniziert wird.

Weil Sie gerade von den Dreißigerjahren sprachen: Welche Rolle hat die erzwungene Emigration deutscher und österreichischer Wissenschaftler für die Globalisierung der Wissenschaften gespielt?

Dazu ist zum einen zu sagen, dass es insbesondere in den Naturwissenschaften bereits vor den Dreißigerjahren für junge Forscher selbstverständlich war, im Laufe ihrer Ausbildung an andere Labors in anderen Ländern zu gehen. In dem Sinne hat es also eine schnell zunehmende internationale Migration schon vor der NS-Zeit gegeben. Die vielleicht wichtigste wissenschaftliche Auswirkung dieser erzwungenen Emigration deutschsprachiger Forscher war wahrscheinlich der immense Schub, den sie für das US-amerikanische Wissenschaftssystem gebracht hat. Dass die USA nach 1945 zum dominierenden Zentrum der Weltwissenschaft wurde, das resultierte auch aus dem massiven Import von akademischem Personal aus den deutschsprachigen Ländern.

Sehen Sie die Rolle der USA als weltweit dominante Forschungsnation auch in der Zukunft?

Nein. Was man beobachten kann, ist eine Zunahme wissenschaftlicher Anstrengungen auch in Regionen der Welt, die bisher keine so große Rolle gespielt haben. Ich denke also, dass man prognostizieren kann, dass es ein langsames Erodieren des US-amerikanischen Anteils an der Weltwissenschaft geben wird. Das geht sehr langsam, aber das wird weitergehen. Dennoch stimmt es, dass es massive Vorteile gibt, die im Grunde auf Offenheit für Immigration beruhen: Sie haben auch heute in den USA einen massiven Import an Talenten aus vielen Regionen der Welt, der schon im Studium oder in der Graduate-Phase stattfindet.

Ist diese Internationalisierung von Forscherkarrieren eigentlich etwas Spezifisches für die Wissenschaften?

Ich denke, dass man das bei Eliten in einer Reihe von Funktionssystemen in der modernen Gesellschaft beobachtet. Die Muster sind im Einzelnen relativ verschieden. Dieses Eingebettet-Sein in eine fraglos globale Kultur, wie es für viele Forscher in vielen Disziplinen selbstverständlich ist, gilt auch für Manager in multinationalen Unternehmen. Oder für sportliche oder künstlerische Leistungseliten.

Beschränkt sich die Globalisierung auf die Naturwissenschaften? Oder gibt es diese Phänomene auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften?

Ich denke, dass eine Globalisierung auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften gegeben ist - die aber im Einzelnen doch sehr verschieden ist. Im Unterschied zu den Geisteswissenschaften weisen die naturwissenschaftlichen Forschungsobjekte keine nationalen oder kulturellen Eigenheiten auf. Dazu kommt, dass die Gegenstände der Forschung oft selbst nur mehr als globale Systemzusammenhänge sinnvoll beobachtet werden können - wenn Sie etwa an die Klimaforschung denken, an Fragen der Biodiversität oder globale medizinische Krisen wie Aids. Im Gegensatz dazu sind die Gegenstände der Geisteswissenschaften von nationaler oder kultureller Partikularität.

Was heißt das für die Internationalität dieser Disziplinen?

Das bedeutet natürlich auch in gewisser Weise eine Horizontverengung, für die es alle möglichen Korrekturmechanismen gibt - indem man beispielsweise Methoden oder Theorien verwendet, die nicht nur dem jeweiligen Forschungsgegenstand eigen sind. Aber auch, indem man vergleichende Perspektiven anstellt. In dem Sinn gibt es auch in den Geisteswissenschaften globale Kommunikationszusammenhänge. Nehmen Sie einfach die Germanistik: So viel ich weiß, liegt etwa das innovative wissenschaftliche Zentrum der internationalen Germanistik eher in den Vereinigten Staaten als in Deutschland. < Eine Langversion dieses Interviews findet sich im Internet unter: www.falter.at/heureka/ Bücher von Rudolf Stichweh (Auswahl): Wissenschaft Universität, Professionen. Soziologische Analysen. Frankfurt a. M. 1994. (Suhrkamp/stw 1500). 402 S., öS 218,-.

Die Weltgesellschaft: Soziologische Analysen. Frankfurt a. M. 2000. (Suhrkamp/stw 1500). 288 S., öS 196,-.

Rudolf Stichwehs Homepage: www.uni-bielefeld.de/soz/personen/stichweh_1.htm Homepage des Instituts für Weltgesellschaft: www.uni-bielefeld.de/soz/iw/

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