Karrieren ohne Grenzen

Die internationale Mobilität von Wissenschaftlern und die globale Vernetzung ihrer Forschung ist längst Realität. Wie aber schlägt sich das im Arbeitsalltag nieder? Was bedeuten beständige Ortswechsel für den einzelnen Forscher? Und was für den Wissenschaftsstandort Österreich?

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

Der Forscher als globaler Arbeiter. "Ich bin immer noch begeisterter Tiroler", sagt Lukas Huber. Das enthusiastische Bekenntnis zu seiner alpinen Heimat hat vielleicht auch damit zu tun, dass er in den letzten Jahren eher selten zu Hause war. Der Molekularbiologe, der einst in Innsbruck Medizin studierte und zur Zeit eine Forschungsgruppe am Wiener Institut für Molekulare Pathologie (IMP) leitet, hat seine bisherige wissenschaftliche Karriere vor allem im Ausland gemacht: Nach dem Studium war er zwar kurz Assistent in Innsbruck, ging dann aber für ein Jahr ans Deutsche Krebsforschungszentrum, anschließend für vier Jahre an das Europäische Molekularbiologische Labor (EMBL) in Heidelberg. "Danach folgten ein paar Jahre als Oberassistent in Genf, ehe ich 1996 ans IMP kam."

Lukas Huber bezeichnet sich selbst als "Global Worker" - und zwar ganz unprätentiös, denn Karrieren wie seine gelten in der Molekularbiologie längst als Normalfall: "Diese klassischen Laufbahnen - also dass man an einem Institut promoviert und Assistent wird, vielleicht einmal kurz ins Ausland geht, aber gleich wieder zurückkommt - die gibt es kaum mehr."

Der FC-Tirol-Fan vergleicht das heutige Forscher-Dasein mit dem von Profi-Fußballern, die ebenfalls alle paar Jahre den Klub und meist auch das Land wechseln. Als Familienvater von drei Kindern sieht Huber die häufigen Umzüge mittlerweile mit einiger Ambivalenz: "Einerseits ist es schön und bereichernd, so viel in der Welt herumzukommen. Andererseits wird das zur Belastung, wenn man eine Familie hat und dennoch flexibel und ortsunabhängig sein muss."

Multikulturelle Laborteams. Warum sind Forscher wie Lukas Huber gleichsam dazu verurteilt, mobil zu sein? Die Arbeitsverträge am angesehenen IMP, seinem aktuellen Forschungsinstitut, geben eine erste Antwort: Hubers Anstellung als Gruppenleiter ist auf fünf Jahre beschränkt, eine einmalige Verlängerung um drei Jahre ist möglich. Die Arbeitsverträge von Dissertanten enden nach drei Jahren, die von promovierten Forschern laufen nach zwei Jahren aus. Nach einer möglichen Vertragsverlängerung um ein Jahr ist auch bei ihnen ein "Vereinswechsel" angesagt.

Das wiederum schafft ziemlich multikulturelle Labormannschafte - die Fußball-Metapher stimmt auch da: Allein in Hubers insgesamt elfköpfigem Forschungsteam sind ein halbes Dutzend Nationen vertreten, seine Mitarbeiter haben so klingende Namen wie Yan Sun, Santosh Kumar, Snezhana Oliferenko oder Winfried Wunderlich. Die gemeinsame Sprache ist natürlich Englisch. Trotzdem gebe es immer wieder Verständnisschwierigkeiten, so Huber: "Denn wie teilt ein Chinese einer Russin oder einem US-Amerikaner seine Probleme mit, wenn er sich nicht seiner Muttersprache bedienen kann?"

Insgesamt sind am IMP zur Zeit 170 Personen aus insgesamt 24 Ländern beschäftigt. Zwar stammt mehr als die Hälfte nach wie vor aus Österreich, doch unter den Wissenschaftlern überwiegen längst die Ausländer, die übrigens - im Gegensatz zu den "indischen Computerspezialisten" - von der Quotenregelung befreit sind und nur eine Niederlassungsbewilligung brauchen. Dennoch gibt es immer wieder kleinere bürokratische Probleme, wie Werner Leitner von der Personalabteilung des IMP weiß: so habe die zuständige Behörde erst kürzlich ein polizeiliches Führungszeugnis vom gerade geborenen Baby eines ausländischen Mitarbeiters verlangt.

Internationalität und Qualität. Nicht nur das Laborteam von Lukas Huber und seine Laufbahn sind international. Auch die Kommunikationsstrukturen des Molekularbiologen sind "ausländisch" bestimmt. Lukas Huber hat in den vergangenen drei Arbeitstagen rund fünfzig E-Mails erhalten, vierzig davon mit Absendern jenseits der österreichischen Grenze. Lukas Huber ist außerdem "Frequent Flyer", hat als solcher heuer "30.000 Meilen gemacht" und war dabei vor allem in den USA und Europa unterwegs - zehn bis fünfzehn Mal im Jahr geht es zu internationalen wissenschaftlichen Konferenzen.

Das internationalistische Credo des globalen Arbeiters ist einfach und strapaziert nochmals den Vergleich mit dem Fußball: "In der höchsten Liga geht ohne Vernetzungen gar nichts mehr." Die persönliche Internationalisierung ist quasi zum Gradmesser für wissenschaftliche Qualität geworden.

Wie international ist aber der Wissenschaftsstandort Österreich jenseits der multinationalen Enklave IMP? Sind alle österreichischen Forscher so mobil und vernetzt? Wie steht es um die wissenschaftliche Import-Export-Bilanz des Landes? Gehen mehr Österreicher weg als ausländische Wissenschaftler nach Österreich kommen?

Eine nicht repräsentative Umfrage. Die Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Eine kleine Umfrage unter ausgewählten österreichischen Wissenschaftlern nach Mobilität und Vernetzung fördert jedenfalls ähnliche Erfahrungswerte zutage wie bei Huber. So besucht auch der Innsbrucker Physiker Peter Zoller jährlich etwa fünfzehn internationale Konferenzen. Zwei Drittel seiner sechzig E-Mails aus den letzten drei Tagen kommen nicht aus Österreich. Der 48-jährige Vorstand des Instituts für theoretische Physik hat zehn Jahre seines Forscherlebens im Ausland verbracht.

Ähnliche Zahlen kommen von den meisten befragten Forschern: Der Mathematiker Karl Sigmund hat 65 elektronische Nachrichten erhalten, davon die Hälfte aus dem Ausland. Zehn Flugreisen und zehn Konferenzen hat er heuer hinter sich. Die internationale Vernetztheit schlägt sich bei Sigmund auch in der Publikationsliste nieder. Rund ein Viertel seiner bisherigen Aufsätze hat er zusammen mit Kollegen jenseits der Grenze verfasst. Bei dem 36-jährigen Mathematiker Norbert Mauser tragen gar 20 von 35 Veröffentlichungen die Namen ausländischer Ko-Autoren - Mauser hat acht Jahre im Ausland geforscht.

Auch die befragten Sozial- und Geisteswissenschaftler sind international beschlagen. Die Philosophin Herlinde Pauer-Studer hat fünf Jahre lang vor allem im (US-amerikanischen) Ausland geforscht. Gemeinsame Publikationen mit ausländischen Autoren hat sie hingegen keine vorzuweisen, was freilich mit der individuellen Veröffentlichungspraxis ihres Fachgebiets erklärbar ist. Der Sozialforscher Ronald Poharyles, der das Interdisziplinäre Forschungszentrum Sozialwissenschaften leitet, ist überhaupt ein "Überflieger": Weil seine Forschungsprojekte überwiegend von der EU finanziert sind - und deshalb länderübergreifend organisiert sein müssen -, sitzt er rund sechsmal im Monat im Flugzeug. Seine Reisespesen im vorigen Jahr beziffert Poharyles auf rund eine Million Schilling.

Die europäische Dimension. Der EU-Beitritt im Jahr 1995 hat die Internationalisierung der österreichischen Wissenschaft nachhaltig beschleunigt. Das gilt zunächst auf finanzieller Ebene. In den vergangenen fünf Jahren ist der ausländische Anteil der Forschungsaufwendungen am Standort Österreich förmlich explodiert: von rund einer Milliarde auf zehn Milliarden Schilling pro Jahr.

Der EU-Beitritt hat auch die Mobilität verstärkt - und zwar auf allen Ebenen und in beide Richtungen. Programme wie Leonardo, Sokrates und Erasmus, die vom Österreichischen Austauschdienst im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur betreut werden, sorgen sowohl bei den Studierenden als auch bei den Wissenschaftlern für ein immer regeres Kommen und Gehen. So gab es an Österreichs Universitäten zwischen 1997 und 1999 immerhin rund 1000 ausländische Gastprofessoren. Bereits 32 Prozent aller österreichischen Universitätsabsolventen können mittlerweile einen mindestens dreimonatigen Studienaufenthalt im Ausland vorweisen.

Auf studentischer Ebene ist Österreich dabei eher ein Exportland: Während zuletzt rund 2400 ausländische Studierende pro Jahr über das Erasmus-Programm nach Österreich kamen, besuchten 3100 junge Österreicher auf diesem Weg eine ausländische Universität. Diese Aufenthalte sind zeitlich befristet und sehen eine Rückkehr an die ursprüngliche Universität vor.

Import- oder Exportland? So gut wie keine handfesten Zahlen gibt es darüber, wie viele Wissenschaftler sich in den vergangenen Jahren am Forschungsstandort Österreich niedergelassen und wie viele dem Land den Rücken gekehrt haben. Aufgrund der tristen Situation für den heimischen Wissenschaftsnachwuchs - Stichwort: Aufnahmestopp - ist anzunehmen, dass die Import-Export-Bilanz bei den 25- bis 35-Jährigen deutlich schlechter aussieht als bei den Studierenden. Zumal Österreich in Sachen Studienqualität international durchaus mithalten kann.

Christoph Lengauer, zur Zeit Assistant Professor am Krebszentrum der Johns Hopkins University in Baltimore, findet gar, dass seine Ausbildung an der Uni Salzburg geradezu vorbildlich gewesen sei. "Wir waren nur zwölf Genetikstudenten in unserem Semester. Im Vergleich zu Deutschland und den USA war mein Studium viel mehr "hands on", viel praktischer, Weltklasse." Auch Anton Wutz, Molekularbiologe am Whitehead Institute des M.I.T., meint rückblickend, dass ihm die Technische Chemie in Graz eine solide Wissensbasis auf den Weg gegeben habe.

Das eigentliche Karrieresprungbrett für die beiden waren die Jahre in Wien am Institut für Molekulare Pathologie, wo der eine Doktorand, der andere Post-Doc war und sie nach eigenen Aussagen für österreichische Verhältnisse "erstklassige Forschungsbedingungen" vorgefunden hätten. Nun forschen und leben die beiden Mittdreißiger in den USA und sind, genau wie ihr ehemaliger IMP-Kollege Lukas Huber, Väter dreier kleiner Kinder. Mit ihrem neuen Arbeitsumfeld sind beide sehr zufrieden - vor allem im Vergleich mit der Situation der jüngeren Wissenschaftlergeneration in Österreich.

Rückkehr mit Hindernissen. Warum die Forschung jenseits des Atlantiks um so viel besser ist, hat für Lengauer und Huber viele Ursachen. Grundsätzlich sei in den Vereinigten Staaten die Organisationsstruktur in den Wissenschaften viel flacher. Lengauer wörtlich: "Die strikte und unzeitgemäße Hierarchie an den österreichischen Universitäten unterdrückt Kreativität und Flexibilität." Es gebe in den USA auch nicht die Habilitation, was es gerade Nachwuchsforschern erleichtere, in verantwortliche Positionen aufzurücken.

Wutz ergänzt, dass man in den USA von Synergieeffekten profitiere, die sich aus dem oft exzellenten Umfeld ergäben. Natürlich wirke die Nähe zur Spitzenforschung als Motivationsschub. Schließlich sprechen auch handfeste finanzielle Gründe gegen den heimischen Karrierestandort: "Die Bezahlung für österreichische Universitätsassistenten ist lächerlich niedrig", meint Lengauer: "Das Geld reicht kaum aus, um eine Familie zu erhalten. Die Lebenshaltungskosten in den Vereinigten Staaten sind eher geringer, dennoch verdient ein Universitätsassistent dort im Durchschnitt viermal so viel wie in Österreich."

Ob sie dennoch wieder zurück in die "Heimat" wollen? "Im Prinzip: ja", sagt Anton Wutz, der seine Rückkehr bereits plant. Zumindest der deutschsprachige Raum soll es aus familiären und kulturellen Gründe sein. "Ja", meint auch Christoph Lengauer, "ich würde gern wieder in Österreich wohnen, weil ich dort irgendwie hingehöre." Doch aufs Ja-Wort folgt noch ein längerer Nachsatz: "Ich bin nicht habilitiert. Und meine Rückkehr an eine österreichische Universität würde drastische Gehaltseinbußen, weniger Zeit und weniger Ressourcen für meine Forschung bedeuten. Meine Vision ist es, ein Heilmittel gegen Krebs zu finden. Wie könnte ich unter diesen Voraussetzungen zurückkommen wollen?"

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