The Viennese Gemuetlichkeit

Die Bedeutung Österreichs als internationaler Wissenschaftsstandort hält sich in Grenzen. Doch zu wissenschaftlichen Kongressen kommt man gerne zu uns: Die Bundeshauptstadt Wien zählt zu den beliebtesten Konferenzstädten weltweit. Und das rechnet sich - zumindest für den Finanzminister.

Franz Gutsch | aus HEUREKA /00 vom 13.12.2000

Alle Jahre wieder freut sich die Scientific Community auf den September. Insider wissen, warum: Frühherbst ist Kongresszeit. Und wissenschaftliche Kongresse sind beliebt: "Gewiss, bestimmte Bußübungen sind zu absolvieren, so muss vielleicht ein Vortrag gehalten, müssen ganz gewiss Vorträge angehört werden", schreibt der britische Literaturprofessor David Lodge in seinem Roman "Small World". "Doch unter diesem Vorwand reist du zu neuen und interessanten Orten, lernst neue und interessante Leute kennen, knüpfst neue und interessante Kontakte, tauschst Klatsch und Vertraulichkeiten aus."

Glaubt man den Statistiken, dann zählt Österreich zu diesen neuen und interessanten Orten. Vor allem Wien konnte sich in den letzten Jahrzehnten als eine der beliebtesten Städte für wissenschaftliche Kongresse etablieren: 165 internationale Kongresse zählte die Union of International Associations (UIA) im Vorjahr. Das bedeutet den dritten Platz hinter Paris (247) und Brüssel (187), aber noch vor London (160) und Singapur (140). Als Kongressorte weit weniger begehrt sind die US-amerikanischen Forschungshochburgen, müssten doch viele Forscher im eigenen Land bleiben und sich zumeist mit anonymen Hotels als Tagungsorten zufrieden geben.

Die internationale Wissenschaft trifft sich also gerne in der Bundeshauptstadt, und sie kommt aus aller Welt. Als Reaktion auf den Regierungswechsel gab es heuer zwar auch ein paar Stornos. Diese scheinen allerdings nicht allzu stark zu Buche geschlagen zu haben: "Das ist unangenehm, aber erträglich", meinte jedenfalls der Wiener Wirtschaftskammerpräsident Walter Nettig. Vorsorglich hatte Tourismus-Staatssekretärin Mares Rossmann dennoch Soforthilfe angekündigt, und die Österreich Werbung wendete zehn Millionen zusätzlich für die Akquisition von Kongressen auf. Außerdem wird die Tourismusbank künftig auch Ausfallshaftungen übernehmen.

Schließlich steht auch einiges auf dem Spiel. Zwar machen die Wissenschaftskongresse nur ein Fünftel aller Konferenzveranstaltungen in Wien aus - die Mehrzahl entfallen auf nationale Tagungen bzw. Firmenmeetings. Dennoch ist ihre wirtschaftliche Bedeutung enorm. Allein die Wissenschaftlerkonferenzen in der Bundeshauptstadt füttern das BIP Jahr für Jahr mit rund 2,5 Milliarden Schilling: Mehr als 112.000 angereiste Wissenschaftler brachten es zuletzt auf 500.000 Nächtigungen jährlich und gaben pro Tag mehr als 5000 Schilling aus. Ein Teil davon entfällt auf die Tagungsgebühren, die schon einmal ein paar Tausend Schilling ausmachen können. Zum Vergleich: "Gewöhnliche" Touristen sind mit zirka 1000 Schilling pro Kopf und Tag deutlich weniger spendabel.

Die wissenschaftlichen Disziplinen sind dabei unterschiedlich stark vertreten. Besonders gern tagen die Humanmediziner in Wien, was zum Teil wohl auch auf die große medizinische Tradition der Stadt zurückgeht. Die Mediziner bestreiten allein ein Drittel der internationalen wissenschaftlichen Konferenzen. Ein weiteres Drittel verbuchen wirtschafts- bzw. politiknahe Fächer, dahinter rangieren naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Kongresse.

Die medizinischen Zusammenkünfte gehören dabei auch zu den größten Veranstaltungen ihrer Art: Der alljährlich im Austria Center stattfindende Kongress für Radiologie bringt 15.000 Teilnehmer in die Bundeshaupstadt. Zum Nierenkongress 2001 werden 4500 Personen erwartet, und der Internationale Ernährungskongress im selben Jahr wird immerhin auch stolze 3000 Ess-Experten zählen. 2003 wird dann die Europäische Gesellschaft für Kardiologie eine wissenschaftliche Megakonferenz in Wien ausrichten: Mit 30.000 Herzspezialisten aus aller Welt ist zu rechnen. Da wird es dann auch am Wiener Messegelände eng - zwei zusätzliche Hallen sind jedenfalls schon in Planung.

Der internationale Erfolg Wiens als Konferenzstadt hat viele Gründe. So gibt es mit dem Austria Center, dem Kongresszentrum in der Hofburg und der Wiener Messe gleich drei entsprechende Lokationen für Großveranstaltungen. Weiters verfügt Wien mit dem Vienna Convention Bureau über eine Institution, die sich auf Konferenzorganisation spezialisiert hat und in enger Kooperation mit dem Tourismusverband agiert.

Neben der guten Infrastruktur Wiens, der professionellen Ausstattung durch verschiedene Reisebüros und einer engagierten Werbewirtschaft liegt ein weiterer Grund natürlich im Angebot reizvoller Zusatzprogramme: Der Prater, die Heurigen und die Staatsoper sind zumeist fixe Programmpunkte der so genannten "Social Events" bzw. "Ladies' Programs". Eine typische Kongressankündigung verweist auf weitere Besonderheiten Wiens: "Discover this atmosphere of the ,city of waltz' and experience the famous Viennese Gemuetlichkeit."

Warum nicht? Dazu sind Kongresse schließlich da. Geforscht wird daheim. In Wien geht man tanzen.

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