Nationaler Hirnschwund

In der Slowakei gilt die Wissenschaft als eine der schlechtesten Karrieren überhaupt. Niemand kann das Ausmaß der Abwanderung der besten Köpfe ins Ausland und in die Wirtschaft beziffern. Für die Wissenschaftler im Nachbarland ist der intellektuelle Notstand ihr täglich Brot. Für die Politiker ist er kein Thema.

Text und Fotos: Stefan Löffler | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

Der Sohn eines Universitätsprofessors schmeißt sein Studium nach einem Jahr hin und wird Obsthändler: Im neuen Beruf verdient er dreimal so viel wie sein Vater. Eine 25-jährige Mathematikerin wird - nach Kontaktaufnahme per Internet - binnen kürzester Zeit von einer kanadischen Universität angestellt. Obwohl sie zur Bedingung gemacht hat, ihren Ehemann mitbringen zu dürfen. Ein Chemieprofessor ist die EU-geförderten Kooperationen leid: Seine besten Mitarbeiter verliert er an die Labors der ausländischen Partner und bleibt selbst, trotz durchgearbeiteter Wochenenden, mit leeren Händen zurück.

Geschichten wie diese sind in Bratislava Legion. Die Slowakei verliert viele ihrer besten Köpfe, und weder die Regierung noch die Europäische Union, der das Land in einigen Jahren beitreten soll, gehen dagegen an. Die Industrie kommt als Retter nicht infrage. Sie sei zu rückständig, die heimischen Erfindungen und Expertisen zu nutzen, bedauert Martin Kedro, Direktor des Zentrums für die Förderung der Wissenschaft und Technologie.

"Die Wissenschaft hat wenig Stellenwert in unserer Gesellschaft. Sie ist in der Slowakei eine der schlechtesten Karrieren überhaupt: wenig Gehalt, wenig Chancen, viele Probleme." In der Physik und in der Chemie, jenen Fächern, die Kedro am besten überblickt, gebe es ein typisches Überlebensmuster: "Die Mehrheit der zwischen 40- und 60-Jährigen versucht, alle zwei, drei Jahre für eine Zeit im Ausland zu arbeiten und dort etwas zu sparen."

Jan Ftacnik liebt die Forschung und die akademische Freiheit. Der Hochenergie-Physiker hat als Doktorand ein Jahr am Max-Planck-Institut in München verbracht. Als Postdoc war er drei Jahre am renommierten Fermilab in Rochester, in Long Island und Chicago. Jedes Jahr verbrachte er einige Wochen am CERN in Genf. Ftacniks Publikationsliste kann sich sehen lassen. Obwohl er seit 18 Jahren an der Universität ist, liegt sein Gehalt unter dem landesweiten Durchschnittseinkommen. All die Jahre hat Ftacnik seine Forschung durch Nebenjobs subventioniert. In Bratislava nichts Ungewöhnliches: "Ich kenne wenige Wissenschaftler, die keinen zweiten Job haben."

Von seinem Deutschland-Aufenthalt vor 15 Jahren brachte er einen der ersten Computer nach Bratislava. Er wurde bald ein gefragter Experte. Für ein paar Stunden Programmieren die Woche erhielt er mindestens so viel wie als Dozent. Voriges Jahr habe er ein Angebot aus der Computerbranche bekommen, das er nicht ausschlagen konnte. Von da an habe er 20 Prozent in der Uni gearbeitet und 80 Prozent als IT-Berater. Zu seiner Überraschung stellte er dabei fest, dass er überhaupt nicht litt - was auch mit der Entwicklung seines Fachs zu tun hat. "In der Hochenergie-Physik ist man einer von 250, die an einem Projekt arbeiten. Im Gesamtbild ist man nur ein Detail. Als IT-Berater bin ich für einige Leute verantwortlich und sehe die Resultate." Mit 43 Jahren sagt Ftacnik der Wissenschaft nun Lebewohl.

Auch Jan Cizmars Karriere als Mathematiker geht ihrem Ende zu. In Bitterkeit. Vor 1990 haben Forscher in der Tschechoslowakei der gehobenen Mittelschicht angehört. Nach über dreißig Dienstjahren verdient Cizmar heute nur umgerechnet 3300 Schilling. Ein Assistent fange mit monatlich 1800 Schilling an. "Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel", sagt der 65-Jährige, der nach seiner Pensionierung in wenigen Monaten einen Antrag auf Teilzeit stellen wird, um über die Runden zu kommen. Die Sparsamkeit ist ihm anzusehen. Im Büro trägt er zwei unterschiedlich gemusterte Pullover übereinander. Und dazu weiße Sandalen.

Jan Cizmar gehörte nicht zum Old Boys Network. Als Ersatzmann wurde er 1991 zu einem österreichisch-tschechoslowakischen Symposium eingeladen und bekam prompt ein Angebot. Drei Semester lang kam er für einige Wochen nach Graz, um Vorlesungen und Seminare über algebraische Geometrie zu halten - ein Gebiet, das in Österreich nicht besetzt ist, wie es auch in der offiziellen Begründung hieß, als er 1996 Gastprofessor an der Technischen Universität Wien war. Ein Arbeitsvisum war allerdings nicht drin. Nach spätestens 30 Tagen musste er aus- und wieder einreisen.

Viele Studierende in Bratislava beginnen mit einer Dissertation, um einen billigen Wohnheimplatz zu bekommen oder zu behalten. In seiner Fakultät, schätzt Cizmar, schließen 80 bis 90 Prozent ihr Doktoratsstudium nicht ab, sondern fangen in einer Bank oder Versicherung an - oft mit dem dreifachen Gehalt des Mathematikers. Ein 30-jähriger Kollege, auf den er große Stücke hält, ist der Wissenschaft bisher treu geblieben, "aber was wird, wenn er heiratet?"

Jan Ftacnik kennt das Dilemma mit dem Nachwuchs. "Fairerweise müssen wir ihnen sagen: Geht ins Ausland! Leider können wir nicht erwarten, dass sie zurückkommen und das Ganze hier voranbringen", sagt der scheidende Physik-Dozent. "Dass die guten Leute ins Ausland gehen, wäre ein Segen, wenn sie ihr Wissen eines Tages zurückbringen. Nicht viele wollen emigrieren, aber die Chancen in der Slowakei sind schlecht. Wir wollen nicht in einer Situation enden, wo nur noch die Schlechtesten übrig sind." Ftacnik zögert einen Moment, dann rückt er damit heraus: Sein Bruder Milan ist der zuständige Minister und hat die Lage der Forschung in zweieinhalb Jahren praktisch um keinen Deut verbessert.

Anfang der Neunzigerjahre hatte das Thema Brain-Drain Konjunktur. Die Europäische Gemeinschaft zahlte eine ehrgeizige Vergleichsstudie über den Verlust der besten Köpfe in zehn Ländern Osteuropas. Befragt wurden nur die Zurückgebliebenen und nicht, wie zunächst geplant, auch die in den Westen oder in die Wirtschaft Abgewanderten. Immerhin kam heraus, dass es den Forschern nicht nur um ihr Auskommen ging. Sie bemängelten vor allem die schlechte Ausstattung. Als die Ergebnisse 1994 vorgestellt wurden, habe es niemanden mehr interessiert, erinnert sich die an der Erhebung beteiligte Soziologin Olga Gyarfasova.

Konkrete Zahlen über die Abwanderung gab es damals so wenig wie heute. "Wir diskutieren oft über das Thema", sagt Dusan Valachovic vom slowakischen Bildungsministerium, er müsse aber zugeben, dass andere Themen Priorität hätten. Immerhin ist nun eine Studie geplant. Wenn Meciars Nachfolger ihr Desinteresse ablegen, könnte das auf sanften Druck zurückzuführen sein. Im Juni wurde bei einer UNESCO-Konferenz über den Brain-Drain diskutiert. Vor wenigen Wochen verabschiedeten Wissenschaftsfunktionäre aus Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei in Budapest ein Memorandum, um das Thema auf die politische Tagesordnung zu setzen.

"Wahrscheinlich ist das Ausmaß des Brain-Drain in allen vier Ländern vergleichbar", hat Jan Slezak von der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Budapest erfahren. Die Gehälter der Wissenschaftler seien jedoch in Ungarn doppelt so hoch, die Forschungsausgaben pro Kopf dort sogar fast zweieinhalbmal und in Tschechien immerhin fast zweimal so hoch wie in der Slowakei. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt betragen die staatlichen Forschungsausgaben in der Slowakei nur 0,37 Prozent. In der EU sei es mehr als das Doppelte, weiß Slezak.

Kein slowakischer Wissenschaftsfunktionär kennt die Denkmuster der EU besser als Martin Kedro. Drei Jahre hat er als Forschungskoordinator in Brüssel verbracht. "Die EU meint, wenn Slowaken nach Österreich oder Deutschland gehen, sei das kein Brain-Drain. Aber viele kehren nicht zurück." Dabei sei das Gegenmittel gewissermaßen schon auf dem Markt. Die EU zahlt jungen Forschern aus so genannten benachteiligten Regionen Zwei-Jahres-Aufenthalte in führenden Labors - vorausgesetzt, sie kehren anschließend für ein Jahr an ihre Heimatuniversität zurück. Das würde für die slowakische Situation genau passen, findet Kedro. Doch die assoziierten Staaten sind von dem nach Marie Curie benannten Programm ausgeschlossen.

Kedro selbst hat in Kanada promoviert. Seine Reisegenehmigung verdankte er dem Prager Frühling. Nach dem Einmarsch der Roten Armee haben 1968 tschechische und slowakische Wissenschaftler in Scharen das Land verlassen. Kedro aber ist trotz einer angebotenen Postdoc-Stelle in Hawaii ("Ich wette, jeder andere an meiner Stelle hätte angenommen") 1971 zu seiner Familie und seinen Freunden zurückgekehrt.

Heute ist es seine Aufgabe, Informationen über Forschungsmittel und Stellen unter seine Landsleute zu bringen. 1998 sei eine unglaubliche Zahl von Workshops und Konferenzen über Zusammenarbeit zwischen Österreich und der Slowakei veranstaltet worden. "Ich hätte fast jede Woche in Wien sein können. Ich bin zu sechs Terminen gefahren, und es war nicht nur Propaganda und Blabla, sondern recht nützlich", sagt Kedro.

Bilaterale Forschungsprojekte und Budgets für internationale Beziehungen in Österreich halten mittlerweile etliche slowakische Wissenschaftler über Wasser. Der Deal ist einfach: In Österreich gibt es pro Tag 1000 Schilling. Die wenigsten Gastforscher tragen den Spesensatz ins Hotel. Schließlich liegt nur eine Autostunde zwischen Bratislava und Wien.

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