"Wir werden die Kluft schließen"

Im globalen Forschungswettbewerb geben die USA zur Zeit eindeutig den Ton an. Heureka fragte den neu ernannten EU-Generaldirektor für Forschung in Brüssel, Achilleas Mitsos, warum das so ist. Und was die EU zu tun gedenkt, um den Vorsprung der Vereinigten Staaten wettzumachen.

Interview: Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

900 Milliarden Schilling jährlich trennen die Europäische Union von den USA. So viel mehr wird in den USA jährlich für Forschung und Entwicklung (F&E) ausgegeben als in den 15 EU-Staaten zusammen. Dabei ist das Bruttoinlandsprodukt annähernd gleich. Nicht nur beim Geld hapert es in der EU: Die nationalen Forschungspolitiken sind nicht aufeinander abgestimmt, geistiges Eigentum ist nicht ausreichend geschützt, die vorhandene Infrastruktur wird von der Forschung nicht ausgeschöpft. Das sind nur einige der Gründe, die Achilleas Mitsos auf heureka-Anfrage nennt, warum ein einheitlicher Europäischer Forschungsraum entstehen muss. Der in den USA promovierte Wirtschaftswissenschaftler mit griechischem Pass ist seit Juni Leiter der Generaldirektion Forschung in Brüssel. Zuvor hat Mitsos das EU-Programm "Ausbildung und Mobilität für Forscher" geleitet.

In den letzten 25 Jahren kamen mehr als 60 Prozent der Nobelpreisträger aus den USA. Warum so viele US-Amerikaner und warum vergleichsweise so wenig Europäer?

Achilleas Mitsos: Ich bin über diese bloßen Zahlen nicht übermäßig beunruhigt. Es ist normal, dass ein politisch, wirtschaftlich und finanziell so mächtiges Land wie die USA auch eine wichtige Rolle in Sachen wissenschaftliche Produktivität und technischer Fortschritt spielt. Was eher für Beunruhigung sorgen sollte, ist die Tatsache, dass viele Nobelpreisträger einen US-amerikanischen Pass haben, obwohl sie in Europa geboren wurden und hier aufgewachsen sind. Mit anderen Worten: Einige der brillantesten europäischen - und, wie ich betonen sollte: asiatischen - Forscher entschlossen oder entschließen sich, in die USA zu gehen, um dort Karriere zu machen. Und viele von ihnen kehren nicht zurück in ihr Ursprungsland - vor allem deshalb nicht, weil die Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler in den USA besser sind.

Was wird man in Zukunft in der EU-Kommission tun, um brillante Spitzenforscher zu halten bzw. aus anderen Teilen der Welt nach Europa zu bringen?

Die Attraktivität Europas als Forschungsstandort hängt nicht allein von der Europäischen Kommission ab. Europäische, nationale und regionale Instanzen - sowohl öffentliche als auch private - müssen zusammenarbeiten, um bessere Forschungsbedingungen in diesem Teil der Welt zu schaffen. Was nun die Frage des Abwanderns in die USA oder Japan betrifft, vertrete ich eine sehr einfache und klare Haltung: Es ist nahezu unter allen Bedingungen sinnvoll, in die USA zu gehen und dort einige Jahre zu arbeiten. Deshalb sollten wir es auch vermeiden, junge Forscher daran zu hindern, den EU-Raum zu verlassen. Wir müssen aber diese Forscher - mit all ihrem neuen Wissen, neuen Erfahrungen und neuen Sichtweisen - wieder zur Rückkehr ermuntern. Und dafür brauchen wir günstigere Forschungsbedingungen.

Vor Ihrer Tätigkeit als Generaldirektor für Forschung haben Sie die Mobilität der europäischen Wissenschaftler koordiniert. Warum ist Mobilität in diesem Bereich so wichtig?

Mobilität war ein Charakteristikum der europäischen Forschung seit dem Beginn der modernen Wissenschaft. Forschung beruht nun einmal auf intellektuellem Austausch und Konfrontation - möglicherweise in Europa mehr als sonst irgendwo in der Welt. Obwohl klar ist, dass diese Unterschiede die Wurzeln unserer europäischen Fragmentiertheit sind, sollten wir zugleich würdigen, dass sie auch eine Quelle für Kreativität und Bereicherung sein können. Das ist auch der Grund, warum die Mobilität von Forschern und Kooperationen so wichtig sind: Eine österreichische Forscherin, die in einem britischen Labor gearbeitet hat, wird eine andere Sicht der Dinge haben, wenn sie wieder zurück in Österreich ist. Dasselbe gilt für einen spanischen Wissenschaftler, der mit einer dänischen Gruppe gearbeitet hat. Weil Sie vorhin die USA angesprochen haben: Das ist ein Land mit einer gemeinsamen Sprache und Geschichte; dort ist Mobilität und Vernetzung leichter und selbstverständlicher als hier. Unsere Aufgabe ist es also, Bedingungen und Verhaltensmuster zu schaffen, die ähnlich den US-amerikanischen sind, ohne dabei die Einzigartigkeit jedes einzelnen Landes in Europa aufzugeben.

1999 lag Europa in allen F&E-Vergleichsdaten hinter den USA und Japan: Wir haben weniger Forscher, weniger Patente und weniger Hochtechnologie-Exporte. Und während die USA 2,7 Prozent und Japan 3,1 Prozent ihrer jeweiligen Bruttoinlandsprodukte für F&E aufwenden, sind es in Europa nur 1,9 Prozent. Wie soll sich da etwas ändern, wenn das Budget für das sechste Rahmenprogramm ab 2003, wie sich abzeichnet, nicht erhöht wird?

Ich darf Sie daran erinnern, dass die F&E-Investitionen für alle Regierungen in EU-Ländern von höchster Priorität sind. Die Abschlusserklärungen des Gipfels von Lissabon sind sehr klar und bringen eine starke Verpflichtung auf höchster Ebene zum Ausdruck. Wir wissen, dass es nicht leicht sein wird, in Zeiten der finanziellen Austerität die F&E-Ausgaben zu erhöhen. Doch wir haben auch keine wirkliche Alternative. Wir müssen in die Zukunft investieren. Ich persönlich bin überzeugt, dass wir die Kluft zwischen uns und unseren wichtigsten Mitstreitern schließen werden. Was nun das sechste Rahmenprogramm anlangt, kann ich nur sagen, dass noch niemand das künftige Budget kennt. Wenn wir aber einen guten Vorschlag machen, der zudem die Rolle des Rahmenprogramms für den geplanten Europäischen Forschungsraum unterstreicht, dann hoffe ich doch auf eine Steigerung gegenüber dem laufenden Programm.

Wird dieser Europäische Forschungsraum auch bedeuten, dass sich kleinere Länder wie Österreich in Zukunft stärker spezialisieren müssen?

Ich sehe beim Weg in einen Europäischen Forschungsraum keine wesentlichen Unterschiede für größere und kleinere Nationen. Zudem bin ich der Meinung, dass Spezialisierungen ohnehin nicht durch politische Entscheidungen zu erzwingen sind. Spezifische Kompetenzen sind das Resultat eines Prozesses, der auf wissenschaftlichen und technischen Kriterien beruht. Wenn es solche Spezialisierungen einmal gibt, dann ist es selbstverständlich, dass sie forschungspolitisch unterstützt und verstärkt werden sollen. Aber nie umgekehrt. Ganz allgemein ist zu sagen, dass Spezialisierung eine Folge hochklassiger wissenschaftlicher Arbeit in immer komplexeren wissenschaftlichen Bereichen zu sein scheint. Das verlangt nach besserer Vernetzung, Koordination und Kooperation, für die der Europäische Forschungsraum die geeigneten Bedingungen schaffen soll.

Wie wollen Sie die Forschungspolitik auf nationaler und europäischer Ebene in Zukunft besser koordinieren?

Das ist ein Punkt, an dem noch viel Arbeit nötig ist. Koordinationen sind schon in vielen internationalen und interregionalen Fällen verwirklicht. Die Herausforderung besteht in Zukunft darin, das zu einer europäischen Realität zu machen. Eine verbesserte Koordination verspricht nämlich, die Qualität der europäischen Forschung zu verbessern, ihre Effizienz zu steigern und die knappen Ressourcen besser einzusetzen.

Wird sich dadurch auch für die nationalen Forschungsfonds etwas verändern? Soll es gar möglich werden, dass Forscher nicht nur in ihrem eigenen, sondern in allen Mitgliedsländern um Finanzierung ansuchen können?

Auch hier müssen wir uns der Realität der EU an der Schwelle zum Jahr 2001 stellen: Diese Realität erlaubt nur in Ausnahmefällen, dass Forscher oder Forscherteams aus einem bestimmten EU-Land in einem anderen um Projektfinanzierung ansuchen. Unsere Initiative für den EFR wird diese Situation nicht von einem Tag auf den anderen verändern können. Aber wir müssen auch diesbezüglich sichtbare und bestimmte Schritte setzen. Diese Öffnung über nationale Grenzen hinweg bedarf noch Diskussionen und Vereinbarungen zwischen den zuständigen Gremien. Dennoch bin ich optimistisch, dass wir auch in diesem Bereich schnelle Fortschritte machen werden. < Eine vollständige englische Langversion dieses Gesprächs findet sich im Internet unter: www.falter.at/heureka/

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