Schlauer sein als in Tomsk

Am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) bei Wien wird nicht nur über Maßnahmen gegen die globale Umweltzerstörung nachgedacht, sondern auch, wie man als Wissenschaftler die Politiker aus aller Welt zum Zuhören und Handeln bewegt.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

An einem klaren Novembervormittag. treffen sich ein Dutzend Männer und Frauen in einem Seitenbau des Schlosses Laxenburg und beraten über ein bevorstehendes Treffen in Russland. Fünf von ihnen stehen vor einer Reise ins sibirische Petrosawodsk. Diesmal wollen sie schlauer sein als in Murmansk und Tomsk. Die russischen Behörden vernachlässigen die Überwachung der Wälder, haben kaum eine Handhabe gegen Umweltsünder und wenig Willen, überhaupt gegen die Zerstörung der Wälder vorzugehen.

Doch die Hintergründe dafür kommen in dieser Besprechung nicht zur Sprache. Es geht um Taktik. Die Politiker und Holzindustriellen von Petrosawodsk haben versprochen, die Waldexperten zu hören. Nun gilt es, sie zum Handeln zu bewegen. Wer kommt aus Moskau? Welche russischen Wissenschaftler haben zugesagt? Anatoli Schwidenko, der die Kontakte hält, informiert die Runde.

Als Schwidenko vor acht Jahren ans IIASA kam, sprach er kaum ein Wort Englisch. Seine Insider-Kenntnisse als Russe und ehemaliger Regierungsmitarbeiter wogen das von Beginn an auf. Nächster Punkt: Hat die russische Seite den Ablauf bestätigt? Ein Fax, auf dem von "coffee interruption" die Rede ist, sorgt für Gelächter. Aber was bedeuten "eine grüne Version" und "eine schwarze Version"?Etwa ein offizielles Programm und ein realistisches?

Sten Nilsson, der Leiter der Gruppe, drängt auf rasche Abgleichung. Auf das Timing kommt es an. Ein gemeinsames Memorandum soll nicht am Zeitmangel scheitern. Schwidenko rät zu einem ausformulierten Entwurf. Selbst wenn am Ende nur einige Sätze übernommen würden, so argumentiert der Russe, könnten wertvolle Minuten gespart werden. Nilsson schlägt eine letzte Verhandlungsposition vor, falls am letzten Nachmittag der Konferenz keine Einigung in Sicht sein sollte. Jemand will wissen, ob Journalisten anwesend sein werden. Nilsson bittet noch einen Kollegen um zwei Änderungen in seiner Präsentation. Dann schließt er die Runde mit den Worten "Let's do it".

"Wir hatten schon viele Treffen und Konferenzen in Russland", sagte der schwedische Forstwissenschaftler und Ökonom nach der Sitzung. "Sie sind immer einverstanden mit unseren Daten und Empfehlungen, aber nichts passiert. Wir müssen die Russen auf den Fahrersitz befördern."

Matthias Jonas verfolgte die Sitzung schweigend. Der deutsche Geophysiker in der Wald-Arbeitsgruppe sollte nicht mit nach Petrosawodsk. Er war gerade von einem Termin zurück, der kaum unterschiedlicher hätte sein können - der Kyoto-Folgekonferenz zum Klimaschutz, an der in Den Haag mehrere Tausend Umweltschützer, Wissenschaftler und Journalisten teilgenommen hatten. Am Anfang trafen sich die Wissenschaftler. Im eigentlichen Programmteil redeten die Politiker.

Dass über Kontrolle und Begrenzung der Kohlenstoffströme keine Einigung erzielt würden, hatten die meisten Wissenschaftler laut Jonas befürchtet. Zu unterschiedlich formulierten US-Amerikaner, Europäer und Entwicklungsländer ihre Positionen. Da waren einerseits die Definitionsprobleme: Kam es auf den Unterschied zwischen Urwäldern und aufgeforsteten Sekundärwäldern an? Andererseits waren die Daten, auf deren Basis verhandelt wurde, zu ungenau. Das war Inhalt einer IIASA-Studie, von der Jonas in Den Haag ein paar Hundert Kopien aushändigte.

Von 9 bis 23 Uhr, so Jonas, habe er Hände geschüttelt, Kontakte gepflegt, sein Wissen angeboten. "Es ging zu wie auf einem Bazar. Überall liefen Politiker herum. In den Gesprächen merkte ich, dass die meisten von ihnen nicht einmal das Protokoll von Kyoto gelesen hatten. Und das war wirklich nicht lang." Besser informiert seien die Leute von den so genannten NGOs. Jonas schätzt die Vermittlungsarbeit der Nicht-Regierungs-Organisationen, denn Wissenschaftler und Politiker würden oft aneinander vorbeireden. "Die Politiker stellten sich auf den Standpunkt: Ihr gebt uns nicht die richtigen Antworten. Wir gaben zurück: Ihr habt uns nicht die richtigen Fragen gestellt."

In den vergangenen Jahren ist die Umweltpolitik selbst zu einem Forschungsfeld geworden. Die gerechte Verteilung von Kosten und Lasten beschäftigt verschiedene Fächer. Politologen analysieren Entscheidungsmodelle. Ökonomen schlagen vor, wie Umweltschädiger mit Emissionsrechten handeln könnten. Juristen formulieren gerechte Normen und Verfahren. Das IIASA selbst interessiert sich seit langem für Internationale Verhandlungen. Die Arbeitsgruppe hat eine Sonderstellung. Ihr Sekretariat ist in Laxenburg, die Forscher sitzen in aller Welt. Bei bilateralen Verhandlungen haben sie immer wieder beobachtet, dass ungleiche Partner leichter zu Ergebnissen kommen. Ihre Interessen sind unterschiedlich und daher durchschaubar. Dagegen verstricken sich gleiche Partner häufig in Machtkämpfe. Bei der Konferenz in Den Haag zum Beispiel wollten weder Europäer noch US-Amerikaner als Verlierer dastehen.

In IIASA-Publikationen wird oft thematisiert, welche Punkte eines Problems auf welche Weise verhandelt werden können. Oft geht es weniger darum, bestimmte Maßnahmen zu empfehlen, als überhaupt zu zeigen, wie vernünftig entschieden werden kann. Rational kann vieles sein. Wie aber bringt das IIASA die Entscheidungsträger zum Zuhören?

Relativ viele Ehemalige seien selbst in die Verwaltung und Politik gewechselt, lautet die erste Antwort von Interims-Direktor Arne Jenerlöf. Am wichtigsten sei aber der Ruf der Unabhängkeit, den sich das Institut über die Jahre erworben habe. Die Arbeitsgruppen sind durchgehend international besetzt. Nationale Interessen und Eigenheiten seien da nicht durchzusetzen, aber, wenn es darauf ankomme, eben doch bekannt.

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