Der Langstreckendenker

Wenige zeitgenössische Philosophen haben in so vielen Ländern Gehör gefunden wie Fritz Wallner. Fünfzig Länder hat der Wiener Professor für Wissenschaftstheorie im Namen des von ihm begründeten "Konstruktiven Realismus" bereist. Mit heureka sprach Wallner über intellektuelle Erfüllung jenseits von Österreich und der westlichen Wissenschaft.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 5/00 vom 13.12.2000

"Es ist angenehm, dort zu sein, wo man das Gefühl hat, dass der Wert, den man für sich beansprucht, anerkannt wird." Die Anerkennung, die Fritz Wallner im eigenen Land vermisst, findet er auf Reisen. Wie vor einigen Monaten in Bolivien. "Dort hätten sie mich gern behalten. Ich musste dann bremsen, weil ich nicht jeden Tag einen Vortrag halten wollte." Mitunter schlage die Dankbarkeit nämlich in Ausnützen um. Das sei ihm vor Jahren in Vietnam passiert. "Anfangs war ich begeistert, dass sie jeden Tag ein paar Stunden Seminar mit mir machten und anschließend mit mir aßen. Sie haben so gut wie nichts bezahlen können, also minimal. Nach einer Woche hatte ich das Gefühl, für die könnte es immer so weitergehen. Da kommt der vom Westen, der uns die neue Welt erklärt. Ja, die sind meistens sehr dankbar, ganz zweifellos."

Schon äußerlich bedient der Wiener Professor das Bild eines Paradiesvogels. Der 55-jährige Philosoph trägt beim Interview ein rotes Hemd, eine weiße Fliege und immer wieder ein Lächeln auf den Lippen. An den Schränken und Wänden seines Arbeitszimmers im Institut für Wissenschaftstheorie der Universität Wien hängen Poster mit fernöstlichen Schriftzeichen und Ehrenurkunde einer südamerikanischen Universität und einer chinesischen Gesellschaft. Sein Schreibtisch ist übersät mit Briefen und handschriftlichen Notizen. Einen Computer sucht man vergebens. Vor zehn Jahren habe ihm ein befreundeter Psychologe von der Anschaffung abgeraten. Der Computer enge das Denken ein, hat Wallner damals beschlossen. Schließlich brauche er den ganzen Kopf für sein philosophisches Projekt. Für seine Bücher vertraut er auf das Diktaphon und eine Sekretärin.

Fritz Wallners Projekt nennt sich Konstruktiver Realismus, ist eine Art Erkenntnistheorie. Eine ihrer wichtigsten methodischen Empfehlungen besteht in der Verfremdung durch kulturellen Perspektivenwechsel. Diese Lehre erfreut sich, zumindest laut Wallners Darstellung, in vielen Teilen der Welt sehr großer Beliebtheit: "In Taiwan haben sie einmal eine Tagung gemacht," erzählt er, "um den Konstruktiven Realismus als Staatsphilosophie zu etablieren. Ein Kollege hat mich gewarnt, dass da mein Name benutzt werde. Mir war etwas peinlich, dass die Tagung nicht streng wissenschaftlich war, sondern repräsentativ. Sie fand in einem Luxushotel statt. Es gab Hostessen und einen Empfang mit lokalen Politikern. Mein Vortrag wurde aufgezeichnet und gefilmt." Alle Kosten habe ein Student aus reicher Familie getragen, der, zu Wallners Bedauern, seine Dissertation zum Konstruktiven Realismus nicht beenden konnte, weil er die Druckerei seiner Eltern übernahm.

Wallners Leidenschaft zur Welterklärung reicht bis in seine Schulzeit zurück. Bereits als Gymnasiast habe er den brennenden Wunsch verspürt, eine Methode zu finden, die die Sicherheit der Wissenschaft garantiere. 1970 nahm er die Arbeit an einer endgültigen Erkenntnistheorie auf - was ihm heute lächerlich erscheint. Beim Zusammentragen sei er tiefer in die Philosophie Ludwig Wittgensteins eingedrungen. Aus dem Buch über Erkenntnistheorie wurde eines über Wittgenstein und zugleich seine Habilitationsschrift.

Auf Internationalität der Wissenschaft sei er zum ersten Mal als Student gestoßen. Damals habe man am Philosophischen Institut die Lehre des Wiener Kreises, einer in den Zwanzigerjahren um Rudolf Carnap entstandenen Erkenntnistheorie, sehr gering geschätzt. "Als ich erstmals ausländische Literatur las, sah ich die gleiche Problematik ganz anders dargestellt. Dass Wissenschaft anders aussieht, wenn sie aus einer anderen Kultur kommt, andere Voraussetzungen hat, andere Methoden gewählt werden. Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass ein philosophisches Konzept bis zu einem gewissen Grad kulturabhängig war."

Angesichts der damaligen Zustände an der Philosophie entschied sich Wallner zunächst gegen die Universität und wurde Lehrer. An einem Gymnasium in Wiener Neustadt unterrichtete er Philosophie und Psychologie, gelegentlich auch Latein, Literaturkunde und Medienkunde. "Ich dachte, Lehrer zu sein, sei ein Halbtagsberuf: Morgens unterrichten und nachmittags forschen. Aber es war eine fürchterliche Ochsentour."

In akademischen Kreisen habe er dann als Mitorganisator der Wittgenstein-Symposien in Kirchenberg Fuß gefasst. Nebenbei war er Dozent für Philosophie. "Ich stürzte mich auf die Wissenschaftstheorie und die Interdisziplinarität. Durch den glücklichen Umstand, dass diese Thematik zu einer Professur gemacht wurde, konnte ich 1987 die Schule aufgeben und hatte erstmals die Möglichkeit, Wissenschaft unbeschwert von anderen Aufgaben als Beruf zu betreiben."

Zurzeit streitet der außerordentliche Professor um seine Stelle. Offiziell ist er vom Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) übernommen worden. Tatsächlich sitzt er weiter am Institut für Wissenschaftstheorie. Und keines der Institute will ihn haben. Wallner fühlt sich wie der Prophet im eigenen Land. Nämlich verkannt. "Das ist das österreichische Schicksal. Wenn ich jetzt Namen nenne, würden Sie mich vielleicht für ein bissel übertrieben halten. Aber es tröstet mich, dass Leute, die neue Wege vorgeschlagen haben, sich hier zu Lebzeiten keiner großen Beliebtheit erfreut haben."

Ein Kongress in Indonesien im Jahr 1989 wurde zum Wendepunkt seiner Karriere. Asien faszinierte ihn. Wallner konnte Kontakte knüpfen, die schließlich zu einer Gastprofessur in Taiwan führten. Die intensive Begegnung mit der fremden Kultur empfand er als Bestätigung und Bereicherung seines Konstruktiven Realismus. Ihm sei klar gewesen, dass seine Philosophie vielen nicht plausibel war. Darum habe er lange nach Wissenschaften gesucht, "die strukturell völlig verschieden sind, aber das Gleiche aussagen. So bin ich auf die traditionelle chinesische Medizin gestoßen. Für die Gegenüberstellung zur westlichen Medizin ist sie am besten geeignet, weil keine andere kulturabhängige Wissenschaft so ausgearbeitet ist."

Mittlerweile hält Wallner jedes Wintersemester ein Seminar über chinesische Medizin aus wissenschaftstheoretischer Sicht. Für die Institutsbibliothek hat er Dutzende Bücher anschaffen lassen, die sich in keiner anderen wissenschaftlichen Bibliothek Österreichs finden: Die Themen reichen von Akupunktur bis ganzheitlicher Fitness, von chinesischen Sitten bis zu exotischen Suppenrezepten.

Für ihn ist es ein Glücksfall, dass es in Wien mittlerweile eine Schule für traditionelle chinesische Medizin gibt. "Aber wie soll man das in Europa handhaben? Jener Typ Arzt, der wohl die Mehrheit darstellt, meint, die Akupunktur oder Teile der Pharmokologie nach Europa verpflanzen zu können - aber bitte nach voriger Prüfung mit europäischen Methoden." Dass man einen Teil einer Wissenschaft aus ihrer Kultur herausnehmen wolle, sei riesiger Humbug und ein Beweis mehr für den abendländischen Nihilismus, doziert Wallner. Dahinter stecke die Fähigkeit, "alles so zu denken, dass es keinen Sinn braucht. Das ist eine Kulturleistung und eine der wesentlichen Bedingungen der westlichen Naturwissenschaft."

Sobald Ferien sind, ist Wallner unterwegs. Während des Semesters gönnt er sich zwei weitere Vortragsreisen. Die Gastgeber kommen meist für die Unterbringung auf. Gelegentlich bezahle ein Ministerium oder das Außenamt die Reise, oft kommen die Mittel dafür aus dem Budget für internationale Beziehungen. Manches zahle er aus eigener Tasche, sagt Wallner. Nach eigener Schätzung hat er fünfzig Länder im Namen des Konstruktiven Realismus bereist. Als Nächstes kommt wohl Simbabwe dazu.

In den letzten Jahren fand er vor allem in Südamerika Gehör. "Dort trage ich fast immer in Spanisch vor - mit Fehlern zwar, aber das spielt dort nicht so eine Rolle, weil die Leute froh sind, wenn einer ihre Sprache spricht. Die Logica Andina ist einer meiner neuesten Hits." An Universitäten rund um die Anden, in Chile und Bolivien, seien Kollegen dabei, die westliche Wissenschaft aus ihrem Kontext zu beschreiben und sich auf die Weise etwas von ihr zu distanzieren, erklärt Wallner.

In jüngerer Zeit hat er Europa entdeckt. Seine neue Forschungsdestination heißt Irland. "Dort sind auch interessante Sachen, und es ist bequemer als diese ermüdenden Langstreckenflüge. In Nordirland arbeitet eine Kollegin an einem Projekt über den Antisemitismus und seine Auswirkungen in Osteuropa, das sehr viel Interdisziplinarität benötigt, und deshalb betreue ich sie seit einiger Zeit methodisch." Er sei fasziniert von dem noch stark vorhandene Katholizismus, sagt Wallner. "Bei uns ist das, was die Wissenschaftler prägt, weniger offensichtlich. In Irland gibt es eine sehr starke kulturelle Formation. Das zieht mich an. Das ist etwas, was ich analysieren möchte."

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