Liebe Leserin, lieber Leser!

Oliver Hochadel und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Es ist mittlerweile bereits mehr als zehn Jahre her, da wurden die so genannten Geisteswissenschaften auch hierzulande wieder einmal von der großen Krise gepackt. In endlosen Grundsatzdebatten ging es um ihre methodische Ausrichtung ebenso wie um ihre Rolle in der Gesellschaft. Sollten sie nun Orientierungswissen für eine immer kompliziertere Welt liefern? Oder Kompensation leisten für die Folgeschäden der technisierten Moderne?

In der Zwischenzeit hat sich einiges verändert - wenn auch die vermeintliche Dauerkrise nicht wirklich beseitigt scheint: Auf der einen Seite hat man bei den Geisteswissenschaften vielfach damit begonnen, den traditionellen "Geist" durch die "Kultur" zu ersetzen, und so zu einer methodischen und theoretischen Öffnung der Fächer beigetragen. Auf der anderen Seite sind diese Soft Sciences angesichts des Siegeszugs der Biowissenschaften selbst im deutschen Feuilleton immer mehr ins Hintertreffen geraten: Den Menschen, sein Bewusstsein und sein Verhalten zu beschreiben und zu erklären wird heute den Biologen sehr viel eher zugetraut als ihren Kollegen von der Philosophie oder Psychologie.

Doch keine Bange! - heureka wird nicht die 101. Legitimitätsdiskussion führen. Statt sich mit dem formelhaften "Geisteswissenschaften - wozu?" im Grundsätzlichen zu verlieren, will dieses Heft konkret nach den gegenwärtigen Problemen und Herausforderungen fragen - und nach praktikablen Antworten suchen.

Kurz: Geisteswissenschaften - wohin? Zum Beispiel: Wohin gehen die Studierenden nach ihrem Abschluss? An der Universität hat man ihnen bisher nur gesagt, dass es später schwierig werden wird. Schwierig gestaltet sich auch die inhaltlich-methodische Neuausrichtung der Geisteswissenschaften. Wir haben bei dem französischen Philosophen Michel Serres und der deutschen Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun nachgefragt.

Um- und Neuorientierungen sind angesagt, auch an der Alma Mater selbst. Fächer wie Ägyptologie oder Byzantinistik sollten erhalten bleiben. Fragt sich nur, ob dies in der fragmentierten Form von Miniinstituten sinnvoll ist oder ob größere Einheiten und mehr Schnittstellen nicht effizienter sind. Dass die Geisteswissenschaften durchaus imstande sind, auch organisatorisch innovative Wege zu gehen, zeigt die Arbeit der Österreichischen Historikerkommission. Die "Arisierungen" der NS-Zeit lassen sich nur im Rahmen eines Großforschungsprojekts mit stets miteinander vernetzten Zeithistorikern aufarbeiten, wie Peter Lachnit beschreibt. Die neuen Medien werden Forschung und Lehre in den Geisteswissenschaften verändern, aber auch mit neuen Herausforderungen konfrontieren: Wie lassen sich im Internet Qualitätsstandards einhalten? Qualität ist ohnehin ein problematischer Begriff in den Geisteswissenschaften, den auch die Forschungsförderung beständig neu zu definieren sucht.

Denn die zu vergebenden Mittel sind knapp. In diesem Sinne danken wir dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und kulturelle Angelegenheiten für die fortgesetzte Unterstützung von heureka.

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