Quo vadis, Magister?

Wenigstens gewarnt wird man, dass es nach dem Studienabschluss schlecht aussehen wird. Ansonsten werden die Absolventen geisteswissenschaftlicher Studien weitestgehend alleine gelassen. Das muss sich ändern. Universitäten und Hochschullehrer sollten mehr Verantwortung übernehmen. Und mit eigenen Ideen aufwarten.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Sprung ins Ungewisse. "Uns ging es früher vor allem darum, möglichst bald pragmatisiert zu werden. Diese Aussicht besteht für die heutige Generation ja nicht mehr." Der Wiener Germanist Alfred Ebenbauer bewundert den Mut und den Optimismus der Studierenden. "Unsicherheit und Ängste gibt es natürlich", berichtet der Wiener Philosoph Josef Rhemann. "Wenn mich jemand fragt, dann rate ich ihm, sich nach seinem eigenen Begehren zu richten. Es nützt nichts, in rein kalkulatorischer Absicht etwas zu studieren, was einem keinen Spaß macht. Wer erfindungsreich ist, der hat auch später eine Chance." Freilich: Kaum ein Absolvent komme im Feld unter, räumt sein Kollege, Institutsvorstand Helmuth Vetter, ein. Selbst die Aussichten im Lehramt seien miserabel, wenn nicht gerade das andere Fach Chemie sei. Studieren auf eigene Gefahr.

Was man beruflich mit einem schöngeistigen Abschluss anfangen kann, wird selten, wenn überhaupt angesprochen. Am Anfang eines geisteswissenschaftlichen Studiums steht die ritualisierte Warnung vor dem mangelnden Praxisbezug und der Tipp, sich nebenbei selbst um Zusatzqualifikationen zu bemühen (beliebtes Beispiel: Marketing). Damit hat es sich meist. "Die Dozenten sehen uns als künftige Assistenten", vermutet der Innsbrucker Philosophiestudent Adrian. Weil ihnen kein anderes Rollenmodell vermittelt wird als der Universitätsphilosoph, versuchen viele nach dem ersten Abschluss an der Alma Mater zu bleiben.

Ein Phänomen, das auch bei Historikern und Kunsthistorikern zu beobachten ist, nur dass die Promotion dort gern mit einem praktischen Zweck gerechtfertigt wird: Ein Doktortitel ist in den meisten Museen Voraussetzung, um überhaupt ein schäbiges Volontariat zu bekommen. In der Kunstgeschichte wird immerhin die Perspektive eines Kurators oder Kritikers in den Diskussionen antrainiert. Medien und Verlage fallen der Wiener Anglistin Barbara Olsson ein: "Es muss aber jedem klar sein, dass er in Konkurrenz mit vielen anderen tritt, das sagen wir unseren Studierenden immer wieder. Wir können nur hoffen, dass sie zumindest das beste Englisch haben", sorgt sie sich. Auch in der Germanistik ist die berufliche Zukunft kein Thema. Für Einzelne hat das sein Gutes. Christine Weirather hört in ihrem wirtschaftswissenschaftlichen Hauptstudium in Innsbruck ständig von Projekten, Praktika und möglichen Arbeitgebern. Da tut das Nebenfach Germanistik aus reinem Interesse gut.

Im internationalen Vergleich. Was tun? Ist der geisteswissenschaftliche Bereich in Österreich zu groß, wie TU-Rektor und Physiker Peter Skalicky unlängst im "Standard" wetterte? Werden zu viele schöngeistige Absolventen produziert? Die neuesten Zahlen des OECD-Bildungsberichtes legen das Gegenteil nahe. Während in Österreich nur 30 Prozent aller Hochschulabgänger ein geisteswissenschaftliches Fach studiert haben, sind es in den Niederlanden 40, in Großbritannien 45 und in den USA gar 46 Prozent. Wer schon einmal einen "Firmentag" auf einem US-Campus erlebt hat, wundert sich auch nicht mehr über die Nachfrage der Wirtschaft nach Geisteswissenschaftlern. Die heiß begehrten Absolventen sind Anfang, höchstens Mitte zwanzig und eignen sich die berufsspezifischen Fähigkeiten "on the job" an.

In Österreich sieht die Situation bekanntlich anders aus. Die lange Studiendauer steht in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Zielstrebigkeit in puncto beruflicher Orientierung. Ein Katastrophenszenario muss man deswegen nicht an die Wand malen. Die Akademikerarbeitslosenquote lag im Jahresdurchschnitt 1999 bei 2,0 Prozent und damit relativ günstig im Vergleich zur Gesamtarbeitslosenquote von 6,5 Prozent. Der Anteil der Geisteswissenschaftler an den arbeitslosen Akademikern scheint nicht besonders hoch zu sein. So waren Ende Jänner exakt gleich viele Historiker wie Maschinenbauer ohne Arbeit, nämlich 101. 55 brotlose Philosophen standen 56 arbeitslosen Chemikern gegenüber. Mediziner (323) oder Betriebswirte (435) sind weitaus häufiger ohne Anstellung.

Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Vielleicht ist diese zumindest oberflächlich halbwegs erträgliche Situation auch der Grund dafür, warum sich bislang so wenig getan hat. "Irgendwie" scheinen fast alle Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer "irgendwo" unterzukommen, faktisch auf der Straße sitzen nur sehr wenige. Nur: Zwischen Erwerbslosigkeit und einer der erworbenen Qualifikation entsprechenden Anstellung gibt es mehr als nur eine Graustufe.

Irene Cervenka-Ehrenstrasser ist Papyrologin. Nach dem Studium von Latein und Alter Geschichte hat sie sieben Jahre lang in Projekten mitgearbeitet, immer nur Zwei- oder Dreijahresverträge, ohne Hoffnung auf eine fixe Anstellung. Sie hat deswegen "nebenher" noch Jus studiert: "Ein zweites Standbein braucht man." Danica Beyll ist Archäologin, hat in Ephesos gegraben und lässt sich jetzt zur Kindergärtnerin ausbilden. "Ich trauere der Archäologie nicht nach, das waren zehn schöne Jahre. Mir wurde die Sache zu unsicher, man muss sich eben im Klaren darüber sein, dass es ein beinharter Kampf ist. Das war alles sehr unbefriedigend, auch menschlich."

Trotz aller praktischer Schwierigkeiten wird weiterhin das Ideal des anpassungsfähigen Geisteswissenschaftlers kultiviert, der nichts kann, aber alles zu lernen imstande ist. Paradebeispiele werden als Beleg angeführt. Erfolgreiche Philosophen etwa finden sich auf so unterschiedlichen Positionen wie dem Ö3-Chefsessel (Bogdan Ros cic') oder als Leiter der neuen Männerabteilung im Sozialministerium (Johannes Berchtold).

Zufall und Fügung. Nur ist fraglich, ob dafür die Lektüre von Kant und Co verantwortlich ist. Freilich: Viele Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft sind sehr angetan von der Historikerin oder dem Germanisten, den sie eingestellt haben. "Ich würde mich aber nicht getrauen davon abzuleiten, dass die Grundlagen durch ihr geisteswissenschaftliches Studium gelegt wurden. Eher ist zu vermuten, dass das persönliche Potenzial unabhängig von der Ausbildung maßgebend ist", sagt der Personalberater Manfred Wieringer. Also vielmehr eine Mischung aus individueller Eignung und biografischen Zufällen?

Martin Reither ist promovierter Musikwissenschaftler, sah aber nicht die leiseste Chance, in einem studienaffinen Beruf unterzukommen. Seit über einem Jahr ist er - recht erfolgreich - als selbstständiger Internetconsulter tätig und gestaltet Homepages für Unternehmen. Aber wenn er nicht zehn Jahre im elterlichen Betrieb als Grafiker mitgearbeitet hätte, sähe es eher düster aus: "Man lebt in einem Traumland. Die Unis gehen da weit an den Realitäten vorbei." Soll also alles so weitergehen? "Survival of the fittest" kombiniert mit sozialstaatlichen Auffangnetzen und der Lektion, dass auch der flammendste Idealismus nur eine begrenzte Halbwertszeit hat?

An kritischen Stimmen mangelt es nicht. Der Historiker und frühere Rektor der Uni Graz Helmut Konrad, moniert, dass das Studienangebot nicht nachfrageorientiert sei: "Bei uns geht es um eine allgemeine Kulturtechnikvermittlung. Das ist gut, aber gleichzeitig auch eine Geste der Hilflosigkeit. Wir haben auch eine Verantwortung für unsere Absolventen."

Reflexion ist angesagt. Gert Dressel vom Interuniversitären Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) in Wien bietet bereits seit mehreren Semestern eine Lehrveranstaltung zur Berufsfeldorientierung für Sozial- und Geisteswisenschaftler an. "Es gibt Studierende, die ihre ganze Energie in sechzigseitige Seminararbeiten stecken, aber nicht kommunizieren können." Die Teilnehmer sollen versuchen sich klar zu werden, wo ihre Fähigkeiten liegen und wo sie sich in vorhandene Strukturen einklinken können. Es geht darum, Schwellenängste zu überwinden, kleinere Projekte zu entwickeln und bei Institutionen und potenziellen Arbeitgebern anzuklopfen. Dass dies am IFF gelehrt wird und nicht an den Unis selbst, ist bezeichnend. Während sich Dressel und seine Kollegen mit einem überlaufenen Kurs konfrontiert sehen, fehlen entsprechende Angebote an den hohen Schulen.

Dabei kann es sicher nicht darum gehen, aus den Universitäten Fachhochschulen zu machen und das geisteswissenschaftliche Studium seiner inhaltlichen Kerne zu berauben. Gerade deshalb sollte die Anleitung zur Reflexion auf die eigenen Fähigkeiten und deren Vertiefung zum festen Angebot werden. Vielleicht bietet die Auflage, bis zum Sommer neue Studienpläne zu erarbeiten, hier eine Chance. Denn allmählich dämmert es auch den zur Zeit unablässig tagenden Studienkommissionen, dass ihre Studienpläne hinsichtlich einer späteren Berufsqualifikation der Absolventen leicht suboptimal ausfallen. Impulse in diese Richtung kommen freilich eher von der Studentenkurie denn von der Professorenschaft, wie Mitchell Ash, Vorsitzender der Studienkommission Geschichte an der Universität Wien, bestätigt.

Praktische Fähigkeiten, etwa wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, sollen in Zukunft gleich zu Beginn erworben werden, bestimmte Methoden und Techniken, sei es im Bereich der Statistik oder bei den neuen Medien, verstärkt gelehrt werden. Diskutiert wird derzeit noch, ob im zweiten Studienabschnitt mehrsemestrige Projektstudien möglich sein sollen, was sowohl die Anbahnung der Abschlussarbeit erleichtern als auch Erfahrungen in der Projektarbeit vermitteln könnte.

Besondere Fähigkeiten. Wie viel an der Begeisterung der Wirtschaft für die Geisteswissenschaftler und deren kritischem Denkvermögen dran ist, die durch so manchen Zeitungsartikel geistert, bleibt fragwürdig. "Ihre Denkweise ist sehr umfassend angelegt, aber nicht ergebnisorientiert. Letzteres ist jedoch gerade in der Wirtschaft gefragt und der breite Horizont wird bei Geisteswissenschaftlern zum Qualifikationshemmschuh", gibt sich Alfred Berger von der Personalberatung Strametz & Partner skeptisch.

Für die Berufsqualifikation der Soft Skills, über die Geisteswissenschaftler angeblich in so hohem Maße verfügen, gibt es auch nur "soft evidence", Impressionen, Anekdoten, Einzelfälle. Es ist jedenfalls nicht unmittelbar einsichtig, warum ein für Einzelgänger durchaus attraktives geisteswissenschaftliches Studium ausgerechnet jene nun so hoch im Kurs stehenden sozialen Kompetenzen vermitteln soll. Woher sollen sie diese erlernen? Etwa von ihren Dozenten? Berger jedenfalls glaubt, dass die Soft Skills primär im Elternhaus und im Freundeskreis erworben werden.

Georg Tillner glaubt gut auf die Erwartungen und Sorgen seiner Kunden eingehen zu können. Der studierte Historiker hegte einst große Pläne: "Ich wollte promovieren und gefeiert werden." Des endlosen Projektantragschreibens müde, wurde er schließlich Wirtschaftsberater bei einem großen Finanzdienstleister. Und machte eine völlig neue Erfahrung: "Man erhält eine positive Rückmeldung, wenn man etwas Gutes hingekriegt hat. Wenn sogar die Führungskräfte applaudieren, ist man wochenlang euphorisch. So etwas fehlt in den Geisteswissenschaften völlig, das wird systematisch verhindert."

Die akademischen Lehrer sind in der Pflicht. Es kann fortan nicht mehr genügen, mit dem Verweis auf die problematische Berufssituation die unangenehme Kassandrapflicht erfüllt zu haben. Alternative Rollenmodelle zur wissenschaftlichen Laufbahn müssen vermittelt, die Reflexion auf individuelle Fähigkeiten, Berufsfeldorientierung und Feedbackmechanismen institutionalisiert werden. Inwiefern sich ein Institut bemüht, entsprechende Hilfestellungen zu bieten, sollte auch in die Lehrevaluation einfließen. Sonst verkommt die Rede von der Verantwortung für "unsere Absolventen" zur zynischen Worthülse.

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