How Beautiful Is Small?

Zusperren? Auslaufen lassen? Zusammenlegen? An Vorschlägen zum Umgang mit den so genannten "Orchideenfächern" mangelt es nicht, an schlüssigen und vor allem umsetzbaren Konzepten hingegen schon. Und die absolventenarmen Fächer schätzen ihre Souveränität und werden sich wehren. Mit Zähnen und Klauen.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Einhellige Ablehnung. "Wir haben uns bedroht gefühlt." "Das verrät banalen Eurozentrismus." "Er hat keine Ahnung, was Orientalistik ist." "Unerfahrenheit mit Forschungszusammenhängen." "Wir sind sehr betroffen." "Er hätte auch Afrikanistik sagen können." Die Reaktionen von Vertretern der "kleinen" Fächer auf die Anregung von Finanzminister Karl-Heinz Grasser, dass man Orchideenstudien wie die Orientalistik doch abschaffen könnte, sind vielstimmig und doch einhellig in ihrem Widerspruch. Falls Grasser nur die Reflexe testen wollte - sie sind intakt.

Schattenboxen nennt man das, denn ein Fach ganz zuzumachen, daran denkt in Österreich zur Zeit kaum jemand im Ernst - auch wenn Ende letzten Jahres im Wissenschaftsministerium eine Projektgruppe mit dem Furcht einflößenden Namen "Schwerpunktbildung und Standortbereinigung" ins Leben gerufen wurde. Was die Scheindebatte zutage bringt, ist das latente Legitimationsbedürfnis. Der Byzantinist darf im Radio mit einem Elektroingenieur über Sinn und Unsinn seiner Arbeit parlieren, empörte Leserbriefe werden auch abgedruckt, ein wortreicher Aufsatzband mit dem immergrünen Titel "Geisteswissenschaften - wozu?" ist sicherlich bereits in Planung. Man beruft sich auf nebulös-pompöse Konzepte wie "Kultur" und polemisiert gegen das Nützlichkeitsdenken. Irgendwann legt sich dann die Aufregung. Bis zum nächsten Sager. Bleibt also alles beim Alten?

Eine kleine Bestandsaufnahme: An den österreichischen Universitäten gibt es 170 Studienrichtungen, die an 356 Standorten angeboten werden, noch dazu in 450 so genannten Ausprägungen (Lehramtsvarianten etc.), Fachhochschulen und Kunstunis nicht mitgezählt! An 52 Standorten gibt es lediglich null bis fünf Erstinskribenten, in den Studienjahren 1993/94 bis 1997/98 hatten über ein Drittel der Standorte (38 Prozent) null bis fünf Absolventen. Die beiden geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten der Universität Wien vereinigen 38 Institute, die alle über eigene Sekretariate, Bibliotheken und Postfächer verfügen. Wissenschaftssystematik vermag die Wiener Romanistin Friederike Hassauer darin nicht zu erkennen: "Das ist Wildwuchs."

Amerika, hast du es besser? Der Blick ins Wörterbuch zeigt, dass der deutsche Begriff "Orchideenfach" kein Pendant in anderen Sprachen hat. In den USA ist die gängige organisatorische Einheit aber auch nicht das Institut, sondern ein vergleichsweise großes Department mit dreißig oder mehr Dozenten. Die österreichische Japanologin Sabine Frühstück lehrt bereits seit eineinhalb Jahren an der University of California Santa Barbara. Sie schätzt die wesentlich flacheren Hierarchien: "Die Beurteilung der Leistungen einer Person hängt gleichermaßen von departmentinternen und -externen Gremien ab (letztere bleiben anonym), Objektivität ist daher in größerem Maße gewahrt." Auch die Interdisziplinarität sei durch entsprechende Verflechtungen in einem viel höheren Maße als in Österreich institutionalisiert.

Nur: Taugt dieses Modell auch für die österreichische Situation? Der in Wien lehrende und aus den USA stammende Historiker Mitchell Ash warnt vor dem ungeeigneten Versuch, ein Prestigemodell auf völlig anders geartete Verhältnisse übertragen zu wollen: "Es gibt keine Zauberformel. Weniger Fächer heißt nicht automatisch mehr Effizienz." Bleibt also alles beim Alten?

Selbst ist das Institut. In der Folge des Universitätsorganisationsgesetzes von 1993 kam es vereinzelt zu Institutszusammenlegungen. In Wien haben sich Japanologie, Sinologie und Koreanologie seit Anfang letzten Jahres zum Ostasieninstitut zusammengeschlossen - nicht zuletzt, um einen dritten Lehrstuhl (für Koreanologie) auszuhandeln. Tibetologie und Indologie planen Ähnliches. Wirklich zusammengewachsen sind die Institute jedoch noch nicht, gesteht Wolfram Manzenreiter von der Japanologie: "Aber der Verwaltungsaufwand verringert sich doch erheblich, da universitätsintern jetzt nur noch mit einer Stelle kommuniziert werden muss."

Bei gewissen Anreizen lässt man sich also gerne zusammenlegen. Ohne diese findet man allerlei Gründe, warum man lieber für sich bleiben möchte. "Ich habe nichts gegen Veränderungen, wenn was Besseres dabei rauskommt", beteuert Johannes Koder von der Byzantinistik. Dann jedoch kommt das unweigerliche Aber in all seinen Spielarten: Wegen der räumlichen Situation, d.h. der Ferne zur Universität und der Nähe zu den entsprechenden Institutionen der Akademie der Wissenschaften, möchte man lieber bleiben, wo man ist.

"Small is beautiful", frohlockt Johanna Holaubeck von der Ägyptologie. Das Ganze sei überschaubar und man könne alle relevanten Entscheidungen selbst treffen. Ganz ähnlich argumentiert Michael Zach von der Wiener Afrikanistik: "Wir wollen als Institut erhalten bleiben, das ist für uns die Ideallösung." Und der Salzburger Kultursoziologe Justin Stagl wittert hinter den Verschmelzungsforderungen lediglich Einspargelüste und fürchtet gar die Entmündigung des Institutsvorstandes: "Man will die Orchideenfächer auf kaltem Wege zum Verschwinden bringen." Bleibt also alles beim Alten?

Reformanläufe. "Das Problem ist die Schrebergartenmentalität", beklagt der Grazer Historiker Helmut Konrad. Er war 1998 Leiter einer Arbeitsgruppe des Wissenschaftsministeriums, die mehr Übersicht im universitären Fächerkanon schaffen sollte. "Wir sind spektakulär gescheitert." Für Konrad hat man bei dieser wissenschaftspolitischen Bruchlandung freilich Ursache und Wirkung verwechselt. Nur weil die Unis nicht recht mit ihren Zahlen rausrücken wollten, sei es ihnen später so leicht gefallen, der drei Millionen Schilling teuren Studie der Beraterfirma Arthur D. Little Fehler nachzuweisen.

Nun versucht man es erneut. Man sei noch dabei, die Arbeitsweise zu definieren. Erste Ergebnisse seien nicht vor Jahresmitte zu erwarten, gibt sich der für die Universitäten zuständige Sektionschef Sigurd Höllinger zurückhaltend.

Aufgrund des Little-Desasters will die Projektgruppe "Schwerpunktbildung und Standortbereinigung" nur dann Berechnungen anstellen, wenn sie auch sehr exakt durchzuführen sind. Doppelspurigkeiten sollen abgeschafft werden, wobei es hier erst in zweiter Linie um die kleinen geisteswissenschaftlichen Fächer geht, in erster Linie aber um die viel teureren Parallelstudien z.B. fürs Physiklehramt, die sowohl an der TU Graz wie auch an der Uni Graz angeboten werden. Aber Rationalisierungsmaßnahmen sind notwendig, auch wenn das Einsparungspotenzial nicht besonders groß ist.

Unterkritische Größen. "Wenn ein Institut 12 Millionen Schilling Personalkosten hat, zwei Millionen Sachkosten, 19 Studierende und keine Absolventen, dann wird es sich rechtfertigen müssen", kündigt Stefan Titscher, der Geschäftsführer der Projektgruppe, an. Das Wort Schließungen will dem karenzierten WU-Soziologieprofessor aber nicht über die Lippen: "Wir wollen nichts vorgeben, wenn die Unis mittun." Das ist ein Appell - der bisher unerhört verhallte. "Es darf doch nicht wahr sein, dass hier keine Diskussion stattfindet. Diese unterkritischen Größen müssen bereinigt werden", fordert Titscher, "wir können die Universitäten mit diesem Problem nicht in die Vollrechtsfähigkeit entlassen."

Das Ministerium befindet sich in einem Dilemma: Einerseits will man nicht mit Brachialgewalt vorgehen und setzt auf Verständigung. Andererseits liefert man sich dadurch der Kooperationsbereitschaft der Universitäten und Institute aus. Freilich, wenn sich gar nichts bewegt, wird man doch zu Maßnahmen von oben wie budgetären Auflagen oder der Nichtnachbesetzung von Stellen greifen müssen. "Der Gesetzgeber trägt an diesem Wildwuchs mit Schuld, wir haben zu oft nachgegeben", räumt Höllinger ein. Die österreichischen Unis sind Regionalunis, die flächendeckend einen bestimmten Raum bedienen. Dadurch entsteht keine Konkurrenz zwischen den Unis, nur Neid: Was die haben, wollen wir auch. "Ja, es wird Widerstand geben", gibt sich der Sektionschef keinen Illusionen hin. Die Tücke steckt im Detail: Slowenisch in Klagenfurt muss aus politischen Gründen erhalten bleiben, die regionalen Archäologien werden die jeweiligen Unis verteidigen. Jedes Institut teilt auf Anfrage gerne mit, warum es in jedem Fall weitergeführt werden muss. Bleibt also alles beim Alten?

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