Zwischen den zwei Kulturen

Treffen Geistes- und Naturwissenschaften aufeinander, reicht die Bandbreite von gegenseitigem Unverständnis und offenem Streit bis hin zu gelungener Interdisziplinarität. Woran aber liegt es, dass die "zwei Kulturen" einander manchmal bekriegen und manchmal befruchten?

Robert Czepel und Franz Gutsch | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Einen klassischen Diskurskollaps zwischen Geistes- und Naturwissenschaft konnte man kürzlich in Lyon beobachten. Der Philosoph Peter Sloterdijk, bekannt für seine umstrittenen Ansichten zu Anthropotechnik und Gentechnologie, traf den erfolgreichen Genomentschlüssler Craig Venter zu einem Gesprächsessen. Die Erwartungen waren hoch. Ein interdisziplinäres Gipfeltreffen in entspannter Atmosphäre hätte es werden können - doch das Gespräch ist gescheitert.

Weder Sloterdijk noch Venter haben die Grenzen ihrer fachspezifischen Denkwelten verlassen. Für Sloterdijk ist die DNA ein "Symbol der Ewigkeit", er möchte "von den letzten Dingen reden". Venter hingegen hat anderes im Sinn: Ihm geht es um technische Machbarkeit, "wissenschaftliche Wahrheit" und: Geld. Venter interessiert bloß das "Wie?", doch Sloterdijk fragt immer nur: "Warum?". "Sie sind Philosoph, nicht wahr?", stellt der Naturwissenschaftler bald resigniert fest.

Auf Unverständnis folgt mitunter die schroffe Attacke. Auf der einen Seite die Geisteswissenschaften - schwatzhaft, beliebig und ungenau - auf der anderen die überheblichen und engstirnigen Naturwissenschaften. Nach den Erfahrungen des Verhaltensforschers Adolf Heschl sind solche Ansichten weit verbreitet: "Naturwissenschaftler tendieren eher dazu, Geisteswissenschaftler zu belächeln, während Letztere aus Angst vor dem Erfolg der ,Hard Sciences' mit möglichst polemischen Attacken zu kontern versuchen. Das ist alles andere als diskussionsfördernd."

Also: Unverständnis und Streit, wohin man blickt? Den Querelen zum Trotz gibt es dennoch den Trend zum interdisziplinären Miteinander. Gerade im Zeitalter der Spezialisierung und des daraus resultierenden Kontaktverlusts zwischen den Disziplinen wird die Grenzüberschreitung als besonders heilsam empfunden. Viele Bereiche wie Kognitionsforschung, Bioethik und Raumplanung sowie Untersuchungen zum nachhaltigen Wirtschaften ließen sich ohne eine Überwindung der Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften gar nicht erforschen. In diesen Gebieten bietet sich Interdisziplinarität als neues Werkzeug zur Lösung komplexer Problemfelder an. Wie aber gelingt Interdisziplinarität zwischen Geistes- und Naturwissenschaften? Und wo findet sie statt?

Beispielsweise im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF), das 1968 in Bielefeld gegründet wurde. Das ZiF widmet sich explizit der Zusammenführung geistes- und naturwissenschaftlicher Perspektiven. Dessen Herzstück ist die interdisziplinäre Forschungsgruppe, die jeweils ein Jahr gemeinsam arbeitet und in der Regel aus etwa 20 Mitgliedern besteht. 1991/92 hatte man sich das heikle Thema "Biological Foundations of Human Culture" vorgenommen. Kaum ein anderes Feld ist konfliktgeladener als die verschiedenen Interpretationen menschlicher Kultur durch Biologie und Geisteswissenschaften.

Doch die Bemühungen waren erfolgreich. Differente Sprachsysteme wurden harmonisiert und scheinbar unvergleichbare Standpunkte ausdiskutiert. Themen wie kulturelle Aspekte der Sprachentwicklung, soziale Intelligenz oder evolutionäre Ökonomie konnten von Konfliktpotenzialen befreit und einer sachlichen Forschungsarbeit zugänglich gemacht werden. Zur Zeit arbeitet eine interdisziplinäre Forschungsgruppe zum Thema "Science of Complexity: From Mathematics to Technology to a Sustainable World". Auch hier ziehen Vertreter aus geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen an einem Strang.

Die Forschungsgruppe bietet Wissenschaftlern die Chance, über einen längeren Zeitraum völlig entlastet von anderen Aufgaben zusammenzuarbeiten. "Das ermöglicht Lerneffekte, die nie zustande kommen, wenn man sich nur sporadisch sieht", sagt Gertrude Lübbe-Wolff, geschäftsführende Direktorin des ZiF. Kommunikative Barrieren zwischen den "zwei Kulturen" werden am ZiF durch ausreichende Diskussionen und räumliche Nähe überbrückt, da die Wissenschaftler nicht nur vor Ort arbeiten, sondern auch in den umliegenden Gebäuden wohnen.

Das ZiF unterscheidet sich auch in seiner baulichen Gestaltung von traditionellen, unterkühlten Forschungsbunkern: Ein in der Natur gelegenes, offenes Gebäude lädt eben mehr zum Cross-Thinking und Mind-Opening ein als architektonisch sterile Forschungsbatterien. Und natürlich darf die menschliche Komponente nicht unterschätzt werden. "Ein gutes soziales Klima in der Forschungsgruppe ist notwendig; die Leute müssen sich mögen, sie müssen gern zusammenarbeiten. Das klappt nur, wenn die Gruppe auch menschlich zusammenwächst", stellt Gertrude Lübbe-Wolff klar.

Erfolgreiche Interdisziplinarität hat neben klarer Zielsetzung also auch gruppendynamische Aspekte zu berücksichtigen. "Der organisatorische Aufwand ist hoch, aber andernfalls verkommt Interdisziplinarität zur modischen Etikette, um damit Innovativität zu suggerieren", so der ehemalige ZiF-Direktor Peter Weingart.

Auch das Konrad-Lorenz-Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung (KLI) in Altenberg bei Wien widmet sich bereits seit Jahren der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften. Ein zentraler Tätigkeitsbereich ist hier die Erforschung der Grundlagen des menschlichen Bewusstseins. Von der Verwirklichung eines einheitswissenschaftlichen Forschungsprozesses ist man aber nach wie vor entfernt.

"Trotz großer Bemühungen der letzten Jahre ist das grundsätzlich dualistische und somit strikt antiinterdisziplinäre Konzept der traditionellen Philosophie von Körper und Geist weitgehend erhalten geblieben", glaubt Adolf Heschl (KLI). Die hier mitentwickelte evolutionäre Erkenntnistheorie ist dennoch ein Paradebeispiel für die fruchtbaren Grenzüberschreitungen zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen. "Die typischen Stolpersteine", so Heschl, "sind unterschiedliche Terminologie trotz identischer Sachlage und - vor allem - unterschiedliche Interpretationsmuster bei den Ergebnissen."

Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter, Mitglied des Teams Soziale Ökologie am Interuniversitären Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) in Wien, beschreibt die Unterschiede so: "Geisteswissenschaftliche Methoden sind oft implizit, während in den Naturwissenschaften die Methoden geradezu als Aushängeschild dienen. Umgekehrt ist die theoretische Reflexion Aushängeschild der Geisteswissenschaften, während die Naturwissenschaften sich von solchem meist fernhalten." Winiwarter empfiehlt daher eine "moderierte Kommunikation und wissenschaftstheoretische Begleitung von Projekten" als die besten Heilmittel für auftretende Kommunikationsbarrieren.

Sonst droht Interdisziplinarität zum unverbindlichen "Stammtisch der Wissenschaftler" zu werden, wie der deutsche Ökonom Peter Weise ironisch anmerkt. Einen weiteren problematischen Aspekt beschreibt Martin Schmid vom IFF, Arbeitsgruppe Wissenschaftsdidaktik: "Interdisziplinäre Projekte scheitern praktisch nie - zumindest aus der Sicht der Projektverantwortlichen. Wenn nicht wirklich ein gemeinsamer Prozess in Gang gekommen ist, presst man die unterschiedlichen Beiträge trotzdem zwischen zwei Buchdeckel, schreibt ,interdisziplinär' in den Untertitel und ist zufrieden. Zeugnisse von gescheiterten Projekten dieser Art füllen Bibliotheken."

Steigt nun die Bereitschaft, interdisziplinär zu arbeiten, oder gibt es auch Anzeichen der Ernüchterung? "Beides", meint der Innsbrucker Geograph Axel Borsdorf: "Viele Kollegen scheuen nach anfänglicher Begeisterung den gewaltigen Aufwand, den interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert. Andererseits sind es gerade jüngere Kollegen, die erkennen, dass die Vorteile überwiegen, und die sich immer wieder gern auf intellektuelle Abenteuer einlassen."

Büchertipps: Peter Weingart u. Nico Stehr (Hg.): Practising interdisciplinarity. Toronto 2000 (University of Toronto Press). 294 S., US-$ 60,-.

Otto Gerhard Oexle (Hg.): Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Kulturwissenschaft: Einheit - Gegensatz - Komplementarität? Göttingen 2000 (Wallstein). 155 S., öS 204,-.

Peter Weingart (Hg.): Grenzüberschreitungen in der Wissenschaft. 1995 (Nomos). 218 S., öS 467,- .

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