Entziffern und vernetzen

Alles andere als beliebig, unerlässlich, um Querverbindungen aufzuzeigen. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun plädiert für eine Kulturwissenschaft "im Singular". Die Geisteswissenschaften insgesamt als Kulturwissenschaften (im Plural) zu bezeichnen, hält sie hingegen für wenig zielführend.

Interview: Ulrike Baureithel | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Christina von Braun ist in den Achtzigerjahren durch ihre feministische Studie "Nicht Ich" zum Thema Hysterie bekannt geworden. Seit 1994 ist sie Professorin am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin und war federführend an der Einrichtung des interdisziplinären Studiengangs Gender Studies beteiligt.

Für Samuel Huntington besteht der grundlegende Zug von Kulturen weniger in den Gemeinsamkeiten als im Trennenden. Wie bestimmen Sie den Gegenstandsbereich "Kulturwissenschaft"?

Christina von Braun: Kulturwissenschaft versucht, die Funktionen der Kultur zu analysieren, sei es die bindende oder differenzierende, und dies vor allem unter kulturgeschichtlicher Perspektive. Alles, was in die Zukunft reichen würde, wäre wieder eine neue Setzung von Kulturdefinition. Der Kulturwissenschaft müsste es vielmehr darum gehen, wie kulturelle Muster instrumentalisiert werden, um Gemeinschaften zu bilden.

Lässt ein sehr ausgeweiteter Kulturbegriff den Gegenstand beliebig werden?

Die Beliebigkeit entsteht dann, wenn Kulturwissenschaften (im Plural) als Ersatzbegriff für Geisteswissenschaften benutzt wird. Das bringt nicht viel. An diesem Institut wird Kulturwissenschaft im Singular gelehrt. Das ist etwas ganz anderes. Wenn man Kultur im Sinne einer Fülle von symbolischen oder medialen, von Handlungen und Denkmustern bestimmten Wissensformen begreift, aus denen die Gesellschaft ihr kulturelles Gedächtnis bezieht, dann ist sie alles andere als beliebig. Es gilt zu begreifen, wo die Querverbindungen zu ziehen sind zwischen verschiedenen Wissensmustern, etwa zwischen der Physik, der Philosophie und den Glaubenszusammenhängen. Kultur ist dann das, was den gemeinsamen Nenner dieser verschiedenen Bereiche bildet.

Ist die Kulturwissenschaft eine Integrationswissenschaft, um die Identitätskrise der Geisteswissenschaften zu bewältigen?

Ich bin gar nicht sicher, ob sich die Geisteswissenschaften tatsächlich in einer Identitätskrise befinden. Das Problem besteht darin, dass in allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein großes Bedürfnis nach Querverbindungen besteht, d.h. danach, zu wissen, was die Kunstgeschichte mit der Religionsgeschichte zu tun hat. Die Disziplingrenzen sind zum Problem geworden, nicht die Wissenschaften an sich. Aus diesem Bedürfnis heraus ist die Kulturwissenschaft entstanden, die versucht, die verschiedenen Disziplinen zu vernetzen und für diese Querverbindungen eine Methodik zu finden.

Kommt der Kulturwissenschaft somit eine Leitfunktion zu? Und bedarf es dazu eines Kanons?

Die Kulturwissenschaft ermöglicht zumindest, einige Fragen zu stellen, die innerhalb der anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen konkreter, dafür aber nur in einem begrenzteren Rahmen beantwortet werden können. Aber es ist schwierig, einen Kanon der Kulturwissenschaft zu erstellen, weil der analytische Blick zurück so wichtig geworden ist, der Entzifferungsblick. Ein Kanon hat die Funktion, Maßstäbe zu setzen. Insofern hat es eine Logik, dass diese Kanons sich auflösen und die Methodik der Entzifferungsarbeit bestimmt wird von dem einzelnen Gebiet, auf das ich mich einlasse.

Was heißt das für die "Aufgabenverteilung" zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften?

Die Hard-Science-Fächer haben im Grunde eine ähnliche Funktion übernommen wie die Theologie sie einst innehatte. Sie strukturieren durch die Art ihrer Wissenserhebung nicht nur eine bestimmte Form von Wissen, sondern auch die Wahrnehmung von Realität selbst. Dagegen haben die geisteswissenschaftlichen Disziplinen die Funktion übernommen zu begreifen, was die Gesellschaft eigentlich bewegt und formt.

Die Geisteswissenschaften erhalten also eine neue Rolle?

Ja, die Geisteswissenschaften, die einst in der Nähe der "vorschreibenden" Instanzen - der Theologie - standen, befinden sich nun in der Rolle des "Beobachters". Sie analysieren die Codes, die den historischen Entwicklungen zugrunde liegen, und die "Krise" der Geisteswissenschaften hängt mit den neuen Fragen zusammen, die an sie herangetragen werden. Ihre Aufgabe besteht u.a. auch in der Entzifferung dessen, was in den Hard-Science-Fächern betrieben wird.

Bücher von Christina von Braun (Auswahl): (Hg.): Gender-Studien. Eine Einführung. Stuttgart [u.a.] 2000 (Metzler). 395 S., öS 291,-.

(Hg.): Multiple Persönlichkeit. Krankheit, Medium oder Metapher? Frankfurt a. M. 1999 (Neue Kritik). 242 S., öS 277,-.

Nicht ich. Logik, Lüge, Libido. Frankfurt a. M. 1999 (Neue Kritik). 495 S., öS 350,-.

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