Der dritte Pädagoge

Der Humanismus ist tot. Es lebe der Humanismus! Für den französischen Wissenschaftsphilosophen Michel Serres werden die neuen Informationstechnologien zum Wiedererwecker eines interdisziplinären Multikulturalismus.

Interview: Oliver Hochadel und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Er ist Mitglied der Academie francaise, des französischen Geistesolymp, und Professor im kalifornischen Stanford, ausgebildeter Mathematiker und weltläufiger Philosoph. Es ist wohl diese intellektuelle Mischung, die Michel Serres Altes und Neues, Geistes- und Naturwissenschaften so kreativ zusammendenken lässt. Humanistische Ideale und Internet sind für ihn keine Gegensätze, sondern Partner bei der Verwirklichung eines globalen Multikulturalismus.

Im Englischen heißen die Geisteswissenschaften "Humanities". Was haben die Geisteswissenschaften mit Humanismus zu tun?

Michel Serres: Der Begriff Humanismus stammt wahrscheinlich aus der Renaissance. Wenn wir aber heute von Humanismus sprechen, dann folgen wir oft einer falschen Sichtweise des 19. Jahrhunderts. Wir glauben nämlich, dass die Humanisten der Renaissance bloß Spezialisten für Griechisch und Latein waren. Aber die Gelehrten des 16. Jahrhunderts waren keine Spezialisten für Sprachen. Wenn man etwas über Astronomie oder Naturgeschichte erfahren wollte, musste man Ptolemäus auf Griechisch oder Plinius auf Latein lesen.

Das heißt, die Trennung zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften hat es damals nicht wirklich gegeben?

Richtig. Der Humanismus des 16. Jahrhunderts war die wissenschaftliche Sprache, wie sie die Gelehrten kannten - sie mussten Latein, Griechisch und auch Arabisch können, um die Naturwissenschaften der Antike zu verstehen. Im 19. Jahrhundert sind die so genannten humanistischen Wissenschaften - also die klassische Philologie - bereits völlig von den Naturwissenschaften getrennt. Und heute kann niemand mehr aus Ihrer Generation Griechisch oder Latein. Humanismus wäre aber eigentlich ein Wissen, das je nachdem naturwissenschaftlich oder geisteswissenschaftlich sein kann, das beides umschließt.

Dieses Ideal lässt sich angesichts der Spezialisierung der Wissenschaften heute aber wohl kaum mehr aufrechterhalten.

Da mögen Sie Recht haben. Die humanistische Kultur ist bereits tot, seit mindestens zwanzig Jahren. Ich bin siebzig Jahre alt, ich habe Latein und Griechisch gelernt und habe die antiken Autoren gelesen. Ich habe aber auch eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Diese Kombination gibt es heute nicht mehr. Die Idee des Allgemeinwissens ist verloren gegangen. Lukrez war ein guter Physiker. Aber die Latinisten von heute verstehen keine Physik, und die Physiker kein Latein.

Haben Sie noch Hoffnung, dass es zu einer Renaissance des Humanismus kommen könnte?

Man weiß ja nie, ob etwas definitiv tot ist. Es ist möglich, dass die humanistischen Studien wieder geboren werden. Was ich schon kommen sehe, ist ein Humanismus, der auf einem Multikulturalismus beruht. Der Humanismus des 16. Jahrhunderts war auf den Mittelmeerraum begrenzt. Auch wenn Latein und Griechisch noch so schön sind, diese Kultur war nur eine partikulare. Wir müssen den Humanismus aber auf globaler Ebene neu denken - als eine Allianz zwischen den neuen Technologien und dem Multikulturalismus.

Wie kann man sich das vorstellen?

Nur ein kleines Beispiel: Das Beste, was ich zur letzten Präsidentenwahl in den USA gelesen habe, war der Text eines Soziologen aus Simbabwe, auf den ich im Internet gestoßen bin. Den hätte ich niemals in einem Buch oder in einer Zeitschrift gefunden.

Sie lehren auch in Stanford, am Rande des kalifornischen Silicon Valley. Gibt es da Auswirkungen der neuen Medien auf die Geisteswissenschaften?

Glauben Sie bloß das nicht! Ich lehre dort seit zwanzig Jahren, und meine Kollegen in den Geisteswissenschaften und ihr Unterricht scheinen mir in keiner Weise von den neuen Technologien beeinflusst. Die sind recht konservativ. Stanford ist auch zu reich, um sich verändern zu müssen.

Wer aber soll dann diesen neuen Humanismus lehren?

Ich nenne ihn den dritten Pädagogen. Er vermittelt seinen Studenten jenes Gemeinwissen, das auch die neuen Technologien mit einschließt. Eine Gesellschaft, die nur in den harten Wissenschaften beschlagen wäre, aber die humanistischen Wissenschaften nicht beachtet, bzw. umgekehrt die Humanisten, die von den Naturwissenschaften abgeschnitten sind - das wäre gefährlich für die Welt. Ich weiß nicht, ob die neuen Technologien den Multikulturalismus oder den Humanismus retten werden. Aber ich bin mir sicher, ohne Kultur und ohne den Humanismus werden wir nicht zu retten sein.

Michel Serres u. Nayla Farouki (Hg.): Thesaurus der exakten Wissenschaften. Deutsch von Michael u. Ulrike Bischoff. Frankfurt a.M. 2001 (Zweitausendeins). 1176 S., öS 710,-.

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