Druck ohne Nachfrage

Das geisteswissenschaftliche Buch steckt in der Krise. Dem Leser ist es zu teuer, dem Autor zu schlecht verkauft und dem Händler ein Klotz am Bein. Der Staat drängt zum Sparen, der Verlag auf Zuschüsse und die Umwelt auf eine neue Drucktechnik.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Um bei der Publikation ihres nächsten Buches nicht als Querulantin abgewiesen zu werden, bittet die Historikerin, die Umstände ihrer jüngsten Veröffentlichung ohne Namen zu vermelden. Dass ihr Manuskript, bevor es angenommen wurde, auf ihre eigenen Kosten sprachlich und inhaltlich lektoriert und Korrektur gelesen worden sei, wäre heute üblich, hat man ihr erklärt. Nach einigem Hin und Her schluckte der Verlag zwar, dass eine schlampig erstellte erste Druckvorlage von einem Grafiker überarbeitet werden musste.

Ihr Einwand, dass Studierende ihr Buch zu einem Viertel des Ladenpreises fotokopieren würden, fand dagegen kein Gehör. In den meisten Buchhandlungen hat die Historikerin ihr Werk dann vergeblich gesucht. Und Werbung hat sie nur in der Verlagsbroschüre gesehen. Ihr Verdacht: Der Verlag habe kein Interesse, das Buch zu verkaufen. Weniger deshalb, weil der Autorin ab dem 501. verkauften Exemplar ein geringes Honorar zustünde, sondern um als Verlag die Subvention in voller Höhe einstreichen zu können.

Als der Buchmarktexperte Fritz Panzer die Geschichte hört, lächelt er über die Interpretation der Forscherin. Die bewilligten Zuschüsse beruhen zwar auf Kalkulationen der Verlage, die sich gegen den geringen Absatz unpopulärer, aber wissenschaftlich relevanter Titel absichern, erklärt Panzer, der demnächst die Leitung von Österreichs größtem Sachbuchverlag Ueberreuter übernehmen wird. Doch auch nach relativen Verkaufserfolgen werde in Österreich nahezu nie etwas von den Förderern zurückverlangt.

Gerade in den Geisteswissenschaften wird wenig ohne öffentliche Bezuschussung publiziert. Weit stärker als in den Natur- und Sozialwissenschaften, wo mit Zeitschriftenaufsätzen Karriere gemacht wird, sind es in den "Soft Sciences" Monographien. Die Budgets der Bibliotheken und Gehälter der publizierenden Geisteswissenschaftler einmal außen vor, werden jährlich 30 Millionen Steuerschillinge an die Verlage überwiesen (übrigens durchaus auch an deutsche Verlage). Je etwa ein Drittel kommen vom Wissenschaftsministerium und vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), der Rest verteilt sich auf die Bundesländer, die Österreichische Forschungsgemeinschaft (ÖFG), Universitätstöpfe und sponsernde Unternehmen.

Dabei herrscht eine große Bandbreite. Der FWF nimmt Ansuchen unter 80.000 Schilling gar nicht erst an. Etwa fünfzig geisteswissenschaftliche Werke kommen jährlich in den Genuss von durchschnittlich rund 170.000 Schilling und in besonders aufwendigen Fällen bis zu einer halben Million Fördergeld. Dafür werden die Manuskripte von zwei Gutachtern auf wissenschaftliche Originalität und Qualität geprüft.

Dagegen fördert das Ministerium mehrere Hundert Schriftenreihen und Monographien. Abgelehnt wird in der paritätisch von Beamten und Professoren besetzten Druckschriftenkommission wenig. Ein paar Rahmendaten genügen, inhaltliche Gutachten sind die Ausnahme. Mit der Bewilligung werde das öffentliche Interesse am geförderten Inhalt bestätigt, so Ministerialrat Siegfried Haid. War die Geldbeschaffung ursprünglich Sache der Verlage, bemühen sich die Autoren in der Praxis zunehmend selbst, hat Haid beobachtet. Diplomanden und Doktoranden verweist er an ihre Universitäten und an die ÖFG.

Seit der 20-prozentigen Kürzung der so genannten Ermessenskredite im vorigen Jahr werden die Antragssummen im Ministerium immer geringer. Als Richtschnur gelten 10.000 Schilling je 100 Druckseiten, erklärt Haid. Deshalb komme es immer öfter vor, dass die vermeintlichen Geschenke abgelehnt werden und die Verlage auf das Buch verzichten, es sei denn, ein zweiter Förderer oder der Autor selbst greift in die Tasche.

Rudolf Siegle hat nur Spott für die tröpfelnde Gießkannen-Förderung. Das aufwendige Vertriebsnetz und edle Buchdesign beim Springer Verlag seien mit so geringen Beträgen nicht abzugelten. Könne man ein Buch 800- bis 1000-mal verkaufen, so Markus Hatzer vom Studienverlag Innsbruck, brauche man keine Subvention, bei 300 Stück gehe es nicht ohne. Die reine Herstellung in der Druckerei macht dabei höchstens ein Drittel der Kosten aus. Michael Huter, der Leiter des Wiener Universitätsverlags und Sprecher der österreichischen Wissenschaftsverlage, hat einen Aufwand von vierzig Stunden für die durchschnittliche Betreuung des Autors und Manuskripts ermittelt. Zusammen mit dem Layout fällt dafür eher mehr als ein Drittel der Kosten an. Ein weiteres Drittel wird gewöhnlich für die übrigen Verlagskosten von der Miete bis zum Vertrieb angesetzt.

Das Einfrieren der österreichischen und massive Kürzungen der deutschen Bibliotheksbudgets hat die Krise der letzten Jahre wenn nicht ausgelöst, so doch verschärft. An gebildete Leser außerhalb der Universitäten sind immer weniger der zahllosen Bücher abzusetzen. Die Gebiete werden spezieller, die Fachgemeinden kleiner. Einen Gegentrend erhofft Michael Huter von der Wende zur Kulturwissenschaft. Mit fachübergreifenden Themen und Methoden wären vielleicht mehr Leser je Buch zu finden.

Das traurige Ausmaß der Absatzkrise zeigt sich in den Lagern. Mindestens die Hälfte der gedruckten Bücher findet keinen Käufer und sie vergammeln, bis sie zur Altpapierverwertung makuliert werden. Wissenschaftliche Titel verramschen lohnt selten. Im Offsetdruck mit seinen hohen Fixkosten pro Auflage rechnen sich die zu hohen Auflagen wegen der geringen Grenzkosten. Übersteigt die Chance, das soundsovielte Exemplar zu verkaufen, das Verhältnis der Kosten für die Drucklegung zum Erlös, wird es eben gedruckt.

Ökologisch ist das freilich nicht. Und nicht nur das bringt die so genannte Print-on-Demand-Technik ins Gespräch. Der digitale Druck kommt bei niedrigen Auflagen, wie sie in der Wissenschaft üblich sind, auch fast ein Viertel billiger. Dabei braucht nicht einmal auf höherwertige Umschläge und Bildteile im Offsetdruck verzichtet werden, erklärt der Wiener Verleger Wolf Peterson. Vieles sei machbar. Bislang leidet Print-on-Demand allerdings noch unter einem Verlierer-Image: Die ersten Anbieter warben vor allem um jene zahlenden Autoren, die ihre Manuskripte sonst nirgends unterbrachten.

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