"Lesen muss man trotzdem noch"

Die neuen Medien verändern auch die altehrwürdigen Geisteswissenschaften. Nicht nur die Forschung, auch die Lehre könnte in Zukunft in den virtuellen Raum verlagert werden. Fragt sich nur, ob alles nur schneller oder tatsächlich auch besser wird? Einige Mutmaßungen am Beispiel der Geschichtswissenschaften.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Der Cyber-Historiker. Lange hat er sich geweigert, überhaupt einen Computer zu benutzen. Erfolglos - der Sinneswandel ist vollkommen. "Online sein oder nicht sein", hamletisiert er nun. Und er fordert seine Kollegen auf, zu Hackern zu werden. "Das ist natürlich nur polemisch gemeint", rudert der Salzburger Historiker Reinhold Wagnleitner auf Anfrage etwas zurück. Dennoch: das Desinteresse mancher Kollegen grenze an Realitätsverweigerung. Die Historikerzunft solle das neue Leitmedium endlich einer wissenschaftlichen Kritik unterziehen und vor allem auch selbst nutzen: als Forschungsinstrument, als Publikationsorgan, zur internationalen Vernetzung und um den virtuellen Raum nicht kampflos den Vereinfachern und Ideologen zu überlassen.

Vor allem populäre History-Sites in den USA knüpfen für Wagnleitner nahtlos an die patriotisch-eindimensionale Darstellungsweise von Oliver Stone und Steven Spielberg an und implantierten Geschichtsbilder in die Köpfe der Surfer. So wie im Film "13 Days" über die Kubakrise von 1962 kein einziger Russe zu Wort kommt, beschränken sich auch viele Onlinepräsentationen des Kalten Krieges allein auf US-Quellen. Entsprechend verzerrt sei die Perspektive.

Virtuelle Windmühlenflügel. "Da ist keine Gegenthese mehr möglich." Wagnleitner weiß, wie schwierig, wenn nicht gar aussichtslos der Kampf gegen die Geschichtsklitterungen von Hollywood & Co ist. Dennoch dürfe man sich nicht länger ins Abseits stellen und sich immer nur an die Fachöffentlichkeit wenden. Die zentrale Schwierigkeit besteht für Wagnleitner in der Quellenkritik. Auf was kann man sich in diesem endlosen Raum von bunten Bildern und blinkenden Links überhaupt noch verlassen?

"Das methodische Problem ist an sich kein neues", gibt sein Salzburger Kollege Albert Lichtblau zu bedenken. Es gehörte ja schon immer zur ureigensten Aufgabe des Historikers, Quellen auf ihre Herkunft, Aussagekraft und Verlässlichkeit zu überprüfen. "Auch der Konflikt zwischen den öffentlich kommunizierten Geschichtsbildern und dem Wissen der Geschichtsforschung hat bereits Tradition." Außerdem: "Aus österreichischer Sicht halte ich das Netzwerk der Neonazis mit ihren Geschichtslügen für weitaus gefährlicher als Hollywood."

Gleichwohl: das Problem der Qualitätssicherung bleibt bestehen. "Man muss sich durchsetzen und entsprechend präsentieren", rät der Wiener Informationswissenschaftler Michael Nentwich: "Historiker könnten entsprechende Portale mit dem Gütesiegel der Wissenschaft im Eck gestalten."

Ertrinken in der Datenflut. Sich Informationen aus dem Netz zu holen, ist wie ein Schluck aus dem Hydranten, lautet ein Bonmot von Mitchell Kapor. "Informationen sind nicht ,Wissen", insistiert die Salzburger Historikerin Margit Szöllösi-Janze: "Weiterhin unerlässlich ist jenes auswählende und bewertende Deutungs- und Orientierungswissen, das nicht so einfach aus dem Computer kommt, sondern in der Schule oder in der Universität erworben werden muss. Geschichtsbilder werden aber offenbar schon größtenteils visuell vermittelt, Texte haben da oft keine Chance mehr."

Vielleicht können die neuen Medien aber auch zum Jungbrunnen für die traditionell wortorientierten, um nicht zu sagen logozentrischen Geisteswissenschaften werden, in der Bilder per se als verfälschend und manipulierbar gelten. In den USA hat man diesbezüglich weniger Berührungsängste, etwa was die Erarbeitung von virtuellen Schulbüchern oder gigabytegroße Projekte über den Amerikanischen Bürgerkrieg angeht. Fast jedes Nest in Virginia oder Pennsylvania hat bereits eine eigene Civil-War-Site, nichtlineare Darstellungen ermöglichen dabei individuelle Zugänge. Und weil sich eine Site anders als ein einmal erschienenes Buch stets erweitern lässt, können die Nutzer zu Mitgestaltern werden und Stammbäume und Familienfotos einbringen.

Und was sagen die Fachhistoriker? Einhellig verzückt gibt man sich angesichts der neuen Recherchemöglichkeiten in Form von Datenbanken und virtuellen Bibliotheken. Und erst die Kommunikation! "Ohne E-Mail wäre bei der mangelnden Qualität der heutigen Post kaum mehr ein Arbeiten denkbar", seufzt der Wiener Historiker Karl Brunner erleichtert. "Die historische Arbeit ändert sich in der Qualität aber nicht", schränkt sein Kollege Thomas Fröschl allerdings ein. "Man soll die neuen Medien als Werkzeug verwenden, aber auch die Grenzen kennen. Die Frage der Auswahl bleibt ja. Und lesen muss man trotzdem noch."

Das Archiv und ich. Historiker sind, anders etwa als die Naturwissenschaftler, traditionell Einzelkämpfer, die sich im stummen Dialog mit den Quellen befinden. In den Sozialwissenschaften steigt die Zahl der Multiautorschaften bereits, wie Michael Nentwich herausgefunden hat. In der Geschichte gibt es auch erste Anzeichen: "Letztes Jahr habe ich gemeinsam mit einer Berliner Kollegin in wenigen Wochen einen Artikel geschrieben. Ohne E-Mail wäre dies - zumindest in der Zeit - nicht möglich gewesen", berichtet die Wiener Historikerin Andrea Griesebner.

Die neuen Kommunikationswege verändern also nicht nur die Arbeitsweise, sondern auch die Struktur der Scientific Community, die nun verstärkt auf Kooperation setzen kann. Die Schnelligkeit hat Auswirkungen auf Produkt und Produzenten. Schlägt an diesem Punkt Quantität in Qualität um?

Definitive Antworten lassen sich hier noch keine geben, dafür stellen sich weitere Fragen: Wie steht es etwa um eine Auswahl des Materials? Die Grazer Historikerin Grete Walter-Klingenstein befürchtet, "dass die neuen Medien zu einer Standardisierung führen - etwa, dass alles, was in Zukunft nicht mehr im Internet auftaucht, nicht mehr wahrgenommen wird". Die Gefahr blinder Flecken ist für den Wiener Historiker Wolfgang Schmale allerdings nur bedingt vorhanden. Im Gegenteil: Gerade schwer zugängliche Bestände, die teure Archivbesuche nötig machten, könnten nun endlich bearbeitet werden.

Neben den verbesserten Zugriffsmöglichkeiten liegen auch die Vorteile im Publikationswesen auf der Hand: "Gerade Spezialdisziplinen, die bisher immer wieder raufen mussten, um hinreichend Illustrationen und Grafiken unterzubringen, werden davon profitieren", sieht Karl Brunner rosigere Zeiten anbrechen. Die Publikationsnöte vieler Zeitschriften (niedrige Auflagen, hohe Kosten) werden sich vielleicht bald in ein virtuelles Wohlgefallen auflösen.

Und die Lehr von der Geschicht? Fast unisono werden die Einsatzmöglichkeiten in der Lehre gerühmt, nicht ohne allerdings darauf hinzuweisen, dass der zusätzliche Zeitaufwand enorm ist und zusätzliche Finanzmittel fehlen. Hörsäle müssten Internetanschlüsse bekommen, speziell geschultes Personal eingestellt werden. In Wien ist Wolfgang Schmale der Vorreiter bei der IGL, der so genannten internetgestützten Lehre. Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen, Diskussionsforum und bibliografische Recherche können bzw. müssen online absolviert werden.

"Vielleicht wird es bald zum Abenteuer, in die Bibliothek zu gehen", mutmaßt sein Wiener Kollege Thomas Fröschl. Gegen die "reine Netzlehre" hat er allerdings Vorbehalte. Persönliche Kontakte seien weiterhin zentral. Anders sieht dies der Berliner Historiker Arthur Imhof. Er kommuniziert fast nur noch per E-Mail mit seinen Studierenden. Seminar- und Abschlussarbeiten akzeptiert er bereits seit 1995 nicht mehr in Papierform, HTML oder CD-ROM muss es sein: "Einen geisteswissenschaftlichen Abschluss zu haben ist schön und gut. Den Job bekommen sie indes, weil sie das zeitgemäße Handwerkszeug beherrschen."

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