Kraftakt auf dünnem Seil

Es ist das größte zeitgeschichtliche Projekt, das je in Österreich durchgeführt worden ist in puncto Zeitdauer, Budget und Zahl der beteiligten Forscher. Die Aufarbeitung der ökonomischen Dimension des Holocaust durch die Österreichische Historikerkommission ist nicht nur politisch hochbrisant, sie erfordert auch neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den über 100 Wissenschaftlern.

Peter Lachnit | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Es war weniger das Schuldbewusstsein als der wachsende Druck von außen: In New York wurden vier Schiele-Bilder aus der Wiener Sammlung Leopold wegen unklarer Besitzverhältnisse beschlagnahmt; US-Anwälte hatten begonnen, über Sammelklagen die Ansprüche von Zwangsarbeitern aus der NS-Zeit einzufordern; wegen der so genannten "namenlosen Konten" - also den Bankguthaben von Menschen, die in der NS-Zeit umgekommen waren - geriet nach den Schweizer Banken auch die Wiener Creditanstalt unter Beschuss.

Die Themen Kunstraub, Zwangsarbeit, "Arisierung", also die ökonomischen "Begleiterscheinungen" des Holocaust, standen auf der Tagesordnung, und die Republik konnte sich dem nicht mehr länger entziehen. Im Herbst 1998 beschloss die großkoalitionäre Regierung Klima-Schüssel die Einsetzung der Österreichischen Historikerkommission. Sie erhielt den Auftrag, den gesamten Komplex sowohl des Vermögensentzugs als auch der Rückstellungen und Entschädigungen, die nach 1945 geleistet wurden, "zu erforschen und darüber zu berichten".

Wie die Kommission personell zusammengesetzt werden sollte, war nicht unumstritten. Vor allem der damalige Vizekanzler Wolfgang Schüssel wehrte sich erfolgreich dagegen, dass mehr als ein ausländischer Wissenschaftler vertreten sein sollte - die schmerzhafte Erinnerung an die rein ausländische Waldheim-Kommission unter Vorsitz des renommierten deutschen Militärhistorikers Manfred Messerschmidt saß tief. So wurde in die neue Kommission nur ein nicht-österreichischer Historiker berufen, und nachdem sowohl Raul Hilberg als auch Avraham Barkai abgesagt hatten, war der britische Historiker Robert Knight nicht mehr zu umgehen. Knight, dessen Mutter 1938 aus Österreich nach England geflohen war, arbeitete schon in den Achtzigerjahren im Österreichischen Staatsarchiv und war dabei auf die Regierungsprotokolle der Vierziger- und Fünfzigerjahre über die Entschädigung der österreichischen Juden aufmerksam geworden.

Knight tat damals nichts anderes, als die Dokumente in ihrem originalen Wortlaut zu veröffentlichen, und es entstand ein ziemlich desillusionierendes Sittenbild der österreichischen Nachkriegspolitik. Die Regierungen nach 1945, so musste man feststellen, hatte alles getan, um die Rückgabe von geraubtem jüdischem Eigentum zu verzögern oder zu verhindern. "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen" - dieser Ausspruch des sozialistischen Innenministers Helmer war auch der Titel von Knights Buch, das im Vorjahr neu aufgelegt wurde. Bei seinem ersten Erscheinen 1988 hatte es noch ziemlichen Wirbel ausgelöst. Heute ist Knight Mitglied der Historikerkommission, und dass deren Sitz ausgerechnet in jenem Staatsarchiv liegt, zu dem ihm vor zwölf Jahren nach der Publikation seines Buches der Zutritt verwehrt wurde, das sieht der britisch-unterkühlt argumentierende Historiker durchaus als "List der Geschichte" an.

Zu Beginn der Arbeit gab es Befürchtungen, die Kommission könnte politisch vereinnahmt werden und als Alibiaktion für eine Verzögerung der Restitutionsverhandlungen dienen - für ein neuerliches "In-die-Länge-Ziehen". Doch das, so anerkennt auch der Wiener Zeithistoriker Gerhard Botz, sonst ein Kritiker der Kommission, ist nicht der Fall gewesen. Die Kommission hat sich von den regierenden Auftraggebern durch die Schaffung eines detaillierten Arbeitsprogramms emanzipiert, hat ihre Zahl durch die eigenmächtige Beiziehung von drei weiteren Experten von sechs auf neun erhöht und hat betont, dass man zur Durchführung von Restitutionsverhandlungen keineswegs auf den Abschluss ihrer Arbeit warten müsste. Schließlich sei es ja nicht so, dass bisher dazu gar nichts geforscht worden wäre, und die politischen Willensträger, so hieß es unmissverständlich, wären durchaus "auch schon jetzt in der Lage, in eine politische Auseinandersetzung mit Opfergruppen einzutreten" - was ja dann auch geschehen ist.

Die Bildung der schwarz-blauen Regierung im Vorjahr hat die Historikerkommission, wie zugegeben wird, irritiert. Robert Knight wollte seine Mitarbeit überprüfen, ist dann aber geblieben. Und die gesamte Kommission hat, was ja doch recht ungewöhnlich ist, zum Regierungswechsel eine Presseerklärung veröffentlicht, die mit dem Hinweis endet, dass es nicht allein darauf ankomme, dass Vergangenes aufgearbeitet würde, "sondern auch darauf, dass in Staat und Gesellschaft alle Ausprägungen von Menschenverachtung und Rassismus bekämpft werden". Andernfalls würde die Historikerkommission zu einem Alibi-Instrument verkommen.

"Die Ent- und Aneignung österreichischen Eigentums nach dem ,Anschluss' bis zum Zusammenbruch der NS-Herrschaft stellt eine der zeitlich kürzesten, durchgreifendsten und umfangreichsten Vermögensumschichtungen in der österreichischen Geschichte dar, die sowohl den Staat als auch alle Schichten der Bevölkerung umfasste", heißt es im Arbeitsprogramm der Kommission. Die "Arisierung" als große wirtschaftliche Umverteilung also. Mehr als 40 Teilprojekte wurden und werden insgesamt bearbeitet, es geht um geraubte Wohnungen und Unternehmen, um Mobilien und Geldvermögen, um Fragen wie: welche Grundstücke, Miets- oder Einfamilienhäuser aus jüdischem Besitz wurden enteignet oder zwangsverkauft, was davon nach 1945 wieder zurückgegeben? Wie ist die Beraubung vor sich gegangen, welche Institutionen und Personen waren daran beteiligt?

Andere historische Teilprojekte befassen sich mit den Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft, über die - im Gegensatz zu den Zwangsarbeitern in der Industrie - noch ganz wenig geforscht wurde, es geht um Vereine, die zwangsweise aufgelöst, um Berufsverbote, die über Juden und so genannte "Halbjuden" verhängt wurden, aber auch etwa um die "Arisierung" am Wiener Naschmarkt. Auch rechtliche Fragen wie die Analyse der Rückstellungsgesetzgebung sowie die völkerrechtlichen Verpflichtungen Österreichs werden mittels juridischer Gutachten aufgearbeitet.

Manche der bearbeiteten Bestände sind öffentlich zugänglich, zu anderen Quellen hat die Kommission einen privilegierten Zugang. Der besondere Status der Kommission als "Kommission der Republik" wirke sich hier positiv aus, sagt Eva Blimlinger, die Forschungskoordinatorin der Kommission. Die Historikerkommission kann auch gesperrte Bestände und Akten einsehen, auch habe ihre Existenz bei der routinemäßigen Skartierung, also dem Ausscheiden von alten Aktenbeständen, zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber Beständen aus der NS-Zeit geführt. Schließlich waren noch im Jahr 1984 etwa 30.000 einschlägige Akten aus den Jahren 1949 bis 1954 von den Behörden vernichtet worden - bei einer regelmäßigen Skartierung von über 30 Jahre alten Beständen.

Im Zuge der Arbeit der Kommission sind sogar neue Akten aufgetaucht, darunter 200.000 in der Finanzlandesdirektion gelagerte Entschädigungsakten. "Es gibt mehr Unterlagen, als wir angenommen haben", sagt Kommissionsmitglied Bertrand Perz. Im Sekretariat der Kommission langen immer wieder Anrufe aus Firmen oder Behörden ein, die auf aufgefundene Aktenbestände hinweisen. Und durch eine Verordnung sind kürzlich die Archive von über 70 Firmen unter Denkmalschutz gestellt worden, was eine Vernichtung dieser Privatbestände verhindern soll.

Rund 110 Forscher und Forscherinnen sind in Österreich, Deutschland, Israel, Russland und den USA für die Kommission tätig, das Budget für die auf vier Jahre veranschlagte Tätigkeit beträgt 90 Millionen Schilling. Eine derart groß angelegte Forschungsaufgabe erfordert besondere Strukturen. Es wird Wert auf den permanenten Austausch von Akten und Informationen und regelmäßige Zwischenberichte gelegt, daneben werden regelmäßig interne Workshops veranstaltet.

Eva Blimlinger zeigt sich erfreut, dass dadurch die im Wissenschaftsbetrieb übliche "Schrebergartenmentalität" überwunden werden konnte: "Es wird für die anderen mitkopiert, es werden Dinge hergegeben." Alle Mitarbeiter der Kommission, auch wenn sie gerade in den Archiven arbeiten, sind elektronisch miteinander vernetzt, besonders geachtet wird darauf, dass alle Zugang zu allen Informationen haben. Das sei ein wirklicher Innovationsschub in der Forschercommunity, meint Blimlinger, der für historische Großprojekte Maßstäbe setzen werde.

Die Forscher und Forscherinnen, die für die Kommission arbeiten, sind meist zwischen 30 und 45 Jahre alt. "Wir wollten nicht, dass jemand, der an einer Universität vollzeitbeschäftigt ist, dann noch nebenbei für die Kommission tätig ist", erklärt die Forschungskoordinatorin. So ist hier jene Generation von Zeithistorikern zum Zug gekommen, die sich lange Jahre als freiberufliche Wissenschaftler über Projekte und in der außeruniversitären Forschung verdingt hatte. Denn die Zeitgeschichte-Institute an den österreichischen Universitäten sind alle in den Siebzigerjahren geschaffen bzw. ausgebaut worden und sind seitdem "zu", es sind also nahezu keine neuen universitären Posten mehr geschaffen worden. Mit der Tätigkeit der Historikerkommission, die im Übrigen die wissenschaftliche Arbeit besser entlohnt als etwa der Forschungsförderungsfonds, könnte da ein Generationenwechsel eingeleitet worden sein.

Die Historikerkommission ist aber auch der Kritik von Fachkreisen ausgesetzt - nicht so sehr ihre konkrete Arbeit als vielmehr die Institution an sich. Für den Zeithistoriker Gerhard Botz ist die politische Vorgabe der Kommission problematisch, er spricht von einer "staatlich reglementierten Gängelung der Wissenschaft". Es sei ziemlich paradox, dass eine historische Kommission von einem Juristen - dem Verfassungsjuristen Clemens Jabloner - präsidiert würde, meint Botz, und sieht die Kommission dank ihrer guten finanziellen Ausstattung ein Monopol bei der NS-Forschung ausüben. Andere befürchten, dass nach Abschluss der Kommissionsarbeit das NS-Thema endgültig als "erledigt" abgehakt werden könnte - so wie dies schon in der Ära von Wissenschaftsminister Erhard Busek Anfang der Neunzigerjahre versucht worden war, der die Ansicht vertrat, es sei "schon genug" geforscht worden.

Botz kritisiert auch, dass die für die Kommission Arbeitenden zur Amtsverschwiegenheit verpflichtet sind: "Ein wissenschaftlicher Diskurs kann nur durch den Austausch mit der Fachöffentlichkeit funktionieren, die Kommission schottet sich hingegen ab." Auch sei den Forschern die Veröffentlichung der Ergebnisse vor Abschluss der Kommissionsarbeit untersagt. Das sei bei jeder Auftragsforschung so, erwidert Eva Blimlinger, die Kommission habe sich aber verpflichtet, nach dem Ende der Arbeit alle Berichte zu publizieren. Zwei solche Zwischenberichte, und zwar über die Zahl der Zwangsarbeiter zur NS-Zeit auf dem Gebiet des heutigen Österreich - nahezu eine Million! - und über die Wohnungs"arisierungen", sind bisher abgeschlossen und, vorläufig nur im Netz, veröffentlicht worden. Doch die Verlagssuche ist bereits ausgeschrieben und eine Publikationsreihe ist geplant.

Die Arbeit der Kommission soll im Jahr 2002 abgeschlossen und der Endbericht vorgelegt werden. Der Endbericht der seinerzeitigen Waldheim-Kommission ist übrigens bis heute nicht öffentlich publiziert worden - damit das hier nicht wieder passieren kann, hat sich die Historikerkommission vertraglich abgesichert und sich die Publikationsrechte einräumen lassen. Alle Berichte werden zuerst der Bundesregierung vorgelegt und vier Wochen nach der Berichtsabgabe veröffentlicht. "Das ist eine gute Übereinkunft, um zu garantieren, dass die Ergebnisse an die Öffentlichkeit kommen", sagt Eva Blimlinger. Darin, in der Veröffentlichung der Ergebnisse der Historikerkommission, sieht Robert Knight auch so etwas wie eine aufklärerische Funktion der Arbeit. Und er erhofft sich "eine positive pädagogische Wirkung auf die österreichische Gesellschaft - um einen altmodischen Begriff zu verwenden".

Peter Lachnit ist Historiker und Politikwissenschaftler und arbeitet als Redakteur bei der Ö1-Sendung "Diagonal".

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