Hartes Geld für weiche Forschung

Auch Geistes- und Kulturwissenschaftler brauchen für ihre Forschungen finanzielle Unterstützung, wenngleich ihre Projekte weit weniger kosten als die ihrer Kollegen von den Naturwissenschaften. Was und wer wie gefördert werden soll, darüber wird in den Soft Sciences nur selten diskutiert - obwohl die Angst vor Einsparungen umgeht.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Es gibt die Philosophie und die Sinologie, die Turkologie und die Germanistik. Wenn heute von den Geisteswissenschaften im Plural die Rede ist, dann geht es zumeist um ihre Krise. Oder ums Sparen. Dann nämlich werden die "Geisteswissenschaften" zu einem Kampfbegriff. Wie zum Beispiel für den Rektor der TU Wien, den Physiker Peter Skalicky, der kürzlich im "Standard" mit der Aussage aufhorchen ließ, dass der geisteswissenschaftliche Bereich in Österreich zu groß sei: "Das ist etwas, das wir aus der Monarchie übernommen haben."

Was an den österreichischen Geisteswissenschaften zu groß sei, blieb von Skalicky allerdings unbeantwortet: Vielleicht hat er die Anzahl der an den Universitäten lehrenden Geisteswissenschaftler gemeint, die relativ hoch ist. Die Anzahl der geisteswissenschaftlichen Absolventen ist es wohl nicht - denn da liegt prozentuell Österreich mit 30 Prozent etwa weit hinter den USA mit 46 Prozent zurück. Und auch die Forschungsförderung in den Soft Sciences ist in Österreich alles andere als überdimensioniert.

Der wichtigste Geldgeber für die österreichische Grundlagenforschung, der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), gab im Jahr 2000 rund 170 Millionen Schilling für die Geisteswissenschaften aus, das sind rund 14 Prozent seiner Gesamtdotation. Verglichen mit den Zahlen entsprechender Einrichtungen in Deutschland (DFG) und der Schweiz (SWR) liegt Österreich absolut im Trend. Nimmt man noch die Sozialwissenschaften dazu (beim FWF mit etwas mehr als 5 Prozent bzw. 67 Millionen an der Gesamtförderungssumme vertreten), dann fallen Vergleiche insbesondere mit den skandinavischen Ländern für Österreich freilich eher beschämend aus - nicht nur in absoluten, sondern auch in relativen Zahlen.

Die Geldmitttel des FWF werden für ein weites Feld an geisteswissenschaftlichen Projekten aufgewendet, wie der aktuelle Jahresbericht 2000 dokumentiert: Sie reichen von der Erforschung tibetanischer Kulturdenkmäler aus dem 10. bis 13. Jahrhundert über die Katalogisierung der aus dem 14. Jahrhundert stammenden illuminierten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek bis zur Theorie und Praxis der Netzmedialität am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Warum gerade solche Themen und nicht andere? "Was vom Fonds gefördert wird und was nicht, hängt allein von der Qualität des Projektansuchens ab", stellt die Grazer Historikerin Grete Walter-Klingenstein klar, die FWF-Abteilungspräsidentin für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Im Klartext: Der FWF gibt keine Forschungsthemen oder Schwerpunkte vor. Die Projektansuchen, die von der Scientific Community kommen, werden an anonyme internationale Gutachter versandt, die darüber urteilen, ob ein Projekt unterstützenswert ist oder nicht.

Ähnlich wie in den Naturwissenschaften und in der Medizin beträgt die Bewilligungsquote auch bei den Soft Sciences rund 50 Prozent. Unterschiede zu Projekten in den Hard Sciences sieht Walter-Klingenstein vor allem bei der Antragsphase: Da sei von den Geisteswissenschaftlern in der Regel mehr Vorarbeit zu leisten als von ihren Kollegen in der Physik oder in Biologie.

Möglicherweise hängt es auch damit zusammen, dass der FWF in der Community der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler ein nicht ganz so gutes Image hat wie in den Naturwissenschaften und in der Medizin: Wird ein Antrag abgelehnt, in den viel Arbeit investiert wurde, ist das natürlich besonders ärgerlich. In Gesprächen mit Geistes- und Kulturwissenschaftlern ist aber auch immer wieder zu hören, dass der FWF eher traditionelle Forschungsvorhaben fördere und Innovatives oft ablehne. "Mir scheint der FWF viel konservativer zu sein, als er sein müsste", meint ein befragter Geschichteprofessor.

Mit diesen Vorwürfen kann seine emeritierte Kollegin Walter-Klingenstein nicht viel anfangen und verweist auf die strikte Anonymität des Gutachterverfahrens. Bei einem anderen Kritikpunkt hingegen - dass nämlich beim FWF jungen Geistes- und Kulturwissenschaftlern beschieden werde, ihre eigenen Projekte durch Professoren einreichen zu lassen - zeigt sie sich aufgeschlossener: Ihr sei der Vorwurf bislang unbekannt gewesen. Sie werde sich jedenfalls um verstärkte Förderung der Jungforscher bemühen, denn wie viele andere Kenner der Szene hält auch sie die Nachwuchsproblematik für die drängendste Herausforderung an die Forschungsförderung in den Geistes- und Kulturwissenschaften.

"Allein in Wien haben wir rund 300 gute junge Leute in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften. Aber wir tun nichts für sie." Mit diesen Worten bringt Lutz Musner, Kulturwissenschaftler und wissenschaftlicher Manager des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien, jene Notlage auf den Punkt, die durch die "Zupragmatisierung" der Universitäten entstanden ist: Eine ganze Generation an Nachwuchsforschern muss ihr Glück außerhalb der Alma Mater suchen. Walter-Klingenstein verweist darauf, dass der FWF in den letzten Jahren immerhin einige zusätzliche Stipendienprogramme (wie die Hertha-Firnberg-Stipendien) für Nachwuchsforscher eingerichtet hat. Und auch die Projektförderung von Post-Doc-Gruppen kann sie sich in Zukunft vorstellen.

Neben dem Fonds als Geldgeber für geistes- und kulturwissenschaftliche Projekte fallen hierzulande nur noch der Jubiläumsfonds der Nationalbank (siehe heureka 4/00) sowie die Forschungsschwerpunkte des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und kulturelle Angelegenheiten ins Gewicht. Im Gegensatz zum FWF und zum Jubiläumsfonds gibt das Ministerium bestimmte Themenstellungen (Fremdenfeindlichkeit, Genderforschung, Kulturwissenschaften) vor, zu welchen Projekte eingereicht werden können - auch von Nachwuchsforschern. Diese Schwerpunkte sind einerseits politisch-aufklärerisch motiviert, wie der Schwerpunkt "Fremdenfeindlichkeit"; zum anderen wurde versucht, mit dem Schwerpunkt "Kulturwissenschaften" neue methodische und theoretische Entwicklungen in Österreich zu fördern, die sich im Ausland längst etabliert haben.

Dass ein Teil des Ungemachs der österreichischen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ganz grundsätzlich in ihrer Binnenfixierung liegt, davon ist nur nicht Lutz Musner überzeugt. Auch der Kulturanthropologe Andre Gingrich, kürzlich erst mit dem Wittgenstein-Preis ausgezeichnet, sieht das ähnlich - und verweist auf die zunehmende Internationalität auch in der Forschungsförderung: Dort, wo in den Geistes- und Kulturwissenschaften Spitzenleistungen erbracht werden, käme das Geld aus internationalen Töpfen. "Die Quote der österreichischen Forscher dagegen, die sich um ausländische Förderung - etwa direkt von der EU bzw. der European Science Foundation - bemühen, ist erstens sehr gering. Und zweitens ist auch diese geringere Anzahl von Forschern relativ erfolglos - und zwar in einem eher peinlichen Ausmaß."

Wie in der EU die Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften in Zukunft aussehen wird, ist momentan allerdings noch Gegenstand von Diskussionen. Im geltenden fünften Rahmenprogramm war die Förderung der Geistes- und Kulturwissenschaften weitgehend auf den Bereich der Touristik-Forschung beschränkt. Wie es im sechsten Rahmenprogramm bzw. im europäischen Forschungsraum mit der Mittelvergabe für die Soft Sciences weitergehen wird, ist unklar, wie Peter Fisch von der Generaldirektion Forschung in Brüssel weiß. Im eben vorgelegten ersten Entwurf sei zwar etwas mehr Geld für die Geisteswissenschaften vorgesehen, sie blieben aber "weiter unterbelichtet". Aber noch sind ja eineinhalb Jahre Zeit für Verhandlungen.

Auch in Österreich herrscht zur Zeit ein wenig Unklarheit, wie künftige Förderung der geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschung aussehen wird. Grund dafür ist der neu eingerichtete Rat für Forschung und Technologieentwicklung (FTE), der in Österreich langfristige forschungspolitische Empfehlungen abgeben soll. Und in diesem Rat sind Geistes- oder Sozialwissenschaftler nicht vertreten. Ob sich das in Zukunft negativ auf die Mittelvergabe für diese Forschungsbereiche auswirken wird, ist zur Zeit nicht abzusehen.

Für Michael Binder, Generalsekretär des FTE-Rats, ist die Zusammensetzung des Rats kein Problem. "Die Mitglieder wissen, dass sie diesbezüglich keine Experten sind." Für diesen Bereich werde dann auf "externe Kompetenz" vertraut. Dass die Geisteswissenschaften dabei möglicherweise unter die Räder kommen könnten, nein, diese Gefahr sieht Binder nicht. Aber da sind wir unversehens schon wieder bei den Geisteswissenschaften im Plural. Als Kampfbegriff?

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