Pfeifchen im Kegelkeller

Das Institut für Philosophie der Universität Wien ist eines der größten der Welt. Die Zahl der Studierenden nimmt weiter zu, und die Professorenschaft ist so alt, dass der Nachwuchs schon wieder hoffen darf. Vielleicht steht nach jahrelangem Streit sogar ein Kompromiss über die neue Studienordnung bevor.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/01 vom 21.03.2001

Wien hat im 20. Jahrhundert einige große Philosophen hervorgebracht. Gewirkt haben Ludwig Wittgenstein, Karl Popper oder Paul Feyerabend allerdings im Ausland. Die Wiener Universität war fest in den Händen gewiefter Fachpolitiker und ihres Klüngels. In gewissem Maß hatte das Mittelmaß auch sein Gutes. Hätten Leo Gabriel und der vor wenigen Monaten verstorbene Erich Heintel fachlich Bleibendes geleistet (wie etwa Martin Heidegger in Freiburg), müsste sich das Institut für Philosophie wohl mit seiner austrofaschistisch und nationalsozialistisch belasteten Vergangenheit herumschlagen.

So hat es andere Sorgen am Hals - wie zum Beispiel sein Image. Der Philosoph und Publizist Joachim Jung diagnostizierte in seiner auch in Deutschland beachteten Streitschrift "Das Ende der Vernunft" (1996) am Institut nur Ränkespiele und brave Philosophiegeschichte statt gesellschaftlicher Relevanz. Jungs Forderung, das Fach zu privatisieren, lässt Helmuth Vetter, ganz gelassener Philosoph, als Denkanstoß einfach einmal gelten.

Dem düsteren Bild, das Jung gezeichnet hat, widerspricht der Vorstand des Instituts für Philosophie allerdings vehement. Als er in den Sechzigerjahren studiert habe, seien Intrigen an der Tagesordnung gewesen. Heute herrsche ein gutes Klima unter den Kollegen und mit den Studierenden, findet Vetter. Und was am Institut über Medizinethik oder neue Medien veröffentlicht werde, sei auf der Höhe der Zeit und an der Spitze des Fachs.

Dass es in den letzten Jahren keinen größeren Krach gegeben hat, könnte freilich auch daran liegen, dass Kollegen, die sich nicht mögen, einander in dem großen Institut leicht aus dem Weg gehen können. Die Telefonliste weist acht ordentliche, fünfzehn außerordentliche und sieben Assistenz-Professoren aus. Steht die Philosophie andernorts oft im Zeichen einer Denkschule, lockt die angebotene Vielfalt auch ausländische Studenten an die Uni Wien.

Ein Freitagnachmittag am Institut. Den langen Fluren, an denen die dreißig Professoren, Assistenten und einige Emeriti ihre Zimmer haben, sind die knapp 3500 immatrikulierten Philosophiestudenten jedenfalls nicht anzumerken. Der Lesesaal ist leer. Die Bibliothekarin wartet auf das Ende der Öffnungszeit. Zwei Stunden noch. In einem Seminarraum daneben tagt eine studentische Arbeitsgruppe. Zwei Zimmer weiter spricht ein US-amerikanischer Ethiker. Die einzigen Zuhörer sind drei Dozenten. Vielleicht schauen sie sich ab, wie man deutlich und logisch vorträgt und mit dem Publikum Blickkontakt hält. Zu einem Gastvortrag von Avishai Margalit, einem international führenden Ethiker, sollen vor einiger Zeit noch weniger Zuhörer erschienen sein.

Ganz anders das Bild am folgenden Tag beim so genannten Philosophischen Cafe in der Wiener Innenstadt. Fast vierzig Leute verbringen den Samstagnachmittag im Kegelkeller des Cafe Korb, wo die Büchertapeten ganz wunderbar passen. Fast eine Stunde lang folgt Wortmeldung auf Wortmeldung, und keiner lacht, obwohl es gewissermaßen zum Schreien ist. Drei Professoren am Ende des langen Tischs tapezieren ihre Sätze mit Namen und Zitaten von Platon bis Foucault. Frauen nach den Wechseljahren sprechen von Gott, Männer von den letzten Dingen. Einer hat etwas vor zehn Jahren anphilosophiert, ein anderer philosophiert etwas weg - sitzen wir nicht beisammen, um zu beweisen, dass alle Menschen Philosophen sind? Ein Mann mit Walrossbart schmaucht ein Pfeifchen. Wie aus dem Nichts Heiterkeit.

Zu Beginn des Treffens haben die Professoren drei Themen vorgeschlagen. Die Leute entschieden sich für "Was ist Philosophie?". Die Frage führt zurück ans Institut und den Streit um die neue Studienordnung, die ab Wintersemester 2002 gelten soll und bis zum Sommer verabschiedet sein muss. Während die Professoren einen festen Kanon philosophischen Wissens anstreben, stemmt sich eine vorwiegend von Studierenden und Mittelbauvertretern formierte Gruppe gegen die Einschränkung der Wahlfreiheit. Auch eine Zwischenprüfung, für die eine verbindliche Leseliste gelten soll, scheidet die Geister.

Zuletzt schienen sich die Positionen anzunähern. Helmuth Vetter sagt, er erwarte einen Kompromiss in allernächster Zeit. Meint er die Einigkeit der Professoren, welche Philosophen ein Philosoph kennen soll? Der Institutsvorstand mache auf schön Wetter, glaubt Alexander Reiter. Der Studienrichtungsvertreter findet die Annäherungen der letzten Monate im jüngsten Entwurf der Professoren nicht wieder.

Zu den unbekannten Größen zählt neben den Auslandsaufenthalten Studierender auch die Rangordnung des Instituts. Ist es das größte in Europa? Oder hinter Berlin und München doch nur die Nummer drei im deutschsprachigen Raum? Vetter weiß es nicht. Die Überalterung ist ein Problem, da kann er auch Zahlen nennen: Eher über sechzig Jahre schätzt er die ordentlichen, auf sechzig zugehend das Durchschnittsalter der außerordentlichen Professoren. Endlich rosige Aussichten für den Nachwuchs, wenn die Ordinarien denn nachbesetzt würden.

Vor einiger Zeit sind die Veröffentlichungen, Konferenzbesuche und Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen abgefragt worden. Eine Gesamtbewertung der Wiener Philosophie sei daraus nicht resultiert, erinnert sich Institutsvorstand Vetter. Werner Gabriel, der vor fünf Jahren das Philosophische Cafe in der Überzeugung gegründet hat, es ginge rasch wieder ein, hält es für erwiesen, dass vorzeigbare Forschung geleistet werde.

Ans Eingemachte geht es im Herbst, wenn drei Wissenschaftler von außen für etwa eine Woche ans Institut kommen. Anhand ihrer Evaluation will die Universität künftig Geld, Personal und Räume zuteilen. Unabhängig davon soll im kommenden Jahr eine seit mehr als vier Jahren offene Professur besetzt werden. Dafür gab es rund zweihundert Bewerber.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige