Pfeifchen im Kegelkeller/science@fiction

Daniel Kehlmann | aus HEUREKA /01 vom 21.03.2001

Während meines Philosophiestudiums kam plötzlich das Gerücht von der philosophischen Praxis auf. Zwar schien keiner einen solchen Ort je gesehen zu haben, doch jeder wusste von jemandem oder hatte von einem gehört, der jemanden kannte, der auf diese Art zu Wohlstand und dankbaren Patienten gekommen war.

Und das Beste wäre, dass man dafür nur ein Zimmer, einen Schreibtisch, einen bequemen Sessel, ein Türschild und allenfalls noch eine gut sortierte Bibliothek bräuchte. Dann würde man sich zurücklehnen und auf Patienten warten, die man nun statt mit Freud, Fromm oder Frankl etwa mit Platon behandeln könne, mit Hinweisen auf das höchste Gut und das Schöne als Abglanz des Wahren, mit Sokrates' Formel, wonach ein nicht untersuchtes Leben nicht wert sei, gelebt zu werden.

Das könnte auch durchaus funktionieren; besser jedenfalls als vieles, was in der gängigen Psychotherapie angeboten wird. Doch trotzdem hat die Idee ihre Schwierigkeiten. Wir betrachten es heute als sicher und ausgemacht, dass alles Wissen therapeutische Wirkungen haben muss, sodass wir das Paradoxe darin leicht übersehen. Einen Menschen, der sein Leben als sinnlos empfindet und sich zum Suizid hingezogen fühlt, müsste man als Therapeut mit ganzer Überzeugungskraft davon abbringen - als Philosoph könnte es aber durchaus richtig sein, ihm mit Kierkegaard zu erklären, dass sein Leben sinnlos, und mit Cioran, dass der Selbstmordgedanke ein so übler Einfall nicht ist. Nun könnte man erwidern, das macht ja nichts. Gewisse Ansätze kommen eben für die philosophische Praxis nicht in Betracht!

Doch genau das lässt die gesamte Idee zu etwas Hybridem und wenig Überzeugendem werden. Wer möchte einem Philosophen vertrauen, der nach dem Beruhigenden und nicht nach dem Wahren sucht? Die Philosophie ist eine gefährliche und beunruhigende Angelegenheit, und etwas anderes sollte sie auch nicht sein. Und alles, was uns daran erinnert - und sei es auch nur die traurige Tatsache, dass es für sie keine Berufsfelder gibt - wäre im Grunde zu begrüßen.

Daniel Kehlmann hat in Wien Philosophie studiert und arbeitet nun als Suhrkamp-Autor.

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