Babys von der Stange?

Das Wunschkind nach Maß ist für viele der Traum - oder Albtraum der "schönen neuen Genetik-Welt". Werden Kinder in Zukunft mit Details und Extras nach Belieben "bestellt"? Die Debatte um die neuen Möglichkeiten in der Fortpflanzungsmedizin wirft die sehr viel grundsätzlichere Frage auf: Ist nicht mehr alles, was lebensfähig ist, auch lebenswert?

Birgit Dalheimer | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

Wählen können. Ein gesundes Kind zu bekommen - welcher Wunsch könnte natürlicher sein? Oder bricht sich hier bereits ein "unnatürliches" Bemühen um eine künstliche Selektion Bahn? Diese Fragen stellen sich immer dringlicher, da die Anstrengungen der Reproduktionsmediziner den Traum vom gesunden Wunschkind immer realistischer erscheinen lassen. Über eintausend Erbkrankheiten gibt es inzwischen, die mit vorgeburtlichen Tests nachgewiesen werden können. Mit der Erforschung des menschlichen Genoms wird diese Zahl in Zukunft rasant wachsen.

Die gängigen Untersuchungsmethoden am Ungeborenen im Mutterleib lassen sich in manchen Fällen durch Tests an künstlich befruchteten Embryonen noch im Labor ersetzen. Bei dieser so genannten Präimplantationsdiagnostik (PID, siehe Glossar Seite 10) würde ein solcher Embryo seiner genetischen Ausstattung wegen ausgesucht, während alle anderen über kurz oder lang vernichtet würden.

Die PID kommt freilich nur für eine kleine Gruppe von Paaren überhaupt in Frage. "Relevant ist diese Methode sicher nicht für die Standardschwangerschaft, sondern nur für Paare mit einem enorm erhöhten Risiko, erbkranke Kinder zu bekommen", befindet etwa der Genetiker Markus Hengstschläger, der im Wiener AKH vorgeburtliche genetische Untersuchungen durchführt: "Wir kennen Fälle, wo Mütter fünf, sechs Mal schwanger geworden sind, durch genetische Tests dann festgestellt haben, dass ihre Kinder krank sind und abgetrieben haben. Das entspricht einfach nicht mehr dem Stand der technischen Möglichkeiten."

Das Problem des Wissens. Was den Unterschied zwischen vorgeburtlicher Untersuchung im Mutterleib und PID für die Eltern ausmacht, wird am Beispiel von Marion deutlich: Vor drei Jahren wurde sie schwanger. Trotz Kinderwunsches war das aber noch kein Anlass zur Freude. Viele männliche Mitglieder ihrer Familie sind Bluter. Ihr Bruder ist vor neun Jahren an Aids gestorben, die HIV-Infektion kam von den Medikamenten, die seine Krankheit lindern sollten. Einer ihrer Cousins ist nach einem Fahrradunfall seinen inneren Blutungen erlegen. Als Frau ist Marion zwar gesund, aber, wie sie aus Tests weiß, Überträgerin der Krankheit. Sie wollte sichergehen, dass ihr Kind nicht betroffen sein würde.

Mit dem positiven Schwangerschaftstest in der Hand fuhr Marion ins Spital, um eine Chorionzottenbiopsie durchführen zu lassen - ein schmerzhafter Eingriff, bei dem Zellen des Embryos zur Untersuchung entnommen werden. Einen Tag später wusste sie, dass ihr Kind männlich war. Weitere zwei Wochen hat Marion auf das Ergebnis der genetischen Untersuchung gewartet. Dann war klar, dass ihr Kind Bluter sein würde - und dass sie es daher nicht bekommen wollte. Zwei Mal musste die Gebärmutter ausgeschabt werden. Die zweite dieser so genannten Kürettagen fand drei Monate, nachdem Marion von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, statt - danach brach sie zusammen, es war ihr einfach alles zu viel.

Seither hat sie versucht, sich auf dem Laufenden zu halten. Die Idee einer Auswahl gesunder oder zumindest weiblicher Embryonen - die ja nicht krank werden können - schon bevor eine Schwangerschaft beginnt, erscheint ihr sehr verlockend. Die vielen Untersuchungen, die sie über sich ergehen lassen hatte, waren körperlich und psychisch extrem anstrengend und haben ihre Beziehung schwer belastet. "Wenn es solche Möglichkeiten gibt, ganz früh sicherzustellen, dass das Kind nicht Bluter ist, warum soll ich das dann nicht nutzen?", fragt sie in Hinblick auf die PID.

Gesetz und Menschenwürde. Heute verbietet das Gesetz in Österreich oder Deutschland, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern Europas, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Die PID konfligiert mit Vorstellungen von Embryonenschutz und Menschenwürde, würden doch Embryonen gezielt hergestellt und ausgewählt - oder eben vernichtet. Klar ist für den evangelischen Theologen und Bioethiker Ulrich Körtner von der Universität Wien allerdings, dass ein einfaches Verbot das Dilemma nicht lösen wird. Ein Gesetz wird stumpf, wenn es massenweise umgangen wird, meint er, "und man wird wohl nicht Paaren den Pass abnehmen, die in Nachbarländer reisen, in denen die PID erlaubt ist, um die Untersuchungen dort machen zu lassen".

Tatsächlich sind es derzeit hauptsächlich finanzielle Überlegungen, die Menschen wie Marion davon abhalten, für die Erfüllung ihres speziellen Kinderwunsches in ein Zentrum nach Belgien oder Italien zu fahren. Markus Hengstschläger plädiert in Österreich für einen Kompromissvorschlag, was die Diskussion um eine etwaige Lockerung des Verbots betrifft: Ausnahmegenehmigungen für manche Familien könnten von einer Kommission aus Fachleuten erteilt werden - Ethikern, Genetikern und Gynäkologen. Diese sollten im Einzelfall darüber entscheiden, ob PID und anschließende Auswahl von Embryonen stattfinden darf.

Zwei Kriterien sollten dabei maßgeblich sein: erstens, wie hoch das Risiko des Paares ist, tatsächlich ein krankes Kind zu bekommen. Und zweitens natürlich die Krankheit selbst. Sie soll als mit dem Leben unvereinbar gelten. Nur will sich niemand darauf festlegen, wie dies genau zu definieren sei. Klare und eindeutige Grenzen gibt es nicht. So eine Kommission müsste jede Entscheidung einzeln treffen und dabei die sich ständig weiterentwickelnden medizinischen Möglichkeiten im Auge behalten. Zusätzlich wären aber wahrscheinlich auch sich wandelnde gesellschaftliche Vorstellungen in Betracht zu ziehen.

Gesundheit und mehr. Bei der Hoffnung auf gesunden Nachwuchs - wie auch immer Gesundheit nun definiert sein mag - hören die Ansprüche an etwaige Wunschkinder schließlich schon heute keineswegs auf. Das zeigen Beispiele aus den USA, wo es Eizell- und Samenbanken gibt, bei denen Aussehen, Intelligenzquotient und gesellschaftlicher Status der Spender ebenso als Charakteristika angegeben werden wie deren Gesundheit. Dass der Handel mit diesen Keimzellen, die "gesunde, schöne und intelligente" Kinder hervorbringen sollen, ein blühendes und höchst ertragreiches Geschäft ist, sei nebenbei erwähnt.

Noch gibt es zwar kaum wissenschaftliche Anhaltspunkte, die dafür sprechen, dass die Auswahl solcher Kriterien tatsächlich die Chancen des Nachwuchses auf ein "besseres" Leben erhöhen würde. Die Forschung entwickelt sich aber rasend schnell. Auch wenn kaum ein seriöser Wissenschaftler die wichtige Rolle von Umweltfaktoren, Erziehung und anderen äußeren Einflüssen für Verhaltens- und Charaktereigenschaften bestreitet - denkbar ist es doch, dass mit wachsendem Wissen auch das Verlangen wächst, auf die genetischen Veranlagungen dafür ebenso einzuwirken wie fürsorgliche Eltern später die Schulen ihrer Sprösslinge sorgfältig auswählen.

Für Ulrich Körtner ist damit die grundsätzliche Frage nach dem Menschenbild, das uns vorschwebt, gestellt: "Wenn wir auf diese Weise gewissermaßen die Eintrittsbedingungen in diese Welt festlegen, dann sollten wir uns ganz elementar fragen, wie wir eigentlich mit uns selbst und unseresgleichen umgehen. Schon jetzt sind wir immer technischer, immer zweckrationaler orientiert. Der Druck des Zweckoptimierens lastet ohnehin durch das Wirtschaftssystem schon auf uns, jetzt soll das Ganze auf diese Weise noch verstärkt werden."

Dabei, so wird andererseits immer wieder betont, geht es bei all diesen Unternehmungen doch gerade um das Wohl Einzelner. Der aus Österreich gebürtige und in Berlin forschende Genetiker Hans Lehrach hat etwa kürzlich bei einem Vortrag in Wien betont, es sei schon viel zu lange bei vielen dieser Diskussionen das Wohl des Einzelnen dem Wohl der Gesellschaft hintangestellt worden. Aber gerade das Individuum stehe doch im Mittelpunkt des medizinischen Interesses.

Wessen Wohl? Ulrich Körtner hingegen warnt vor der Falle, in die wir über diese Betonung des Individualwohls tappen könnten: Wird nämlich das Wohl des Einzelnen auch dann noch über dem der Gesellschaft stehen, wenn Einzelne sich für die Geburt behinderter, von der - finanziellen - Fürsorge der Gesellschaft abhängiger Kinder entscheiden? Oder werden solche Schicksale künftig als "vermeidbar" gelten, und ihre Konsequenzen daher von jenen, die sich gegen die Vermeidung entschieden haben, zu tragen sein? Welche individuellen "Normabweichungen" würden in Zukunft noch gesellschaftlich akzeptiert? Eine neue Form "privater" Eugenik steht im Raum. Bei der generellen Tendenz zur Entsolidarisierung sollte man mit dem Argument des über allem stehenden Individualwohls sehr vorsichtig umgehen.

Und schließlich gibt es da noch eine weitere Variante des Themas Designer-Babys - wo es nämlich nicht oder zumindest nicht nur um das vermeintliche Wohl des Kindes selbst geht, sondern auch um das gesundheitliche Wohl anderer. Bekannt geworden ist im Frühherbst 2000 ein erstes konkretes Beispiel - wie könnte es anders sein - aus den USA: Ein zwei Monate alter Säugling diente als Blutzellenspender für seine kranke, sechsjährige Schwester. Damit die Zellübertragung erfolgreich sein konnte, haben Fortpflanzungsmediziner aus mehreren künstlich befruchteten Embryonen im Labor anhand genetischer Tests denjenigen ausgesucht, dessen Blutbild am besten zu dem der Schwester passen würde. Dieser Embryo ist dann der Mutter eingesetzt worden und hat sich zu einer normalen Schwangerschaft entwickelt. Die Mutter ist heute überglücklich - ihre Tochter wäre ohne die Zellspende wahrscheinlich bald gestorben, so aber hat sie zwei gesunde Kinder.

Baby, zweckentfremdet. Unbedenklich ist dieses Verfahren aus der Sicht von Ethikern allerdings keineswegs. An sich schon für problematisch erachten sie es, wenn bei der Kindeszeugung nicht der Kinderwunsch, sondern das Wunschkind im Vordergrund steht. Wenn dieses Wunschkind dann aber auch zur "Rettung" eines schon lebenden Geschwisters das Licht der Welt erblickt, müsste man sich auch über den medizinisch-rechtlichen Bereich hinaus Gedanken machen. Vom Zeitpunkt der reproduktionsmedizinisch initiierten und kontrollierten Zeugung an beladen mit Aufgaben, die weit über den Selbstzweck des Kindes hinausgehen, müssten auch die gesamten psychischen, familiären und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das in die erwartungsvolle Familie neu hineinwachsende Leben mitdiskutiert werden. Das mag zwar in vielen Fällen von nicht genetisch selektionierten Wunschkindern auch gelten. Die Ansprüche und Erwartungshaltungen gegenüber dem Nachwuchs erhalten aber durch die scheinbar selbstverständliche Konzentration auf technisch-medizinische Möglichkeiten eine neue Brisanz und vermeintliche Berechtigung.

Die Wissenschaft behauptet zwar nicht, "ganze Menschen" vorherbestimmen zu können - aber sie definiert gesundheitliche Risiken und erbliche Veranlagungen. Das Wissen um diese Risiken soll oder kann helfen, sein Leben besser einzurichten. Die Verantwortung für das eigene Biokapital und in Folge auch für das der Kinder wächst.

Eine Vorstellung mit weitreichenden Folgen - wie der Schriftsteller Adolf Muschger kürzlich in einem Vortrag im Wissenschaftsforum Berlin auf den Punkt brachte: "Wird man Leben, von dem bestimmte Risiken zu erwarten sind, gar nicht erst aufkommen lassen? Die Repression wird Methode haben, und sie spricht im Ton vernünftigen Kalküls. Befürchtetes Leben im Keim zu verhindern, wird dank der Gentechnologie normaler werden, auch schmerzloser, zumal sie die Aussicht eröffnet, sich ein ebenfalls schon im Keim problemloses Leben zu besorgen, ein besseres und schöneres. Ich fürchte mich vor einer Gesellschaft, für die gilt: âeverything under control'."

Birgit Dalheimer ist studierte Genetikerin und arbeitet für die Wissenschaftsredaktion von ORF/Ö1. E-Mail: birgit.dalheimer@orf.at

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