Die Lesbenzeugung

Eine homosexuelle Wienerin träumt davon, von ihrer Freundin ein Kind zu bekommen. Ihr Wunsch könnte schon in wenigen Jahren in Erfüllung gehen. Doch was sich Reproduktionsmediziner bereits vorstellen können, ist für die Gesetzgeber - zumindest in Österreich vollkommen undenkbar.

Nina Horaczek | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

Dagmar Rehak wünscht sich ein Kind. An sich kein ungewöhnlicher Wunsch. Doch die 32-jährige Mutter zweier Kinder möchte ihr drittes Kind diesmal nicht von einem Mann, sondern von ihrer Lebensgefährtin. Was heute noch wie Science-Fiction klingt, könnte in den nächsten Jahren Realität werden: die gleichgeschlechtliche Fortpflanzung. Dagmar Rehak möchte die Erste sein, die ohne männliche Mithilfe schwanger wird.

"Die Diskussion um das Klonen hat mich auf die Idee gebracht, dass es doch möglich sein müsste, von einer Frau Kinder zu kriegen", erzählt Rehak. Denn beim Klonen wird zuerst der Eizellkern entfernt und danach eine Stammzelle der zu klonenden Person in die entkernte Eizelle eingepflanzt. Daraus entsteht die exakte genetische Kopie eines Menschen.

Doch was passiert, dachte sich Dagmar Rehak, wenn man den Eizellkern nicht entfernt und einen Eizellkern ihrer Freundin einsetzt? In Anlehnung an die "intrazytoplasmatische Spermiuminjektion" (ICSI), die dann zum Einsatz kommt, wenn der Kinderwunsch aufgrund von schlechter Spermienqualität unerfüllt bleibt, hat sie sich eine eigene Methode überlegt. Bei der ICSI-Behandlung wird die Eizelle unter dem Mikroskop mit einer Glaskanüle fixiert und ein einziges Spermium direkt in die Eizelle eingespritzt. Dasselbe möchte auch Rehak. Nur soll statt des Spermiums ein weiterer Eizellkern eingepflanzt werden. "Dadurch würde ich ein Mädchen bekommen, das sowohl mit mir als auch mit meiner Freundin genetisch verwandt ist."

Die Hobby-Medizinerin ist stundenlang auf medizinischen Sites herumgesurft, hat versucht, über Mailinglisten Mitkämpferinnen für ihr Vorhaben zu finden und hat E-Mail-Anfragen an Reproduktionsmediziner verschickt - in der Hoffnung, dass die ihr weiterhelfen können. "Lesbenzeugung" soll der geschilderte Zeugungsvorgang heißen. Sogar mit der Kostenfrage hat sich die lesbische Mutter schon beschäftigt: "Die Mediziner haben Preistabellen im Internet. Da kann man sich alles zusammensuchen wie auf einer Speisekarte", erzählt Rehak. An die 40.000 Schilling würde die Zeugung des gemeinsamen Mädchens inklusive einer Reihe von Eientnahmen kosten.

Von der Befruchtung bis zur Unterhaltspflicht hat sie bereits alles abgeklärt. Es kann also losgehen - zumindest theoretisch. Denn die Wissenschaft ist noch nicht ganz so weit wie die zweifache Mutter, auch wenn der medizinische Fortschritt gerade im Reproduktionsbereich rasant ist: Erst vor kurzem ging die Nachricht rund um die Welt, dass in den USA die ersten Babys mit künstlich veränderten Genen - von zwei Müttern! - auf die Welt gekommen sind.

Bei der gleichgeschlechtlichen Fortpflanzung steckt man indes noch in den Kinderschuhen. Für Johannes Huber, Vorstand der Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung am Allgemeinen Krankenhaus Wien, ist es aber durchaus möglich, dass in zehn Jahren Frauen ihre Kinder auch von Frauen bekommen können.

Wilfried Feichtinger, ein anderer führender österreichischer Reproduktionsmediziner, kann sich ein Kind mit den Erbmerkmalen beider Frauen sehr gut vorstellen - allerdings nicht ganz so einfach, wie es Dagmar Rehak möchte. Denn ohne Mann, meint Feichtinger, funktioniere es noch nicht. Damit sich die Eizelle entwickle, müsse das Ei erst einmal befruchtet werden. Denn wenn lediglich ein zweiter Eizellkern eingesetzt wird, fehlt das Kommando, sich zu teilen. Erst danach könne das männliche Erbmaterial herausgenommen und das von einer weiteren Frau eingepflanzt werden.

"Bei Mäusen ist so etwas schon gemacht worden", meint der Fortpflanzungsmediziner. Theoretisch wäre eine Fortpflanzung, bei der - wie es sich Dagmar Rehak vorstellt - die Eizelle nicht durch ein Spermium, sondern elektrisch oder mithilfe von chemischen Substanzen zur Teilung angeregt wird, auch möglich. "Aber das kann man nicht machen", meint Feichtinger, "da wissen wir überhaupt nicht, was herauskommt."

Während klonwütige Mediziner wie der Italiener Severino Antinori bereits ankündigte, in nächster Zeit den ersten Menschenklon erschaffen zu wollen, üben sich Ärzte bei der gleichgeschlechtlichen Fortpflanzung in Zurückhaltung. Für Dagmar Rehak hat das mäßige Interesse der Wissenschaft einen einzigen, dafür umso gewichtigeren Grund: "Die Männer haben Angst, dass wir sie ausrotten."

Da gerade die Reproduktionsmedizin ein besonders stark männlich dominierter Bereich der Wissenschaft ist, würden die Ärzte sich hüten, den Frauen einen Weg zur gleichgeschlechtlichen Fortpflanzung zu eröffnen. "Da gäbe es ja gar nichts mehr, wofür wir Frauen sie unbedingt bräuchten", findet die 32-Jährige. Dabei wäre zumindest für Rehak die Welt um einiges schöner, wenn die Babys nur mehr von Frauen kommen würden: "Mütter sind einfach auch bessere Väter", ist ihre Meinung. "Eine Frau würde ihr Kind nie so im Stich lassen, wie es die Männer tun", weiß sie aus eigener Erfahrung. Außerdem, ist Rehak überzeugt, gäbe es keine Kriege mehr, wenn Frauen nur mehr Mädchen auf die Welt bringen würden.

Doch so einfach wird es nicht werden, die Männer aus der Welt zu schaffen. Denn auch der männliche Teil der Gesellschaft soll in Zukunft Kinder austragen können - zumindest wenn es nach dem britischen Fortpflanzungsmediziner Lord Robert Winston geht: Er behauptet, einen Weg für Männer-Schwangerschaft gefunden zu haben. Der Fötus soll nach der im Reagenzglas erfolgten Befruchtung in die Bauchhöhle eines Mannes verpflanzt werden. Die Plazenta würde an ein beliebiges Organ "angekoppelt" und von diesem über den Blutkreislauf ernährt. Nach neun Monaten würde das Baby per Kaiserschnitt entbunden werden.

Die Methode hat jedoch auch Nachteile: Dem Mann müssten während der Schwangerschaft reichlich weibliche Hormone verabreicht werden, damit der Fötus nicht abgestoßen wird. Dies hätte das Anwachsen der männlichen Brust zur Folge. Nach der Geburt könnten die Brüste aber mit einer gegenteiligen Hormontherapie wieder zurückgebildet werden.

Sollten erst einmal die medizinischen Vorbehalte gegenüber der gleichgeschlechtlichen Fortpflanzung ausgeräumt sein, bleiben immer noch rechtliche Probleme: Rehak ist zwar überzeugt, dass der Gesetzgeber nichts tun könne, wenn sie einen Arzt für ihre "Lesbenzeugung" findet. Denn schließlich stehe nirgends geschrieben, dass homosexuelle Fortpflanzung ein Verbrechen sei. Doch im Justizministerium ist man überzeugt, dass Frauen keine Kinder von Frauen bekommen dürfen - auch wenn man von einer solchen Möglichkeit bisher noch nicht einmal gehört hat.

"Im Fortpflanzungsmedizingesetz steht zwar nicht dezidiert, dass gleichgeschlechtliche Fortpflanzung verboten ist", meint Sektionschef Gerhard Hopf, "aber das liegt wohl eher daran, dass 1992 noch niemand an eine solche Möglichkeit gedacht hat." Dafür sei eine Eispende - und die wäre nötig - in Österreich bis heute nicht erlaubt. Abgesehen davon dürfe Reproduktionsmedizin ohnehin nur bei verheirateten Paaren oder bei eingetragenen Lebensgemeinschaften angewandt werden. Und da Schwule und Lesben nicht heiraten dürfen, erledige sich der Fall von selbst.

Dafür soll sich in Zukunft einiges an der Rechtslage in Österreich ändern: "Momentan müssen Ärzte entnommene Eizellen nach einem Jahr Aufbewahrung vernichten. Das soll in nächster Zeit geändert werden." Zumindest diese Gesetzesänderung würde auch Dagmar Rehak helfen: Sie möchte sich nämlich nun einen Nitro-Tank aus Deutschland bestellen, um darin ihre Eizellen aufzubewahren, weit unter dem Gefrierpunkt gekühlt. "Dann könnte ich schon jetzt zu sammeln anfangen", meint Rehak, "damit ich, wenn es endlich so weit ist, genügend Eizellen parat habe. Für meine Lesbenzeugung."

Nina Horaczek arbeitet in der Stadtleben-Redaktion des "Falter". E-Mail: horaczek@falter.at

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