Gesetze, Gen-Chips und Gebote

Der biomedizinische Fortschritt scheint unaufhaltsam - doch wie sollen wir mit seinen mitunter zweifelhaften Segnungen umgehen? Eine Expertendiskussion über den Beginn menschlichen Lebens, die gesetzlichen Regelungen der Stammzellenforschung, demnächst verfügbare DNA-Chips und darüber, welche der zehn Gebote durch die medizinischen Errungenschaften in Frage gestellt werden.

Moderation: Oliver Hochadel und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

heureka: In Großbritannien hat man kürzlich das so genannte "therapeutische Klonen" (siehe Glossar S. 10) zu Forschungszwecken erlaubt. Auch in Deutschland gibt es eine neue Debatte und eine eigene Kommission zu diesem Thema. Besteht nun auch in Österreich Handlungsbedarf?

Johannes Huber: Ich denke, dass man einen wichtigen Grund für die neue britische Regelung nicht vergessen sollte: Dort hat man schlicht zu viele tiefgefrorene Embryonen. Während man sie in Österreich nach einem Jahr zerstört, werden sie dort unbegrenzt aufbewahrt. Und die Briten sagen: "Bevor wir sie töten, forschen wir lieber!" Das ist nicht meine Haltung - zugleich halte ich die momentane deutsche Position für sehr pharisäisch: Dort will man sich selbst zwar nicht die Hände schmutzig machen, erlaubt aber den Import von britischen Embryonen. Also entweder man verzichtet auf diese Forschung, oder man schafft auch die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen!

Ina Wagner: Wir haben in unserer europäischen Ethik-Gruppe eine lange Diskussion über das therapeutische Klonen gehabt, das als Begriff ja etwas missverständlich ist. Dabei sind wir zu folgendem Schluss gekommen: Wenn es überzählige Embryonen gibt und Forschung zur Verbesserung der Infertilitätsbehandlung erlaubt ist, gibt es keinen Grund, warum Stammzellenforschung verboten werden sollte. Es gibt Schätzungen, dass es in Europa möglicherweise mehrere hunderttausend "überzählige" Embryonen gibt, die sicher nicht alle eingepflanzt werden. Warum soll man sie dann nicht für Stammzellenforschung - dort, wo sie Sinn macht - verwenden?

Machen Therapien mit embryonalen Stammzellen denn tatsächlich schon Sinn?

Huber: Zur Zeit experimentiert man noch - und zugegeben nicht immer ganz erfolgreich. Beim ersten großen Versuch hat man Parkinson-Patientinnen dopaminproduzierende Zellen von Embryonen verabreicht. Das hat dazu geführt, dass bei den Patientinnen einiges im Kopf zu wuchern begann und sie äußert schlimme Kopfschmerzen bekamen. Im Moment fehlt da wirklich noch ein gewisses Basis-Knowhow. Tatsächlich könnte man kritisch anmerken, dass in Großbritannien etwas freigegeben wurde, ohne dass man ausreichende Grundlagenforschung bei Tieren betrieben hätte.

Einer der zentralen ethischen und rechtlichen Streitpunkte in der Diskussion um das therapeutische Klonen und die embryonalen Stammzellen ist die Frage, ab wann ein Zellgebinde ein Embryo bzw. als Person zu bezeichnen ist.

Huber: Ein entscheidender Punkt bei der Entstehung des Lebens ist zweifellos der, an dem Informationssysteme zwischen den Zellen entstehen. Das passiert erst etwa in der achten oder neunten Woche. Ab diesem Zeitpunkt registriert der Embryo Schmerz bzw. Reize von außen. Ich bin ja eher konservativ. Doch halte ich die dogmatische Einstellung der römisch-katholischen Kirche in dieser Frage nicht für richtig, das Entstehen des Lebens mit der Empfängnis anzusetzen.

Herlinde Pauer-Studer: In Großbritannien hat man bei der Zulässigkeit der Embryonenforschung den Zeitpunkt viel früher angesetzt: Da ist von Schmerzempfindung noch gar nicht die Rede gewesen. Dort hat man sich auf den 14. Tag nach der Empfängnis festgelegt; in der französischen Diskussion ist der 7. Tag zum Stichdatum erklärt worden. Der entscheidende Punkt besteht für mich aber darin, ob man diese Entscheidung nachvollziebar begründet - wie das in Großbritannien geschehen ist. Dort wurde argumentiert, dass mit dem 14. Tag eine Zäsur gegeben ist, da erstmals von einer Identität die Rede sein kann. Denn nach diesem Zeitpunkt ist es nicht mehr möglich, dass aus dem Zellgebinde ein Zwillingspaar entsteht.

Wagner: Meine Erfahrung nach diesen drei Jahren europäischer Ethik-Gruppe ist, dass die Frage "Wann beginnt das Leben?" einfach eine unentscheidbare ist. Ich glaube nicht, dass man da je einen nationalen Konsens und schon gar nicht einen europäischen Konsens erreichen wird - auch deshalb, weil die Religionen in dieser Frage so unterschiedliche Meinungen haben. Da gibt es ja nicht nur die Vorstellung, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt, sondern auch jene, dass die Seele erst nach einer gewissen Zeit eingehaucht wird...

Huber: ... was ja schon Augustinus gesagt hat. Das ist eine gute alte katholische Lehre - nur die neuen Konservativen in der katholischen Kirche haben das anscheinend verdrängt. Mich wundert es ja, dass einige dieser ganz konservativen Argumente von den Linken übernommen werden.

Gibt es in diesen Diskussionen um die neue Medizin überhaupt noch klassische linke und rechte Positionen?

Pauer-Studer: Viele dieser Argumente lassen sich nicht einfach in ein Rechts-Links-Schema einordnen. Und tatsächlich gibt es in diesen Fragen oft Allianzen, die überraschend sind. Was mir in Österreich jedoch als besonders störend auffällt, ist, dass es in moralischen Belangen leider kaum eine Tradition analytischen Argumentierens gibt. Dieser Mangel geht quer durch die Wissenschafts- und Weltanschauungsdiskurse.

Wagner: Was meiner Ansicht nach von linker Perspektive stärker kritisiert werden sollte, ist der eugenische Aspekt, der mit dem so genannten therapeutischen Klonen zusammenhängt. Also wenn Eltern versuchen, mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik (s. Glossar S.10) bestimmte Eigenschaften ihres zukünftigen Kindes vorzuselegieren.

Haben Sie eigentlich den Eindruck, dass die ganze Diskussion um die Biomedizin, die in den Medien und diversen Kommissionen geführt wird, männlich dominiert ist?

Pauer-Studer: Auf einer bestimmten Ebene ja.

Wodurch würde sich eine stärker feministisch akzentuierte Sicht der Dinge unterscheiden?

Wagner: Zum Beispiel dadurch, dass Unfruchtbarkeit als weniger großes Problem gesehen würde. Oder dass die Adoption von Kindern als Alternative zur In-vitro-Fertilisation viel stärker propagiert werden sollte. Beim therapeutischen Klonen besteht natürlich auch die Gefahr, dass Frauen als Spenderinnen von Ovozyten instrumentalisiert werden und entsprechende Hormonbehandlungen über sich ergehen lassen müssen. Das sind wichtige Fragen, die auch thematisiert werden müssten.

Pauer-Studer: Eine Kritik an den männlich dominierten Machtverhältnissen hinter den neuen Reproduktionstechnologien ist wichtig und unverzichtbar. Andererseits gibt es da doch auch eine Linie der feministischen Kritik, die es Frauen - gewissermaßen paternalistisch - nahelegt, sich dieser Technologie nicht zu bedienen. Das finde ich nicht korrekt, denn das soll jede Frau für sich entscheiden. Wichtig ist, dass hier auf eine größere Informationspflicht geachtet wird, und Frauen über die niedrige Erfolgsquote oder die Höhe der Hormongaben ausreichend in Kenntnis gesetzt werden.

Wie soll man denn auf politischer Ebene mit den neuen medizinisch-technischen Machbarkeiten umgehen? Soll man die Medizin einfach machen lassen? Oder doch stärker eingreifen?

Pauer-Studer: Ich denke, dass es wichtig wäre, zu möglichst klaren und eindeutigen gesetzlichen Regelungen zu kommen, die auf konsistenten ethischen Überlegungen basieren. Es ist schlicht widersprüchlich, In-vitro-Fertilisation zuzulassen und die Existenz überzähliger Embryonen in Kauf zu nehmen, gleichzeitig aber jede Forschung zu therapeutischen Zwecken an Embryonen zu verbieten. Eine Grundüberlegung bei der Zulassung des therapeutischen Klonens in Großbritannien ging auch dahin, so wenigstens eine Kontrolle zu haben. Man muss nun also um Forschungsprojekte ansuchen und nachweisen, dass die beantragte Forschung sinnvoll ist und ohne embryonale Stammzellen nicht gemacht werden kann. Wenn es ein funktionierendes Gutachterwesen gibt, und dahinter auch eine Wissenschaftskultur, die die Ergebnisse öffentlich zugänglich macht, dann sind die gesellschaftlichen Kontrollmöglichkeiten doch größer, als wenn alles auf rein privatwirtschaflicher Basis abläuft, wie das zum Teil in den USA der Fall ist.

Huber: Gesetzesregelungen haben aber nur dann einen Sinn, wenn in der Öffentlichkeit über alle gesellschaftliche Sparten ein Diskussions- und Meinungsbildungsprozess stattfindet. Es könnte ja eines Tages auch die österreichische Bevölkerung mehrheitlich meinen, dass es sinnvoll ist, das therapeutische Klonen zu erlauben. Man sollte die Probleme aufzeigen, artikulieren und sie so darstellen, dass die Bevölkerung sie versteht. Und dann hoffen, dass jene Gruppen in unserer Gesellschaft, die Wertvorstellungen haben, diese auch einbringen - von der Gewerkschaft bis zu den Freimaurern.

Wo sehen Sie als designierter Leiter der österreichischen Bioethikkommission die drängendsten Probleme?

Huber: Sicher besteht beim Problem der Vernichtung von Embryonen nach einem Jahr Handlungsbedarf. Das ist ein viel zu knapper Zeitraum - und dieses "Vernichten" ist ja moralisch auch nicht unproblematisch. Ein zweite wichtige Frage der Zukunft wird zweifellos die so genannte Chipdiagnostik sein. Ende des Jahres wird Motorola einen Chip auf den Markt bringen, für den man nur einen Watteabstrich aus der Mundschleimhaut braucht, um Auskünfte über die eigene DNA zu erhalten: also ob irgendwelche Gene geringfügige Veränderungen haben und ob zum Beispiel ein höheres Erkrankungsrisiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt oder für Prostatakrebs vorliegt. Wenn ein solcher Chip erst auf dem Markt ist, kann er für Versicherungen, Arbeitgeber, aber natürlich für die Chipträger selbst große Probleme schaffen.

Wagner: Ich möchte im Hinblick auf diese Chiptechnologien entschieden in Frage stellen, dass man da tatsächlich schon so weit ist, eindeutige Krankheitsrisiken anzugeben. In unseren Gesprächen mit Experten hat sich gezeigt, dass der Prognosewert von solchen genetischen Befunden sehr niedrig ist und nicht wirklich etwas über die Anfälligkeit bezüglich bestimmter Erkrankungen aussagt. Solche Krankheiten können auch sehr stark von Umweltfaktoren - etwa Schadstoffen am Arbeitsplatz - abhängen. Fraglos ist aber, dass dieses "genetische Testen" ein großes Problem darstellt - insbesondere, wenn Firmen solche Tests verlangen und einsehen können. Da kommt eine ganze Menge an verunsichernden und potenziell verwirrenden Dingen auf ganz normale Bürgerinnen und Bürger zu.

Huber: Das glaube ich auch. Es ist wirklich eine Revolution in Vorbereitung, und diese Revolution wird von den biomedizinischen Fächern getragen, den neuen Leitdisziplinen für unsere Gesellschaft. Die größte Herausforderung besteht dabei aber nicht im Menschenklonen. Sie besteht schlicht darin, dass durch die Fortschritte der Medizin der Anteil der Menschen über achtzig exponentiell ansteigt - ohne dass noch die Therapiemöglichkeiten mittels Stammzellen eine Rolle gespielt hätten. Und das muss wirklich zu einem weitreichenden gesellschaftlichen Diskussionsprozess führen. Denn wenn immer weniger junge Menschen immer mehr und immer älteren Senioren gegenüberstehen, werden einige Gebote über kurz oder lang in Frage gestellt.

Welche Gebote meinen Sie damit?

Huber: Zumindest das vierte - "Vater und Mutter ehren". Das fünfte ("Du sollst nicht töten") würde durch die Verwendung von embryonalen Stammzellen zur Lebensverlängerung in Frage gestellt. Und ob das sechste Gebot - "Du sollst nicht ehebrechen" - aufrechtzuerhalten ist, wenn Ehepartner sechzig oder siebzig Jahre miteinander verbringen sollen, wird sich erst weisen. < Johannes Huber ist Leiter des Institutes für gynäkologische Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung an der Universitätsfrauenklinik des AKH Wien. Er hat Theologie und Medizin studiert, praktiziert als Gynäkologe und ist als möglicher Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission im Gespräch.

Herlinde Pauer-Studer ist Professorin am Institut für Philosophie der Universität Wien. Zu ihren Forschungsbereichen gehören u.a. moralphilosophische Fragestellungen, politische und praktische Philosophie sowie Bioethik.

Ina Wagner ist Leiterin des Instituts für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der TU Wien und beschäftigt sich unter anderem mit der Entwicklung von benutzerfreundlicher Computer-Software. Bis vor kurzem war sie Mitglied der Ethik-Gruppe der Europäischen Kommission.

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