Genetischer Diskussionsbedarf

Klaus Taschwer | aus HEUREKA /01 vom 16.05.2001

Lesenswert. Während hierzulande immer noch die große Biotech-Euphorie angesagt scheint, sieht man anderswo die Dinge schon wieder etwas skeptischer. So fragt der französische Genetiker Bertrand Jordan "Alles genetisch?", um anhand von Beispielen aus Diagnose und Therapie ziemlich ernüchternde Antworten zu geben. Etwas anders geht die Wissenschaftsforscherin Evelyn Fox Keller vor, kommt aber zum selben Ergebnis: Sie rekonstruiert die Geschichte des Gen-Konzepts im 20. Jahrhundert - und zeigt anschaulich, dass der Begriff reichlich überschätzt ist.

Bertrand Jordan: Alles genetisch? Aus dem Französischen von Bernd Wilczek und Annette Kopetzki. Hamburg 2001 (Rotbuch Verlag). 200 S., öS 263,-.

Evelyn Fox Keller: Das Jahrhundert des Gens. Aus dem Englischen von Ekkehard Schöller. Frankfurt/New York 2001 (Campus). 240 S., öS 307,-.

Es war wohl ein Verdienst des umstrittenen "FAZ"-Feuilletonchefs Frank Schirrmacher, die Biowissenschaften fürs deutsche Feuilleton entdeckt zu haben. Ob sie dort gut aufgehoben sind, ist wieder eine andere Frage. Der Aufmerksamkeit fürs Thema hat es indes nicht geschadet, und dass die wichtigsten Beiträge der "FAZ-Debatte" nun kompakt und wohlfeil nachlesbar sind, ist auch kein Fehler. In Österreich bemüht sich Johannes Huber für mehr öffentliches Interesse an der Biomedizin - nicht nur in "heureka", sondern auch mit einem neuen Sammelband, dessen Beiträge leider ohne Autorenzuordnung auskommen.

Frank Schirrmacher (Hg.): Die Darwin AG. Köln 2001 (Kiepenheuer & Witsch, KIWI 626). 312 S., öS 187,-.

Johannes Huber (Hg.): Abschied von der Steinzeitmoral. Chancen der Biomedizin. Graz 2001 (Styria). 160 S., öS 198,-.

Barbara Maier und Joachim Widder sind beide Ärzte mit Philosophiestudium. Ihre neuen Bücher über medizin-ethische Probleme wirken eher akademisch. Während sich die praxisorientierte Studie von Maier ausführlich mit allen wichtigen Fragen der Reproduktionsmedizin befasst (und die einschlägigen Gesetzestexte enthält), geht es Widder um das, was in der fortschrittstrunkenen neuen Medizin allzu oft ausgeblendet wird: um grundsätzliche Fragen von Krankheit und Gesundheit aus Patientenperspektive.

Barbara Maier: Ethik in Gynäkologie und Geburtshilfe. Entscheidungen anhand klinischer Fallbeispiele. Berlin et al. 2000 (Springer). 293 S., öS 573,-.

Joachim Widder: Das vergessene Leben. Medizin-ethische Untersuchung von Krankheit und Patienten-Selbstbestimmung. Wien 2001 (Passagen Verlag). 190 S., öS 350,-.

Hörenswert. Die Kollegen der unverzichtbaren Radioinstitution "Diagonal" haben wieder einmal etwas Bleibendes geschaffen - und deshalb ihre Sendung zum Thema "Eugenik" auf CD konserviert. Die acht gelungenen Features behandeln die Geschichte der Eugenik ebenso wie die künftig mögliche Produktion von Designer-Babys oder die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von pränataler Diagnosik und Gentests.

Die CD kostet öS 199,-; tel. Bestellungen unter 01/50 170/373 Diskussionswert. Im Rahmen der 2. ScienceWeek@Austria finden bis zum 20. Mai zahlreiche Veranstaltungen auch zum Thema "Biomedizin" statt, unter anderem eine Podiumsdiskussion über Humangenetik am 17. Mai ab 19.30 Uhr im Pathologie-Hörsaal des Uni Campus, 1., Alser Straße 4. Oder einen Tag später im Wiener Cafe Stein unter dem Titel "Die genetische Revolution des Menschen: Herausforderung, Bedrohung oder Fiktion?"

Das detaillierte Programm findet sich unter www.scienceweek.at.

Die rührige Hochschülerschaft der Universität für Bodenkultur lädt zu einer prominent besetzten Vortragsreihe unter dem Titel "Zankapfel Gentechnik" ein: Gentechnik & Medien am 22. Mai, Gentechnik & Medizin am 29. Mai, Gentechnik & Frauen am 12. Juni, Gentechnik & Entwicklungsländer am 19. Juni.

Alle Veranstaltungen: 18 - 20 Uhr, Hörsaal EH 02 der BOKU.

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