Sozialverträgliches Frühableben

Kürzlich wurde in den Niederlanden die "aktive Sterbehilfe" gesetzlich erlaubt, was für europaweite Diskussionen sorgte. Ein Essay über die jüngsten medizinischen und juristischen Grenzverschiebungen zwischen Leben und Tod, die Problematik des "mutmaßlichen Patientenwillens" und die Gefahr, dass Leidvermeidung austauschbar wird mit Kostenvermeidung.

Ulrike Baureithel | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

Es gibt Themen, bei denen sich die europäische Landkarte auffaltet, als lebten wir nach dem Dreißigjährigen Krieg: Auf der einen Seite stehen die katholisch geprägten Staaten, die sich tapfer dem Zeitgeist entgegenzustemmen scheinen, auf der anderen die protestantisch-calvinistischen, die meinen, sich um den mentalen Fortschritt kümmern zu müssen. Das Thema "Sterbehilfe" ist ein solches Thema, denn es ist auffällig, dass Länder wie Frankreich, Italien oder eben auch Österreich - zumindest offiziell - geschlossen Front machen gegen die Liberalisierung der Sterbehilfe, während etwa in den protestantischen Kantonen der Schweiz mittlerweile sogar Sterbehelfer in die Altersheime kommen dürfen. Gar nicht zu reden von den Niederlanden, die jüngst in die Schlagzeilen gerieten, als sie die ohnehin bereits praktizierte "aktive Sterbehilfe" (siehe Kasten S. 13) auch gesetzlich absegneten.

Hierzulande scheint die politische Ablehnung der aktiven Sterbehilfe in signifikantem Widerspruch zu ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung zu stehen: In Österreich befürwortet nach einer repräsentativen Umfrage im Dezember 2000 nahezu die Mehrheit der Befragten Sterbehilfe nach dem niederländischen Modell, wobei die FPÖ-Wähler mit 66 Prozent die stärkste Zustimmungsrate aufweisen. Der "Druck in Richtung sozialverträgliches Frühableben", so stellte die Tageszeitung Der Standard nach einer Diskussionsveranstaltung fest, scheint aus der Bevölkerung zu kommen.

Wie beim Abtreibungsstreit, der Diskussion ums therapeutische Klonen oder der Auseinandersetzung um die Präimplantationsdiagnostik geht es in der Sterbehilfedebatte um eine Grauzone zwischen Leben und Tod, die längst zum Konstrukt der modernen Medizin geworden sind. So wenig sich vor dreihundert Jahren eine schwangere Frau ihr Kind auf einem Ultraschallbild hätte vorstellen können, so undenkbar wäre ein Testament gewesen, das darüber verfügt, wie man sterben möchte oder was im Falle des Hirntodes mit den "nachgelassenen" Organen passiert.

Das Fatum ist dem Faktum gewichen, und sei es auch nur einem statistisch wahrscheinlichen, das - bei der pränatalen Diagnostik - erlaubt, einen vielleicht geschädigten Fötus abzutreiben, oder ihm - mittels der Präimplantationsdiagnostik - dieses Lebensrecht erst gar nicht einzuräumen. Wie utilitaristisch dieser Beginn des Lebens gehandhabt wird, offenbart sich nachdrücklich in der Debatte um die Forschung mit embryonalen Stammzellen: Der bislang zwar wissenschaftlich nicht nachgewiesene, dennoch behauptete therapeutische Nutzen rechtfertigt die Herstellung und die Verwendung von Embryonen zu Forschungszwecken.

Der Tod des einen ist der Nutzen des anderen. Vor diesem Hintergrund empfahl die Harvard-Kommission im September 1968 das "irreversible Koma" als neue Definition des Todes. Die heutzutage in den meisten europäischen Ländern anerkannte Hirntod-Bestimmung erlaubte es, dem künstlich am Leben gehaltenen, sterbenden Menschen Organe zu entnehmen, um mit ihnen einen anderen Menschen möglicherweise am Leben zu erhalten. Einmal abgesehen davon, dass die Hirntod-Definition im Laufe der Jahre eindrucksvollen Wandlungen unterlag und damit ein prominentes Beispiel für die willkürlichen Grenzverrückungen des Todeszeitpunktes ist: Es fällt auf, dass auch hier das Kriterium eines "fehlenden Bewusstseins" herhalten muss, um "Menschenmaterial" verfügbar zu machen - egal, ob es nun als "Zellhaufen" oder "Leichnam" definiert ist.

Die Angst geht um in den westlichen Ländern - in Form von Gentests, die unser Krankheitsschicksal vorhersagen oder das Urteil über ein noch gar nicht geborenes Kind fällen; in der Form von Apparaturen, die auf nicht absehbare Zeit das Leben verlängern; oder in Form von Gentherapien, die Krankheiten zu bekämpfen vorgeben und unabsehbare Wirkungen zeitigen.

Sich dieser omnipotenten Macht der Medizin zu entziehen, indem man "bei vollem Bewusstsein" seinen Patientenwillen niederlegt, scheint eine naheliegende Lösung zu sein. Doch sie trifft nicht den Kern der Sache. Die Fiktion wird deutlich an einem Konstrukt, das sowohl bei der Organspende als auch bei der Sterbehilfe eine wichtige Rolle spielt: Es ist der "mutmaßliche Wille" des Patienten, der den Angehörigen die Entscheidung abnehmen soll, ob Organe freigegeben oder - im Falle aktiver Sterbehilfe - dem Patienten beispielsweise die Nahrung entzogen wird.

Weiß ein Patient, der verfügt, alle lebenserhaltenden Maßnahmen wie etwa die künstliche Ernährung einzustellen, was er seinen Angehörigen mit dem Anblick des eigenen Verdurstens und Verhungerns antut? Und, umgekehrt: Wer kann sich schon in die Lage des komatösen Patienten versetzen, der auf diese qualvolle Weise stirbt? Wer weiß schon etwas von seinem Stimmungsschwankungen in einer vom Tode bedrohten Situation, die abhängig ist vom Schmerz und der Zuwendung seiner Umgebung?

Die fast einhellige Empörung, die das niederländische Sterbehilfegesetz europaweit auslöste und gleichzeitig der vielfältig bekundete Wunsch, nicht hilflos an lebensverlängernde Apparaturen gekettet zu sein, ist nur vordergründig ein Widerspruch. Hier drückt sich - ganz ähnlich übrigens wie bei der verbal zwar steigenden, praktisch jedoch rückläufigen Organspendebereitschaft - das nachhaltige Misstrauen der Menschen gegenüber der modernen Medizin aus. Nicht die Angst vor der Freiheit ist es, die die Bevölkerung vor gesetzlich sanktionierter Sterbehilfe zurückschrecken lässt, sondern die Angst vor der verfügungsgewaltigen Freiheit von Ärzten und Betreuern.

Dass sich auf eben diese Medizin auch alle Hoffnungen und Erlösungswünsche richten, ist ein Dilemma, das aus der Diskrepanz von Heilungsauftrag und Heilungschance erwächst. Diese Illusion wird von Medizinern durchaus genährt, weil sie Forschungsmittel freischlägt. Auf diese Weise schaukelt sich der Kreislauf von Erfolgserwartung der Öffentlichkeit und Erfolgsdruck der Medizin gegenseitig hoch.

Illusion sind indessen auch Vorstellungen von "natürlicher" Geburt und einem "natürlichen" Tod, mit dem der Mensch seinen Frieden schließen könnte. Ausgerechnet der Philosoph und Medizinkritiker Hans Jonas, der Ende der Sechzigerjahre zu den prominentesten Kritikern der Hirntod-Definition gehörte, plädierte ein Jahrzehnt später für das "Recht zu sterben". Er argumentierte, dass das Recht auf Leben unveräußerlich sei, und im Umkehrschluss auch niemand zum Weiterleben gezwungen werden könne. Das Recht zu sterben, also zu einem bestimmten Zeitpunkt medizinische Behandlung abzulehnen, impliziere allerdings keineswegs eine Pflicht bzw. eine "Bringschuld" des Patienten an seine Umgebung.

Eben diese feine Unterscheidung unterschlägt eine Sterbehilfediskussion, in der Leidvermeidung austauschbar wird mit Kostenvermeidung. "Wenn es darum ging, Pflegepersonen zu finanzieren", meinte jüngst eine Leserbriefschreiberin in Reaktion auf die jüngsten Diskussionen in der Schweiz, "wurde immer abgeblockt. Wenn dieses Problem gelöst wäre, hätten sicher viele alte Menschen nicht mehr das Bedürfnis, ihrem Leben ein Ende zu setzen." Und die Ärzte, wäre im Sinne Hans Jonas hinzuzufügen, würden nicht zum Henker am Bett ihrer Patienten werden.

Ulrike Baureithel lebt und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Berlin E-Mail: ulrike.baureithel@rz.hu-berlin.de.

Aktive Sterbehilfe ist ein Handeln, das das Sterben von Todkranken beschleunigt. Im Unterschied zur passiven Sterbehilfe, die Handlungen unterlässt, um das Leben von todkranken Menschen künstlich zu verlängern, gilt sie als Tötungshandlung. Nach dem neuen niederländischen Gesetz ist aktive Sterbehilfe zwar grundsätzlich weiterhin strafbar, wird jedoch geduldet, wenn sich die behandelnden Ärzte an ein genau vorgeschriebenes Reglement halten: Das "Gesetz zur Überprüfung von Lebensbeendigung auf Verlangen des Patienten und Hilfe bei Selbsttötung" delegiert die Prüfung der "Euthanasie"-Handlungen an regionale Kommissionen. Es entlastet den Staat von der Strafverfolgung und den Arzt von der Angst vor strafrechtlicher Verfolgung. Voraussetzung ist der ausdrückliche Wille des einwilligungsfähigen Patienten. In Österreich stellen die Paragraphen 77 und 78 des Strafgesetzbuches die "Tötung auf Verlangen" und die "Mitwirkung am Selbstmord" unter Strafe; Paragraph 110 des Strafgesetzbuches indes bestimmt, dass niemand ohne seine Einwilligung behandelt werden darf.

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