"Weg vom pornographischen Blick"

Warum man angesichts der rasanten Fortschritte der Medizin ihre Vergangenheit thematisieren sollte: ein Gespräch mit dem Medizinhistoriker Michael Hubenstorf über Rassenhygieniker aus Österreich, über die Medizin im Nationalsozialismus und den mysteriösen Miterfinder der Ultraschalldiagnostik.

Interview: Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

heureka: In den vergangenen Monaten wurden immer mehr Stimmen - etwa des Philosophen Peter Sloterdijk - laut, die forderten, dass man dieses beständige Erinnern an den Nationalsozialismus und das rückwärtsgewandte Moralisieren angesichts der Fortschritte in Medizin, Technik und Wissenschaft endlich aufgeben sollte. Was sagen Sie als Medizinhistoriker dazu?

Michael Hubenstorf: Ich glaube, dass Leute wie Sloterdijk völlig falsch liegen. Auf der einen Seite mögen sie zwar insoferne recht haben, als einem das Moralisieren irgendwann zum Hals heraushängt. Denn wenn wir nur moralisieren, dann können wir gar nicht verstehen, was überhaupt passiert ist. Tatsache ist aber, dass die Nicht-Thematisierung der NS-Wissenschaft und der NS-Medizin auch eine klare Analyse dessen verhindert, was mit der Wissenschaft seit 1945 passiert ist. Wenn wir sagen "Lasst uns in die Zukunft blicken", dann heißt das zugleich: "Lasst uns auch die Gegenwart vergessen." Aber wenn man die Vergangenheit nicht thematisiert, wird man auch nie in der Zukunft ankommen. Wir müssen wissen, was an Vergangenem mitgeschleppt wird, um uns davon verabschieden zu können. Oder auch, um sagen zu können: "Das oder jenes war gut, und wir bauen weiter darauf auf." Woher wollen wir denn wissen, was nun wirklich ein Fortschritt war?

In Österreich war die Aufarbeitung der NS-Medizin vor allem vom Fall Gross und dem so genannten Pernkopf-Atlas geprägt, dessen Abbildungen anhand der Leichen von Opfern des NS-Regimes gezeichnet wurden. Sind das schon die wichtigsten Fälle? Oder wird man in Zukunft noch mehr davon finden?

Bei den künftigen Forschungen wird man wohl noch eine Reihe vergleichbarer Fälle finden. Wichtig ist aber auch, dass man den Normalbetrieb der Medizin im Nationalsozialismus in den Blick nimmt. Denn wir müssen endlich wegkommen von dieser Fixierung, von diesem mehr oder weniger pornographischen Blick auf die Verbrechen und die Verbrecher, der eben auch ein pornographischer Blick auf die Leiden der Opfer ist. Wenn immer wieder Gross oder Pernkopf in den Mittelpunkt gestellt werden, dann sind es immer die Täter, denen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden - und ihre Opfer kommen allenthalben nur als Abbildungen vor. Man muss diesen Opfern aber ihre Menschenwürde wieder zurückgeben und fragen, wer denn die Personen dahinter sind. Und was ihnen, so sie es überlebt haben, nach 1945 widerfahren ist. Viele von ihnen leben ja noch.

Dennoch: Weiß man schon alles über die Beteiligung der österreichischen Mediziner etwa an der Rassenhygiene - jenseits von Heinrich Gross?

Gross hat nicht einmal viel mit Rassenhygiene zu tun. Der war an der Euthanasieaktion beteiligt und profitierte bei seinen späteren Forschungen von den getöteten Föten und Kindern. In Sachen Rassenhygiene sind die zentralen österreichischen Akteure nach wie vor noch nicht untersucht worden. Die Schwierigkeit besteht dabei darin, dass die prominentesten österreichischen Rassenhygieniker, z. B. Max Gruber oder Ignaz Kaup, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland gegangen sind und dort wirksam wurden. Eine weitere Gruppe von Rassenhygienikern begab sich um 1930 nach Deutschland, erhielt in München ihre Ausbildung, um dann, nach 1938 wieder in Österreich, hier ihre Forschungen und Aktionen zu betreiben. Diese Gruppe hat dann fast alle Lehrstühle für Rassen- und Erbbiologie besetzt. Weitgehend unbekannt ist aber auch die Tatsache, dass es bereits lange vorher ein Beratergremium des österreichischen Bundespräsidenten Michael Hainisch gab, in dem Experten relativ abgeschirmt u.a. über die Aufgabe der Rassenhygiene in Österreich diskutierten. Daraus entstand eine Publikation des Wiener Universitätsprofessors der Hygiene, Heinrich Reichel, und der hat in dem Zeitraum zwischen 1923 und 1933 in Wien immerhin alle Amtsärzte ausgebildet.

Die Professur, die Sie antreten werden, war für Zeitgeschichte der Medizin ausgeschrieben. Geht es da nun ausschließlich um den Nationalsozialismus?

Ich denke, dass sich Zeitgeschichte nicht eng auf den Nationalsozialismus begrenzen lässt. Das ist ein Missverständnis, das gerade auch im engeren Umfeld der Medizin immer wieder auftaucht. Ich begreife die Zeitgeschichte der Medizin als Sozial- und Kulturgeschichte der medizinischen Wissenschaften und der medizinischen Praxis der letzten 150 Jahre. Unsere medizinhistorischen Kenntnisse sind bis weit ins späte 19. Jahrhundert zurück lückenhaft - eben deshalb, weil man bestimmte Dinge verschwiegen oder nicht aufgearbeitet hat.

Was zum Beispiel?

Zum Beispiel den Antisemitismus sowohl an der medizinischen Fakultät wie auch in der Ärzteschaft lange vor 1938. Oder die spezifische Rezeption des Sozialdarwinismus und der Evolutionstheorie in Österreich: 1905 z.B. wurden im Wiener Gemeinderat von den Liberalen sozialdarwinistische Argumente verwendet, um Kosteneinsparungen im Wohlfahrtswesen zu verlangen - gegen die Christlich-Sozialen, wohlgemerkt! Ja, selbst die innere Geschichte der Sozialversicherungen ist nicht wirklich aufgearbeitet: Es fehlt eine Geschichte der Krankenkassen und ihrer medizinischen Organisation seit dem späten 19. Jahrhundert, denn damals ist z.B. die heute so umstrittene Struktur des Hauptverbandes der Sozialversicherungen entstanden. Das ist zwar eigentlich Geschichte der Sozialpolitik - aber mit ganz massiven Bezügen zur Medizin.

Und was werden Ihre eigenen Forschungsschwerpunkte sein?

Meine wichtigsten Forschungsfelder sind die Erforschung der Emigration der Mediziner nach 1938 - auch wenn das schon relativ am besten bekannt ist. Das andere betrifft die Rolle der Institutionen der medizinischen Wissenschaft während der NS-Zeit - abseits der bekannten Dinge, die wir über Verbrechen wissen. So ist die Qualität der medizinischen Forschung in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus bislang kaum analysiert worden. Die Frage ist also, wie die Medizin damals tatsächlich funktioniert hat. Und: Hat sie womöglich sogar zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen geführt?

Wie würden Sie diese Frage selbst beantworten?

Diese Frage ist auch deshalb so schwierig, weil es nur sieben Jahre sind - also ein sehr kurzer Zeitraum, der noch dazu durch den Krieg geprägt wurde. Man hat also damals nicht allzu viel publiziert. Viel von dem, was nach 1945 veröffentlicht wurde, ging aber auf Forschungen aus der NS-Zeit zurück, so auch im Fall von Heinrich Gross. Aber etwa auch die Entwicklung des Ultraschalls als medizinische Diagnosetechnik stammt aus der Zeit vor 1945. Verantwortlich dafür war u.a. der Wiener Neurologe Karl Theodor Dussik, über den man aber nach wie vor nicht viel Präzises weiß. Wenn Sie nach "Dussik" im Internet suchen, finden Sie ihn als Wiener Begründer der Ultraschalldiagnostik, samt rudimentärem Lebenslauf - in dem sich nach 1945 freilich bald die Spuren verlieren. Ein anderes Beispiel: Eine Dissertantin bei mir arbeitet zur Geschichte der Gynäkologie in der NS-Zeit, und unsere These ist, dass so etwas wie eine Geburt der modernen Reproduktionsmedizin aus dem Geiste des Nationalsozialismus stattgefunden hat, zumindest im deutschen Sprachraum.

Gab es auch auf organisatorischer Ebene Innovationen?

In der österreichischen Medizin kam es zwischen 1938 und 1945 jedenfalls zu einem eindeutigen Regionalisierungsprozess, der sich in der Zweiten Republik fortsetzte. Das heißt, die Zahl der Fachärzte, die außerhalb Wiens tätig waren, nahm massiv zu; Spezialisten gingen nicht nur in die Landeshauptstädte, sondern auch in Bezirksstädte. Ähnliche Entwicklungen wurden auch schon unmittelbar nach 1945 wahrgenommen: Österreichische Emigranten in London stellten nüchtern fest, dass die nationalsozialistische Initiative, medizinische Mutter-Kind-Betreuung bis ins letzte Dorf zu bringen, doch wirklich ein Fortschritt sei - auch wenn das von Nazi-Ärzten durchgesetzt wurde.

Die Langfassung dieses Interviews findet sich im Internet unter: www.falter.at/heureka Michael Hubenstorf, Jg. 1954, studierte Medizin, Politikwissenschaft und Soziologie in Wien und arbeitete von 1980 bis 1984 als Arzt in mehreren Wiener Krankenhäusern. Danach lebte und wirkte er 14 Jahre lang als Medizinhistoriker in (West-)Berlin und seit 1998 als Professor für Geschichte der Medizin an der University of Toronto. Voraussichtlich im Juli 2001 wird er an der Universität Wien eine Professur für Geschichte der Medizin (mit besonderer Berücksichtigung der medizinischen Zeitgeschichte) antreten.

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