"Is was, Robodoc?"

Sie zittern und ermüden nicht. Ihre Bohrungen sind millimetergenau. Stählerne Chirurgen sind in den OPs keine Seltenheit mehr. Wo manche die Zukunft der modernen Chirurgie sehen, sprechen Kritiker verächtlich von "Nintendochirurgie". Werden "Otto", "Robodoc" und "Caspar" den Menschen in Zukunft nur noch Patient sein lassen?

Robert Czepel und Franz Gutsch | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

Die metallene Spinne senkt sich mit leisem Brummen von der Saaldecke herab. Der Patient liegt regungslos auf einem Tisch. Ein mit einem Bohrer bestückter Arm des Metallungetüms nähert sich seinem Kopf. Und plötzlich fräst sich der Bohrkopf mit leisem Knirschen in den Schädelknochen. Eine makabre Szene aus einem neuen Science-Fiction-Thriller? Mitnichten. OP-Alltag an der Charite-Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Berlin. Die Spinne ist kein Foltergerät, sondern ein millionenteurer Chirurgieroboter. Er hört auf den netten Namen "Otto von Decke" und dient der Applikation von Prothesen auf menschliche Schädel. Die Entwicklung von Otto hat stolze 56 Millionen Schilling verschlungen, die Produktionskosten belaufen sich auf weitere neun Millionen Schilling. Lohnt sich der finanzielle Aufwand?

Auf jeden Fall, meint Tim Lüth, der einzige Techniker auf einem medizinischen Lehrstuhl in Deutschland und Entwickler von Otto. "Im Gegensatz zum Menschen ist eine Maschine wie unser Gesichtschirurg Otto nie unkonzentriert oder schlecht in Form." In puncto Präzision ist der Roboter dem menschlichen Operateur weit überlegen. Otto kann zum Beispiel exakt parallele Bohrlöcher in den menschlichen Schädelknochen setzen - jeder Heimwerker kennt dieses Problem von der Dübelmontage. "Bohrt der Chirurg die Gewinde von Hand, lässt sich nie genau vorhersagen, wie die Stifte hinterher sitzen werden", sagt Jürgen Bier, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer-, und Gesichtschirurgie der Berliner Charite. Weiters kompensieren Roboter unerwünschte menschliche Fehlleistungen: Zittern und Muskelermüdung können ausgeglichen werden.

Ähnliche Erfahrungen hat man an den Kliniken des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Westend gemacht. Dort ermöglicht "Robodoc" Hüftimplantationen in nie da gewesener Genauigkeit. "Mit Robodoc erreichen wir eine Passgenauigkeit von 98 Prozent. Von Hand schafft ein Arzt dagegen höchstens 35 Prozent Berührungsfläche zwischen Knochen und Kunsthüfte", sagt Heinz Schauwecker, Chefarzt in den DRK-Kliniken. Durch die millimetergenaue Fräsung lässt sich eine wesentlich bessere Integrierung des Prothesenschaftes am Oberschenkelknochen erzielen. Und das wiederum minimiert die Reparaturanfälligkeit der Hüftprothese. Die kalifornische Firma Integrated Surgical Systems hat bis heute über 30 Robodocs weltweit installiert und diese haben bereits stolze 8000 Operationen erfolgreich durchgeführt.

Wir werden uns also an den Gedanken gewöhnen müssen, dass nicht allein Menschen, sondern auch Roboter die Rolle der ausführenden Organe am Operationstisch bekleiden. Trotzdem können Anhänger von "Emergency Room" auch in den nächsten Jahren auf den klassischen Satz "Schwester, Tupfer!" hoffen. Die Welt der Operationssäle wird sich nicht so schnell ändern, dass die Synchronsprecher statt-dessen die mechatronische Formel "Kalibrieren Sie die Parameter" emotionslos ins Mikrofon hauchen müssen.

Die Anfänge der Medizinrobotik liegen übrigens (wie etwa auch beim Internet) im Militärwesen. Man wollte verwundete Soldaten auf Distanz mit Robotern operieren, kam jedoch rasch an die Grenzen der technologischen Machbarkeit. Aber die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Die mechanische Bewegungsübertragung wurde durch eine elektronische ersetzt, womit der Schritt vom Feldroboter zum Robodoc getan war. Bis dato beschränkt sich die operative Robotik auf spezielle medizinische Gebiete. In der Orthopädie, Neurochirurgie, im HNO-Bereich sowie in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie werden bereits im größeren Stile Maschinen verwendet. Vor allem in der so genannten minimal-invasiven Chirurgie kommen die metallischen Kollegen zum Einsatz. Mittels Endoskopen, die als Lichtquelle und Videokamera funktionieren, werden Operationsbilder auf Monitore übertragen. Die Chirurgen hantieren über bleistiftdicke Instrumente im Inneren der Körper. Die Maße der Operationsöffnungen bei endoskopischen Eingriffen richten sich somit nicht mehr nach der Handgröße des Operateurs, sondern nach den filigranen Ausmaßen der Präzisionsinstrumente.

Weitere Beispiele für erfolgreiche Anwendungen von Robotern sind leicht zu finden - denn sie sind Medienstars: "Caspar" hilft in der Potsdamer Privatklinik Sanssouci, neue Kreuzbänder in lädierte Knie einzuziehen. Kostenpunkt: ca. sieben Millionen Schilling, seine Arbeitsweise ist, im Gegensatz zum halbautomatischen Otto, sogar vollautomatisch. "Da Vinci" legt Umgehungsgefäße (Bypässe) im deutschen Herzzentrum, Berlin. Und in Graz gelang kürzlich die erste vollautomatische Gallenblasenentfernung durch "ZEUS". An der Wiener Universitätsklinik für Orthopädie am AKH operiert Kollege "Robodoc".

Trotz aller Erfolge muss man sich der Grenzen der neuen Robodoktoren bewusst bleiben. Zum einen haben wir es noch immer mit technologischen Werkzeugen, im besten Falle mit semiintelligenten Maschinen zu tun. "Der Roboter wird den Arzt nicht ersetzen können, er wird ein vom Menschen programmiertes Hilfsmittel bleiben", meint Lüth. Zum anderen scheinen vorschnelle Hoffnungen auf eine schöne neue Chirurgie etwas überzogen. Wolfhart Puhl, Präsident der deutschen Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik, warnt vor einer "überzogenen Roboterhektik in Deutschland" und merkt kritisch an: "Noch gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass Implantate nach Operationen mit Caspar oder Robodoc tatsächlich besser halten." Ein Blick in die USA zeigt, dass die neue "Nintendochirurgie", wie sie von Kritikern mitunter spöttisch genannt wird, nicht überall auf ungeteilt positive Resonanz stößt. Dort sind Geräte wie Caspar oder Robodoc zurzeit nur in wenigen Zentren unter Aufsicht der FDA (Food and Drug Administration) zur Operation am Menschen zugelassen.

Hinzu kommt, dass die hohen Anschaffungskosten die Anwendung auf große Kliniken begrenzen. Zudem ist eine spezielle technische Schulung der Ärzte notwendig. Aus rein medizinischer Sicht sind noch - im Vergleich zu traditionellen Methoden - längere Operationszeiten zu bemängeln. Das hat zwei Nachteile: Erstens ist eine höhere Dosierung an Anästhetika notwendig und zweitens steigt mit der Operationsdauer auch das Infektionsrisiko.

Fazit: Bislang können Roboter der menschlichen Ärzteschaft Assistenten sein, diese aber nicht vollständig ersetzen. Und sollte dies jemals der Fall sein, können wir sicher sein, dass noch viele Ressentiments aus dem Weg geräumt werden müssen. Wussten Sie beispielsweise, dass die Wiener U-Bahnen theoretisch vollautomatisch fahren könnten? Das markant ins Mikrofon gebellte "Zug fährt ab!" dient also nicht nur der Information, sondern vor allem der Beruhigung.

Über die Tücken der gegenwärtigen Telemedizin gibt folgendes Protokoll einer Teleoperation aus dem Jahre 1999 Auskunft. Einer Patientin soll ein möglicherweise bösartiger Polyp aus dem Mastdarm entfernt werden. Prof. Bueß (Tübingen) operiert, sieht das Körperinnere auf einem Monitor, Dr. Nord (Straßburg) assistiert via Bildschaltung, ein Auditorium (Kiel) ist zugeschaltet, Frau Harrington moderiert.

"Auf dem Tisch lag eine völlig in grünes Tuch gehüllte Person. Der noch heraushängende Arm war mit Kanülen verkabelt, eine Patientin, wie Prof. Bueß erläuterte. Dann riss die Sprechverbindung ab. Frau Harrington, Kiel: ,Können Sie mich hören?' Antwort: ,Ja'. - Kiel: ,Haben Sie mich eben auch gehört?' - Keine Antwort. Unterdessen war Dr. Michael Nord vom französischen Krebsforschungszentrum IRCAD-EITS in Straßburg zugeschaltet worden, um Prof. Bueß bei seiner Operation mit fachmännischem Rat zur Seite zu stehen. ,Hallo?!' - Die Verbindung setzt wieder ein. Während die Verbindung wieder abreißt, kommen Wortfetzen von Dr. Nord aus Straßburg. Der entsetzte Blick des zwischenzeitlich wieder eingeblendeten Prof. Bueß stellt sich als verbliebenes Standbild einer erneut abgerissenen Bildverbindung heraus.

Inzwischen hat Prof. Bueß die Darmwand der Patientin freigelegt. Plötzlich klagt er selbst über einen Bildausfall. Frau Harrington bietet sich an, dem Professor das in Kiel nach wie vor sichtbare Videobild aus dem Darm der Patientin zu beschreiben. Bueß lehnt dankend ab mit dem Hinweis, dass man doch aus der Schule noch wisse, wie problematisch Bildbeschreibungen seien. Die Podiumsrunde verabschiedet sich nun vorläufig von Prof. Bueß, der mit der Operation noch etwas beschäftigt sein wird."

Protokoll: Frank Möller

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