Heilung vorm Bügelbrett

Zwischen Lebenshilfe und Unterhaltung: Talkshows mit Gesundheitsthemen gelten als Motor der alternativen Medizin und beste Chance, das ärztliche Werbeverbot zu umgehen. Besonders beliebt beim so genannten "Bügelfernsehen": das Thema Krebs

Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

Fliege: Guten Tag, herzlich willkommen, danke Ihnen zu Hause, dass Sie zugeschaltet haben, danke, dass Sie so weit gereist sind, um ins Studio hier in München zu kommen. Wir haben Gäste da aus Sachsen, aus der Schweiz, sogar aus Amerika. Das Thema ist Krebs. Und wenn Sie sich jetzt fragen, warum schon wieder eine Sendung über Krebs? Weil nämlich jeden Tag 1000 Menschen in Deutschland hören, dass sie Krebs haben, weil wir diese Menschen nicht alleine lassen wollen. Mein Gott, wie soll ich damit umgehen? Was muss ich wissen, damit ich stärker bin als der Krebs? Und das kann ich Ihnen sagen. Mittlerweile gibt es das Internet, diese weltweite Welt des Wissens. Und wie komme ich an dieses Wissen? Wir haben jemand hier, der mit Hilfe des Internets den Krebs besiegt hat. Der kennt sich jetzt besser aus als seine Ärzte, der ist gar kein Mediziner.

"Fliege" ist keine gewöhnliche Talkshow und Jürgen Fliege kein gewöhnlicher Priester. Er spricht oft von Sanftheit, Hoffnung und Heilung. Auch wenn ihn die Kamera gerne als Zuhörer zeigt, spricht er in der Regel mehr als sechs Studiogäste zusammen. Er appelliert, fragt, übersetzt. Viermal die Woche zwischen 16 und 17 Uhr. Bügelfernsehen heißt das, weil um diese Zeit viele Hausfrauen eingeschaltet haben. Fliege macht nicht nur Medizin, aber er setzt häufiger auf Gesundheitsthemen als etwa die ORF-Talkshows "Vera" oder "Die Barbara Karlich Show". Und damit schafft er fast immer einen höheren Seherschnitt als die üblichen eineinhalb Millionen.

Das Credo der Sendung: "Nicht gegen die Schulmedizin, aber durchaus die Nischen aufzeigen und sanfte Alternativen zur Apparatemedizin", formuliert Walter Ohler. Ohler ist seit dem Start 1994 Flieges Redakteur für Gesundheit. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt er sich mit allem jenseits der Schulmedizin. Er bestimmt, wer eingeladen werden soll.

"Wenn Patienten ihre ärztlichen Bulletins nicht vorlegen, werde ich misstrauisch. Mir liegt es auch nicht, wenn Leute ihren Heilungsweg mit missionarischem Drang vorbringen." Viele kommen von Selbsthilfeorganisationen. Was die Experten betrifft, oft Heilpraktiker und medizinische Grenzgänger, verlässt sich Ohler auf Presseartikel, Szenekenner und lange Gespräche. Anschaulich reden müssen sie können. "Was nützt der beste Arzt, wenn ihn unsere Seher nicht verstehen."

An Bewerbern mangelt es weiß Gott nicht. Im Umfeld der Sendung sind Informationsangebote platziert, entstehen Bücher. Laut Umfragen sind die meisten Ärzte überzeugt, dass die Nachfrage nach alternativer Medizin durch Sendungen wie "Fliege" geschaffen wird.

Fliege: Wenn ich jetzt höre, dass Spes (Anm.: ein chinesisches Kräuterpräparat) hilft und ich das in den Niederlanden oder den USA kaufen kann, wieviel muss ich davon nehmen, woher weiß ich das?

Arzt 1: Also von einer Selbstbehandlung würde ich abraten. Es sollte immer ein Arzt begleiten.

Fliege: Aber wenn mein Arzt Spes gar nicht kennt?

Arzt 1: Dann muss ich den Patienten, äh, Arzt zwingen, es zu kennen.

Fliege: Also dem Arzt sagen, wenn Sie das bis in 14 Tagen nicht kennen, komme ich nicht wieder.

Lebenshilfe ist nicht mehr der wichtigste Aspekt im Talkshow-Gewerbe. Das war noch vor zwei, drei Jahren so. Damals lagen auch Medizinthemen am höchsten im Kurs, sagt die Wiener Linguistin Johanna Lalouschek. Heute werden Emotainment, also Unterhaltung durch Zurschaustellung vermeintlich authentischer Gefühle, zunehmend durch Konfrontationen, Beziehungsthemen und Quiz geboten. Die Sendung "Meiser", die 1992 als erste im deutschsprachigen Fernsehen Daily Talk mit Studiopublikum nach dem US-amerikanischen Vorbild "Oprah Winfrey" praktizierte, ist im März ausgelaufen.

Gleich am zweiten Tag ging es dort um Organtransplantation, und Martin Franke war einer der Gäste. Im Sammelband "Gesundheitskommunikation" erinnert er sich an seine Fassungslosigkeit, als Hans Meiser die Mutter eines lungenkranken Mädchens gegen den Rat der Ärzte zu einer Transplantation überreden wollte, bevor die Frage an ihn kam, ob er dem Spender seines Herzens dankbar sei. Frankes Nein stempelte ihn zum Buhmann. Erst später erhielt er die Chance, zu erklären, nicht dem toten Spender, sondern dessen Familie, die schließlich die Zustimmung zur Transplantation gegeben hat, durchaus dankbar zu sein. Als Vorsitzender einer Selbsthilfegruppe Herztransplantierter ging Franke noch in die mittlerweile eingestellte Show "Einspruch". Der Organempfänger landete mit seiner abwägenden Position im Lager der Transplantationskritiker. Als er sich später in der Aufzeichnung sah, beschloss Franke: "Nie wieder Talkshow."

Fliege: Gibt es nicht viele, die sich eine Behandlung bei Ihnen gar nicht leisten können?

Arzt 2: Wir behandeln viele Patienten unentgeltlich.

Fliege: Wovon leben Sie denn? Haben Sie keinen Käse auf dem Brot?

Arzt 2: Das ist fast so. (Applaus) Fliege: Ich weiß zum Beispiel, dass sich der ehemalige Minister Schwarz-Schilling für Ihre Klinik engagiert hat, dass da eine Bürgerinitiative gegründet ist.

Arzt 2: Wir haben in der Region 30.000 Unterschriften für den Erhalt gesammelt. Krebs ist ja tabuisiert in dieser Gesellschaft. Viele Menschen glauben, dass Krebs ansteckend ist.

Fliege: Wie die Aussätzigen vor 2000 Jahren.

Krebs ist nicht nur bei "Fliege" ein Dauerbrenner. Verzweifelte Kranke und ihre Angehörigen sind auch fette Beute für Quacksalber. Der Psycho-Onkologe Ryke Geerd Hamer fand sein Forum in der früheren ORF-Sendung "Help-TV". Hamer überzeugte Olivia Pilhars Eltern, vor der Apparatemedizin zu fliehen, obwohl diese gerade bei Kinderkrebs gute Resultate zeitigt und dem Mädchen mit dem Vier-Liter-Tumor schließlich das Leben rettete. Unbekehrbar, propagiert die damals bekannt gewordene Familie die Hamersche Lehre im Internet.

Auch Manfred von Ardenne blieb trotzig, als Fachzeitschriften seiner so genannten Sauerstoffmehrschritt-Therapie den Abdruck verweigerten. Der DDR-Vorzeigeforscher reiste im Frühjahr 1987 über die innerdeutsche Grenze, absolvierte in kurzer Zeit fünf Auftritte im Westfernsehen und predigte seine Krebstherapie. Darauf kamen 12.000 Zuschriften, so von Ardenne in seinen Memoiren.

Im Fall Nikolaus Klehr sorgte eine Allianz für Publizität. Klaus-Jürgen Wussow, als Chef der Schwarzwaldklinik in der gleichnamigen Serie damals der bekannteste Medizinmann Deutschlands, zog mit dem "verkannten Genie" Anfang der Neunzigerjahre durch die Talkshows, während seine Frau dem Münchner Krebsheiler eine Serie in der Postille "Goldene Gesundheit" widmete. 1996 drehte sich der Wind. Ein "stern"-Journalist nahm Klehrs wunderliche Praktiken aufs Korn. Im Freitagabend-Talk "Nachtcafe" outete sich einer der Gäste als Klehr-Opfer. "Wohlfeile Rezepte für ein besseres Leben sind ein dankbares Thema", räumt "Nachtcafe"-Redakteurin Hildegard Knob ein. "Bei solchen Gästen strengen wir uns dafür besonders an, informierte Gegenstimmen in der Sendung zu haben."

Von Sendung zu Sendung gereicht wird in jüngster Zeit Bestseller-Autor und Vorjogger Ulrich "Forever Young" Strunz. "Mit seinem Fitness-Appell hat er einen Nerv getroffen. Jeder von uns hätte das gerne geschafft", sagt die Salzburger Sportärztin Elisabeth Dalus. "Aber wie er sich verkauft, gefällt mir gar nicht." Von der Vorderfußtechnik überforderte Strunz-Jünger bevölkern ihr Wartezimmer. Teuer zu stehen kommen auch seine Mittelchen. Elisabeth Dalus schüttelt es, wenn sie an die von Strunz propagierten Hormone denkt. "Durch Selbstbehandlung mit Testosteron steigt eher das Krebsrisiko." Und Honig zur Krebsprophylaxe sei purer Humbug. Wahrscheinlich hat der fränkische Fitness-Papst seine besten Tage gesehen. Dalus sieht nämlich mit Grausen den nächsten Megatrend am Talkhorizont: Gesünder durch Faulenzen.

Fliege: Wenn ich mich jetzt frage, was war das Wichtigste in dieser Sendung? (Musik setzt ein.) Ich habe am Anfang von den tausend Menschen gesprochen, die jeden Tag erfahren, dass sie Krebs haben - welche Hoffnung gibt es? Jetzt sind Sie schockiert, isoliert, allein mit Ihrer Krankheit. Wenn Sie das nicht durchbrechen, haben Sie verloren. Aber wenn Sie zu den Menschen gehen, ins Internet, in die Schweiz, ins Lexikon, werden Sie es schaffen. Dieses Wissen ist anzapfbar. Passen Sie gut auf sich auf.

Dietmar Jazbinsek (Hg): Gesundheitskommunikation. Wiesbaden 2000 (Westdeutscher Verlag). 336 S., öS 449, Originalzitate aus der Sendung "Fliege: Krebs - auf der Suche nach Heilung" (ARD, 8. Mai 2001) www.das-erste.de/fliege

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