Dragees und Dollars

Die Wirtschaft investiert nicht aus reinem Wissensdurst vermehrt in die biomedizinische Forschung. Sie will ihre Produkte absetzen. Immer häufiger gerät der Wissenschaftler dadurch in Interessenskonflikte, sein Urteil fällt immer seltener unabhängig aus. Als letzter Hort der Objektivität bleibt paradoxerweise nur noch der Laie.

Adam Bostanci | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

Verlorenes Vertrauen. "So, ich verschreibe Ihnen dieses neue Medikament. Nehmen Sie morgens und abends bitte jeweils zwei Dragees." Mit diesen Worten verabschiedet der Hausarzt seine Patientin. Natürlich vertraut sie ihrem Arzt. Anhand von Publikationen in der Fachliteratur hat der Arzt sich über das umstrittene Mittel informiert und viel Gutes darüber gelesen. Doch kann man der medizinischen Forschung noch glauben, die mehr und mehr von mächtigen Pharmakonzernen finanziert wird?

Eine Auswertung der Fachliteratur zum Thema "Kalzium-Blocker" lässt da Zweifel aufkommen. Über 90 Prozent der Forscher, die den Einsatz dieser Mittel gegen Bluthochdruck empfehlen, haben finanzielle Beziehungen zu den Herstellern, befand 1998 eine Analyse im "New England Journal of Medicine". Unter den Wissenschaftlern, die sich gegen Kalzium-Blocker aussprachen, waren nur 37 Prozent Industrieschützlinge. Die Urteilskraft von Forschern, die von der pharmazeutischen Industrie unterstützt wurden, wurde so infrage gestellt.

Untergraben finanzielle Zuwendungen das Bestreben der Wissenschaftler, im besten Interesse der Patienten zu urteilen? Im traditionellen Verständnis der Wissenschaftlichkeit sah man da keine Gefahr. Man nahm an, dass wissenschaftliche Untersuchungen eindeutige und objektive Ergebnisse liefern - unabhängig von der Geldquelle. Und in gewissem Sinne war das die Definition der Wissenschaftlichkeit.

Doch Richard Smith, Herausgeber des renommierten "British Medical Journal", ist davon nicht mehr überzeugt. Deshalb verlangt er in seinem Fachblatt einen höheren Grad an Transparenz. Vor der Publikation einer Studie müssen die Wissenschaftler auf einem Fragebogen angeben, von welchen Geldgebern sie unterstützt wurden.

"Interessenskonflikte kommen häufig vor, das ist normal", schreibt Smith in seinem Editorial. Geben die Autoren einer Studie potenzielle Interessenskonflikte an, so veröffentlicht er diese in einer kurzen Erklärung unter der wissenschaftlichen Arbeit. Machen die Forscher keine Angaben, dann erscheint lediglich die Notiz: "Interessenskonflikte: keine angegeben". Das Urteil, ob das Ergebnis einer Studie durch deren Geldgeber beeinflusst wurde, bleibt den Lesern vorbehalten.

Objektivität ade. Dieser Schritt zu größerer Transparenz basiert auf der Einsicht, dass das Ideal des unabhängigen Wissenschaftlers nicht mehr haltbar ist. Jeder Wissenschaftler hat persönliche Überzeugungen und finanzielle Beziehungen, die seine Arbeit und seine Urteilskraft mitbestimmen. Ähnlich "positionieren" sich mithin viele Sozialwissenschaftler und gestehen in der Einleitung ihrer Arbeiten offen ein, dass sie einen bestimmten Standpunkt vertreten und aus einer eingeschränkten Perspektive argumentieren. Auch im Bereich der medizinischen Forschung ist eine bescheidenere und ehrlichere Einschätzung der eigenen Urteilskraft angebracht, meinen viele Experten. So warnt die US-Biologin Ruth Hubbard beispielsweise davor, dass die Hersteller von genetischen Tests für die Reproduktionsmedizin einen bestimmten ethischen Standpunkt vertreten und von finanziellen Motiven geleitet werden.

Das gewaltige Interesse der Industrie am Ausgang einer wissenschaftlichen Kontroverse wird auch am Beispiel des passiven Rauchens deutlich. Eine statistische Analyse zeigte, dass 75 Prozent der Artikel, die passives Rauchen als ungefährlich einstufen, von Wissenschaftlern geschrieben wurden, die finanziell von der Tabakindustrie unterstützt worden waren. "Die Tabakindustrie versucht anscheinend, das wissenschaftliche Urteil zu beeinflussen, indem sie die Fachliteratur mit Studien überflutet, die einen entsprechenden Standpunkt vertreten", schreiben die Autoren der Analyse.

Geld lenkt. Doch nicht nur die weithin suspekte Tabakindustrie ist in der Lage, die Wissenschaft in ihrem Sinne zu lenken. Auch in der Molekularbiologie wächst der Einfluss der Industrie. Denn, so das Credo der Forschungspolitik, Forschung soll von der Industrie finanziert werden und Wissenschaft soll sich auszahlen. Doch das hat seinen Preis: Je mehr die Industrie die Forschung finanziert, desto lauter werden die Vorbehalte gegenüber der Objektivität der biomedizinischen Standpunkte, und desto häufiger wird die Bewertung von biomedizinischen Produkten von den Interessen der Industrie gelenkt.

Unabhängige Naturwissenschaftler gibt es also genauso selten wie selbstlose Versicherungsvertreter. Am wenigsten Interessenskonflikte in der Einschätzung wissenschaftlicher Fragen haben dagegen paradoxerweise die Laien. Im Gegensatz zu Politikern, Vertretern der Industrie und Wissenschaftlern ziehen sie in der Regel keinen direkten Nutzen aus einer bestimmten Entscheidung. Sie müssen lediglich mit den Konsequenzen leben.

Deshalb sind Laien seit einigen Jahren in Ländern wie Großbritannien auch in Expertengremien vertreten. Sie tragen als Vertreter der Öffentlichkeit zur Entscheidungsfindung in der Wissenschafts- und Technologiepolitik bei. So organisiert das dänische Board of Technology "Konsensuskonferenzen", bei denen sich Laien vier Tage mit strittigen Themen wie der Reproduktionsmedizin beschäftigen, nach eigenem Ermessen Experten dazu befragen und schließlich einen Bericht für die Öffentlichkeit verfassen.

Konsumentenkontrolle. Leider kann dieses Model nicht auf die medizinische Forschung übertragen werden. Denn hier kristallisiert sich der Konsens oft nur allmählich und in keinem Fall in einem demokratischen Gremium. Doch wenn im Bereich der Wissenschaft der Einfluss der Industrie wächst, so nimmt auch der Handlungsspielraum der Öffentlichkeit wieder zu. Denn die Bürger entscheiden durch ihr Konsumverhalten letztlich, welche Produkte und Aktien gekauft werden und folglich, welche Konzerne Studien finanzieren können.

Adam Bostanci hat in Cambridge/GB Chemie und Wissenschaftsgeschichte studiert und arbeitet nebenbei als Wissenschaftsjournalist. E-Mail: adam.bostanci@planet-interkom.de

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