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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 2/01 vom 16.05.2001

Die Irrwege eines Allergikers: An welch seltsame Orte sie führen! Haben Sie schon einmal von Bioresonanz gehört? Ein Verfahren der Alternativmedizin (schonend, umweltfreundlich, ohne Aggression gegen irgendetwas, und das ist gut, denn Aggressionen sind böse), das der Autor dieser Zeilen vor ein paar Jahren ausprobieren durfte.

Er wurde an Händen und Füßen an Elektroden angeschlossen, und ein großes Gerät, das ein wenig an das rührend klobige Zubehör der ersten Star-Trek-Staffel erinnerte, zeichnete eine Art von Schwingungen aus seinem Körper auf. Was für Schwingungen? Nun ja, Schwingungen eben. Dann wurden ihm Phiolen mit allergenen Stoffen auf die Brust gelegt, in die Nähe des zentralen Chakras, sagte der Arzt, und auf jene Stoffe, die er offenbar nicht vertrug, reagierte das Gerät durch heftigen Ausschlag der Anzeigenadel.

Wie so ein Gerät funktioniere? Der Arzt bedauerte, er wisse es nicht, es sei versiegelt, und wenn man es öffne, würde die Garantie erlöschen. So war er wohl auf seinen Glauben angewiesen, als man ihm zur Bekämpfung einer Pollenallergie alle Milchprodukte verbot: kein Eis, kein Joghurt, keine Butter, vier Monate lang. Es war nicht leicht, wirklich nicht. Beim nächsten Test - sein Heuschnupfen war inzwischen stärker denn je - schlug die Maschine vor, dass er von nun an Honig meiden sollte. Ja, und die Milch? Wieso Milch, fragte der Arzt, ach so, richtig, die könne er jetzt wieder trinken. Beim nächsten Besuch - der Heuschnupfen war wiederum stärker geworden - verbot die Maschine alles aus Weizen. Wie lange, fragte er nun doch etwas besorgt, würde so eine Behandlung eigentlich dauern? Manchmal sehr, sehr lange, sagte der Arzt fröhlich, im Grunde gebe es da keine Grenzen.

Es gab sie aber doch: Er wechselte zurück zur Schulmedizin, und seither geht es ihm wenn auch nicht gut, so doch besser. Die Bioresonanzmethode erfreut sich weiter großer Beliebtheit, wird im Fernsehen empfohlen und von vielen Ärzten angewandt, und das ist gut so. Man muss sich nur vorstellen, sie wären Chirurgen geworden, und schon ist man dankbar.

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