Alma M. soll mündig werden

Die österreichische Universität befindet sich im Dauerstress. Das Hochschulsystem soll auf allen Ebenen grundlegend umgebaut werden. Ob man sich da nicht etwas zu viel zumutet? Aber vielleicht ist innehalten ja viel riskanter. Eine Bestandsaufnahme der Reformprojekte und Konfliktlinien.

aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Alma Mater. Die Universität ist nach der katholischen Kirche die älteste Institution der westlichen Welt. Der Nationalstaat, die moderne Demokratie oder die freie Marktwirtschaft sind im Vergleich dazu noch recht grün hinter den Ohren. An den Hohen Schulen scheint die Tradition noch immer allgegenwärtig: Man organisiert sich in Kurien, spricht sich mit Spectabilis und Magnifizenz an und verwaltet das Geld in der Quästur.

Für akademische Verstaubtheit und elfenbeinerne Weltferne soll aber im Zeitalter der Globalisierung und des sich verschärfenden internationalen Wettbewerbs, wie unsere Gegenwart gerne beschrieben wird, kein Platz mehr sein, damit keine Zeit mehr verloren wird. Die Universitäten sollen schließlich das Know-how für die Zukunftsfähigkeit des Landes bereitstellen.

Die Zeichen stehen also auf Reform, dies aber nicht erst seit heuer. Über lange Jahrzehnte herrschte zwischen der Ministerialbürokratie und den Universitäten eine notorische Hassliebe, wie man sie allenthalben von problematischen Eltern-Kind-Beziehungen kennt. Die Kinder (also die Universitäten) fühlten sich von der strengen Aufsicht der Eltern gedemütigt. Sie revoltierten gegen alle "Erziehungsmaßnahmen" der Parentalbürokratie. Seit mindestens einem Jahrzehnt, seit den Anfängen des UOG '93, feilen die Ministerialbeamten vom Minoritenplatz nun an Konzepten, die die Universitäten in die Autonomie leiten sollen. If you love somebody set them free. Fragt sich nur wie.

Der Weg ist das Problem. Das Ziel der Vollrechtsfähigkeit der Universitäten als solches steht mittlerweile weitestgehend außer Streit. Zuständigkeit und Verantwortung sollen auf derselben Ebene konzentriert, Gestaltungsfreiräume geschaffen werden. Wie lange dieser Prozess dauern soll - die Politik visiert bereits den Herbst 2002 an - und welche Vorbedingungen erfüllt sein müssen, wird hingegen heftig debattiert. Von seiten des Staates wird argumentiert, dass man die notwendigen Rahmenbedingungen wie das neue Dienstrecht (dazu ausführlich auf den Seiten 5-7), die äußerst kontroversiellen Studiengebühren und die "Flurbereinigung" der Institutslandschaft vor der Entlassung in die Autonomie schaffen müsse. Von Universitätsseite wird dagegen gehalten, dass durch das Schaffen von Gesetzen und Fakten die erst noch zu realisierende Vollrechtsfähigkeit bereits im Vorhinein eingeschränkt würde. Der josephinische Vater will nicht recht loslassen, und wenn, dann nur unter Bedingungen, die er vorgibt.

Weil die österreichische Rektorenkonferenz den eingeleiteten Planungsprozess eher als Zwangsbeglückung erfährt, hat man etwa kurzerhand eine eigene Arbeitsgruppe zur Strukturplanung und Profilbildung eingesetzt. Parallelaktionen sind hierzulande nichts Neues, und dieser Wettbewerb der Ideen mag durchaus Früchte tragen. Bisher zeigt er aber vor allem eines: das Nochmündel Alma M. tut so, als ob es schon volljährig wäre, oder auf rektorendeutsch: Man möchte Subjekt, nicht Objekt der Reformen sein.

Das liebe Geld. So gern man aber bereits jetzt die Vollrechtsfähigkeit punkto Selbstorganisation einübt, so überaus bedenklich erscheinen den Uni-Leitern deren finanzielle Folgen. Die Tochter will frei sein, fürchtet sich aber auch vor der zu übernehmenden Verantwortung. Einig ist man sich mit dem Ministerium nur darin, dass autonome Universitäten mehr Geld benötigen werden. Wie viel es sein wird und woher es kommen soll - diesbezüglich gehen die Meinungen weit auseinander. Die Rektorenkonferenz fordert eine bedarfsgeprüfte Startausstattung, die etwa Sozialkapital für Pensionsrückstellungen berücksichtigt.

Experten aus dem Universitätsmanagement warten mit der frohen Kunde auf, das sich die Folgekosten der Vollrechtsfähigkeit schlicht nicht vorhersagen lassen. Aufgrund der völlig neuen privatrechtlichen Rechtsmaterie enthält die Budgetrechnung zu viele Unbekannte, die von Fragen der Gebäudeversicherung bis hin zu variablen Gehältern für qualifiziertes Personal reichen.

Strukturreform. Die angestrebte Autonomie soll der Universität einen Gestaltungsspielraum verschaffen, der ihr eine individuelle Profilbildung (Forschungsschwerpunkte, Personalentwicklung etc.) ermöglicht. Das klingt gut, bedeutet aber in praxi eine innere Umstrukturierung mit zahlreichen Schnitten, die ohne eine zentrale Schaltstelle nur schwer denkbar ist. Machtkonzentration an einer geht mit Machtentzug an vielen anderen Stellen einher. Punkto Neugestaltung der Entscheidungsebenen verläuft die Konfliktlinie weniger zwischen Universitäten und Ministerium als innerhalb der Alma Mater selbst.

Die Universität Wien etwa bringt es mit 172 Instituten, hundert Studienkommissionen, acht Fakultäten und einem Senat (siebzig Mitglieder!) auf fast 300 Gremien. Kaum ein Akademiker, der nicht über die hohe Zeitbelastung durch die zahlreichen Sitzungen stöhnt, deren Sinn oder zumindest Effizienz vielen fragwürdig scheint. Kommt die Rede allerdings auf die Straffung der Entscheidungsmechanismen, auf die Verlagerung von Kompetenzen auf übergeordnete Leitungsebenen, wittert der Homo academicus einen Anschlag auf seine verbrieften Mitbestimmungsrechte. Dass sich die schwerfälligen Gremien eher zur Organisation von Widerstand denn zur Entwicklung von Konzepten eignen, ist die andere Seite dieser "basisdemokratischen" Medaille.

Verschlanken? Kosten-Leistungs-Rechnung, Management, Personalentwicklung - die Schlagworte der gegenwärtigen Reformdiskussion suggerieren die Mutation der Universität hin zu einem nach modernsten marktwirtschaftlichen Kriterien geführten Betrieb. Diese allzu geistlose Beschreibung ruft entschiedene Gegner auf den Plan, die aber letztlich derselben Null-eins-Logik folgen. Die Universität ist ein/kein Wirtschaftsunternehmen.

Aber die Universität ist eine Einrichtung sui generis, und das wird sie auch nach dem Reformmarathon bleiben. Definition gefällig? Wie wäre es mit der Universität als öffentlich-akademischem Unternehmen, dessen Zielsetzung nicht primär die Geldmaximierung ist? Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten funktionieren For-Profit-Unis nur in sehr begrenzten Bereichen. Und der Versuch, Manager aus der Wirtschaft mit der Leitung einer Universität zu betrauen, ist in den USA kläglich gescheitert. Den dynamischen Uni-Manager gibt es zwar - gerade hat Wolf-Dietrich von Fircks auf dem Rektorsessel der Veterinärmedizinischen Universität Platz genommen (s. S. 8-9). Aber dieser erfolgreiche Typus kommt aus dem akademischen Bereich selbst, weil er ohne intime Kenntnisse der inneren Verfasstheit der Hochschule auf verlorenem Posten stünde.

Nosce te ipsum. Gerade die Erlangung dieser intimen Kenntnisse erweist sich aber als schwierig. Die Universität ist nach wie vor die zentrale Institution zur Erzeugung von Wissen. Der altehrwürdige Körper der Alma Mater Austriaca selbst ist hingegen übersät mit weißen Flecken. Am deutlichsten tritt dies in der Frage der Qualitätskontrolle zutage. Fast zwei Drittel aller Gelder, die der österreichische Staat für die Wissenschaft ausgibt, gehen an die Universitäten (s. dazu S. 12-13). Und zwar ohne systematisch zu kontrollieren, was damit geschieht und welcher Output damit erzielt wird. Im Rahmen der Vollrechtsfähigkeit soll sich das durch so genannte Leistungsverträge mit dem Staat ändern.

Endlich, möchte man meinen. Doch Kritiker des Reformprozesses bezeichnen diesen als überhastet, vieles sei überstürzt eingeführt worden, man habe sich keine Zeit für kontrollierte Gehversuche genommen und sei der Komplexität der Materie nicht gerecht geworden. Speed kills. Befürworter hingegen finden, dass man sich, ganz im Gegenteil, viel zu lange Zeit gelassen habe und nun keine mehr zu verlieren sei. Während ringsherum der europäische Hochschulraum bereits erste Formen annehme (s. S. 14), im benachbarten Ausland bereits viele Universitäten autonom seien, müsse nun auch Österreich den großen Sprung nach vorne wagen, anstatt weiterhin zaghaft zu trippeln. Droht eine Kindesweglegung oder gelingt endlich die Emanzipation?

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