Der Modell-Uni-Manager

Wolf-Dietrich von Fircks ist seit 1. März dieses Jahres neuer Rektor der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Wie kein anderer seiner Kollegen verkörpert der deutsche Jurist den Universitätsmanager der Zukunft, der nicht nur für vollrechtsfähige Universitäten plädiert, sondern auch dafür, dass sie in Konkurs gehen können.

Text: Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Transparenz ist angesagt. Zu den ersten Aktionen des neuen Rektors der Veterinärmedizinischen Universität Wien zählte es, Einblick zu verschaffen. Und zwar ins eigene Büro am neuen Universitätsgelände im 21. Bezirk, das erst vor wenigen Jahren bezogen wurde. Wolf-Dietrich von Fircks entfernte alle Vorhänge in seinem Zimmer, um klarzustellen, dass von nun an größtmögliche Transparenz angesagt ist. Dass am späten Nachmittag die tief stehende Sonne schon einmal blenden kann, wird in Kauf genommen.

Transparenz ist nur einer der Begriffe, die immer wiederkehren, wenn der gelernte Jurist und leidenschaftliche Universitätsverwalter über seine Vorstellungen von der idealen Universitätsorganisation spricht. Von Win-win-Situationen ist da die Rede, von Spin-offs und Profit-Centers, von Synergieeffekten und optimierenden Randbedingungen. Und immer wieder von der Vollrechtsfähigkeit.

Die war letztendlich auch der Grund, weshalb es den 1948 in Göttingen geborenen von Fircks nach Wien/Floridsdorf verschlagen hat: "Mich interessiert dieses Reformprojekt sehr. Auch deshalb, weil die diesbezüglichen Vorstellungen der österreichischen Rektorenkonferenz weitgehender sind als in den meisten deutschen Bundesländern." Ja, auch mit einer Umwandlung der Universitäten in eine GmbH. - oder besser: eine Aktiengesellschaft - könne er sich anfreunden.

Eine Modell-Uni-Karriere. Spricht da ein fachfremder Unternehmensberater, der aus einer Universität mit einer über 200-jährigen Tradition von heute auf morgen einen Wirtschaftsbetrieb machen will? Nein. Denn dazu ist der neue Vetmed-Rektor schon zu lange und zu erfolgreich im Universitätsverwaltungsgeschäft tätig. Der studierte Jurist mit Zusatzqualifikationen in Psychologie und Betriebswirtschaftslehre hat zwar zunächst kurz als Rechtsanwalt und Notar gearbeitet, wollte aber schon sehr bald im Bildungsbereich mitgestaltend tätig werden.

Seine erste Stelle in der Hochschulverwaltung hatte von Fircks an der Universität Kiel. Von 1976 bis 1985 war er dann am Aufbau der Gesamthochschule Wuppertal mitbeteiligt - damals ein Referenzprojekt für die Veränderung der Hochschulen in Nordrhein-Westfalen. Nach einer Zwischenstation in der Düsseldorfer Staatskanzlei, wo er für den heutigen deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau den "Jugendpolitischen Dialog" organisierte, half er in Hildesheim als Kanzler bei der Gründung einer kommunikationswissenschaftlichen Universität. Von dort ging er 1991 an die Universität Oldenburg, die als hochschulpolitisches Modellexperiment Furore machen sollte: Unter von Fircks als Kanzler - der an deutschen Unis für alle nichtwissenschaftlichen Angelegenheiten zuständig ist - wurde die Universität als erste in ganz Deutschland zum Landesbetrieb mit kaufmännischer Buchführung umgestellt. Vorletzte Hauptstation seiner bisherigen Karriere war die Freie Universität (FU) in Berlin. Dort stand man nach der Wiedervereinigung vor dem Problem, dass nun auch die (Ost-)Berliner Humboldt-Universität bei annähernd gleichbleibendem Budget mitfinanziert werden musste. Da gelang von Fircks die Zusammenlegung etlicher "doppelter" Institute der FU und der Humboldt-Uni, aber auch die Umstellung vom Beamtendienstrecht auf privates Dienstvertragsrecht.

Spin-offs und Patente. Wuppertal, Oldenburg und Hildesheim - das wären alles Lebenszeitpositionen gewesen. Doch der fünffache Vater mit Privatwohnsitz in Berlin sah solche Stellen immer als Projekte: "Ich mache das vier bis sechs Jahre lang und will in der Zeit das und das erreichen. Danach muss man weitersehen, ob ich das der Einrichtung und mir selbst antun will, weiterzumachen. Das war immer meine Grundeinstellung." Entsprechend hätte er als Rektor in Wien auch einen Leistungsvertrag akzeptiert - also mehr Lohn, wenn es ihm gelingen sollte, die Studiendauer zu senken, die Absolventenquote oder den Anteil an Drittmitteln zu erhöhen. Und entsprechend weniger, wenn nicht. "Das war aber als Gedanke völlig fremd, was schade ist, weil es mir auch intern zusätzliche Argumente verschafft hätte."

Auf die Veterinärmedizin war von Fircks in Berlin anlässlich der Zusammenlegung der beiden entsprechenden Bereiche an der FU und an der Humboldt-Universität gestoßen. Der neue Vetmed-Rektor, der bei einem Rundgang am Wiener Uni-Gelände die Eigenarten der tierischen Patienten fachkundig erläutert, konnte in der Berliner Veterinärmedizin noch andere Erfolge verbuchen: "Es ging darum, aus der Uni heraus Spin-off-Firmen zu unterstützen und marktgängig zu machen. Das ist mir gelungen. Eine Firma ist auch sehr erfolgreich an die Börse gegangen. Die Mitarbeiter wurden damals von der Uni bezahlt, und die Firma hat ein komplett neues Labor gebaut, das nach vierjähriger Nutzung an die Universität ging. Andererseits konnte die Firma die Patente nutzen."

Damals war es freilich noch nicht möglich, dass sich die Universität selbst an einer Firma beteiligen oder selbst Firmen gründen könnte. "Auf meine Initiative ist das Gesetz so geändert worden, dass das inzwischen auch möglich ist. Das wäre auch ein Ziel hier in Österreich." Auch Versuche, die Uni zur Mitinhaberin von Patenten zu machen, seien damals noch gescheitert. Doch auch in Österreich ist es für den neuen Rektor "eine außerordentlich spannende Frage, wie wir selbst die Patentrechte wahrnehmen können. Bis jetzt lässt der Bund seine Rechte leider verfallen."

Vorbild Dänemark. Für den erfahrenen Uni-Manager ist Deutschland im Übrigen kein Vorbild für die österreichische Universitätsreform. "Für mich sind Dänemark oder die Niederlande viel bessere Modelle, weil die viel früher auf die Eigenverantwortung der Universitäten gesetzt haben." In Deutschland herrsche immer noch dieses bürokratische Misstrauensprinzip, während sich in Dänemark die Entbürokratisierung tatsächlich durchgesetzt habe.

"Dort gibt es das Taxametersystem, das heißt nur eine ganz kleine Grundfinanzierung und einen Vorschuss auf die erwartete Zahl der Absolventen und Forschungsprojekte. Alles andere wird nach den Leistungen der Universität berechnet - nach der Anzahl der Abschlüsse und Prüfungen etc. Und es gibt keine dänische Universität, die nicht sagt: ,Gott sei Dank!'" Vorbildlich sei auch, dass das gesamte dänische Universitätsrecht nur mehr drei Seiten umfasse und die kleinste Bürokratie im Verhältnis zur Zahl der Wissenschaftler habe.

Was die österreichischen Universitätsreformen angeht, hat von Fircks eine klare Vorstellung, und die heißt Vollrechtsfähigkeit ohne Wenn und Aber - freilich mit genau festgelegten Rahmenbedingungen. "Vollrechtsfähigkeit ist ein bisschen wie die Abschaffung der Leibeigenschaft. Als diese dann abgeschafft war, standen die vormals Leibeigenen auch ohne alle Rechte und ohne Schutz da." Deshalb müsse es definierte Rahmenbedingungen geben, damit die Betroffenen bereit sind, bei den Veränderungen mitzugestalten.

Uni im Konkurs. Das josephinische System in Österreich bzw. das kameralistische in Deutschland hingegen habe eher diejenigen belohnt, die nicht bereit waren, mitzudenken: "Am besten war es, so zu wirtschaften, dass man im Oktober kein Geld mehr hatte - weil den Unis dann zumeist vom Staat geholfen wurde. Wenn man etwas billiger machte, als es vorher war, dann wurde das ersparte Geld abgezogen. Es lohnte also überhaupt nicht, die Uni effizienter zu machen. Sondern es lohnte eher, durch Bettelbriefe zusätzliche Mittel aufzustellen. Das korrumpiert natürlich."

Deshalb müsse man die Vollrechtsfähigkeit auch mit allen Konsequenzen umsetzen - auch für die Universitäten. Denn sonst könne das dazu verführen, die Erfolge behalten und die Probleme, die entstehen, nicht selbst lösen zu wollen. "Warum soll man die Mühe auch unangenehmer Entscheidungen auf sich nehmen, wenn es auch anders geht?"

Deshalb meint von Fircks auch, dass Universitäten durchaus in der Lage sein müssten, in Konkurs zu gehen. "In England ist das ja so. Da sind einige Unis aufgelöst worden, weil sie schlecht gewirtschaftet haben. Sie haben sich dann mit einer anderen Einrichtung zusammentun müssen, um die eigenen Schulden zu bezahlen." Und was ist mit den Studierenden einer bankrotten Universität? "Es gibt einen Konkursverwalter bzw. Kooperationspartner, der dafür sorgt, dass alle Studierenden ihren Abschluss machen können. Da ist noch kein Student zu Schaden gekommen."

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