"Das kenne ich nur von der DDR"

Österreich soll attraktiver werden für Forscher mit fremdem Reisepass. Wie ergeht es ausländischen Wissenschaftlern, die bereits hier leben und lehren? Was sagen sie zu den österreichischen Universitäten und ihren Reformen? Und was halten Sie von den hiesigen Studierenden? Fünf Stellungnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Protokolle: Nina Horaczek | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

"Als 1998, kurz nachdem ich nach Wien gekommen bin, alle habilitierten Dozenten ohne weitere Leistungsüberprüfung zu Professoren ernannt wurden, da blieb mir die Spucke weg. Viele haben sich dies redlich verdient, aber ich bin halt Amerikaner, tut mir leid! Für die Möglichkeit einer "durchgängigen Karriere" bin ich sehr wohl, aber bei uns heißt es ,up or out'. In den USA ist es unmöglich, lebenslang auf einer Einsteigerposition zu bleiben. Die Leistung wird im "Tenure-Jahr" intern und extern beurteilt, und zwar mit einer Strenge, die in Österreich nie erreicht wird. Wir verdienen uns den Aufstieg und haben ihn nicht ersessen.

Der zupragmatisierte Mittelbau hier auf der Uni, das war wirklich ein Schock, das kenne ich nur von der DDR. Dafür sind die Studenten hier anders als etwa in Berlin, die sind nicht so frech und lesen sogar englische Texte, die haben richtig Respekt vor der Autorität der Professoren. Dafür heißt es hier: ,Stell mir keine Fragen, sondern gib mir die Antworten!' Manche würden wohl am liebsten die Meinungen des Professors auswendig lernen.

Aber das ist nichts spezifisch Österreichisches, das kenne ich auch von der University of Iowa. Die hiesigen Strukturprobleme sind denen auf den staatlichen Unis in den USA sehr ähnlich. Die Universität Wien sollte sich nicht mit Harvard vergleichen, das fände ich vermessen, sondern mit den staatlich subventionierten Unis in den USA. Denn die haben die grundsätzliche Doppelaufgabe der staatlichen Universitäten erkannt: nämlich erstklassige Forschung und breitest mögliche Massenausbildung nicht als Gegensatz zu sehen, sondern möglichst kreativ miteinander zu verbinden. In Österreich läuft es zu sehr auf eine Gegensätzlichkeit hinaus. Die einen wollen elitäre Forschung und betrachten Massenausbildung als notwendiges Übel, die anderen verdammen die Spitzenforschung als zu elitär. Dabei wäre es gar nicht nötig, die Frage so zu polarisieren aber Amerikaner in Wien werden ja nicht gefragt."

Mitchell Ash, US-Amerikaner und ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Wien, hat zuvor an der University of Iowa und an der Freien Universität Berlin unterrichtet.

"Wien ist ein prestigeträchtiger Ort für Architekten. Deshalb kommen wohl so viele Gastprofessoren, obwohl wenig bezahlt wird. Der Schock tritt erst dann ein, wenn man merkt, wie viel Steuern vom Gehalt abgezogen werden. Was mich am meisten überrascht hat, ist, dass man sich als Gastprofessor das Gehalt aushandeln muss. Das kenne ich von keinem anderen Land. Ausländer sind da in einer schwierigen Position: Erstens weiß man nicht, was man alles verhandeln muss. Und zweitens hat man keine Ahnung, wie hoch die Gehälter üblicherweise sind.

Jetzt gibt es zumindest schon Verträge auf Englisch, damals war alles nur auf Deutsch. Aber auch die Ausstattung ist ganz anders als in den USA. Und die Einführung der Studiengebühren wird den Studierenden auch nicht helfen, sondern ist eine Strafe.

In Chicago hatten die Studenten eigene Arbeitsräume, hier arbeiten alle zu Hause. In den USA konnte ich jede Woche zwei Stunden mit jedem Studenten über seine Entwürfe sprechen, hier wäre das unmöglich, die Universität ist zu groß. Es gibt an der Architekturfakultät nicht mal eine Bibliothek, die diesen Namen verdiente. Da habe ich fast mehr Bücher zu Hause. Und unser Bücherbudget ist so minimal, dass ich meine eigenen Bücher aufs Institut gestellt habe. Jetzt stehlen mir die Studenten meine Bücher, und ich muss sie permanent nachkaufen.

Also ich weiß nicht, wie lange ich es mir noch leisten kann, hier zu bleiben. Dafür konnten wir in den letzten drei Jahren einiges erreichen, denn Architekturtheorie und Gender-Studies sind jetzt Pflichtfächer. Und trotz allerlei finanzieller Schwierigkeiten haben bei uns auch einige international anerkannte Gastprofessoren unterrichtet. So können wir fast dieselben Lehrveranstaltungen anbieten wie die teuren US-Architekturschulen. Etwas gibt es nur in Österreich: Ich kenne kein anders Land, in dem die Universität so froh ist, Ausländer als Unterrichtende zu haben."

Kari Jormakka, Finne, leitet seit drei Jahren das Institut für Architekturtheorie an der TU Wien. Er hat zuvor an der TU Tampere, an der Bauhausuniversität in Weimar und an der University of Illinois in Chicago gelehrt.

"Ich hatte schon länger am Institut für Wirtschaft und Ökologie an der Universität von St. Gallen gearbeitet, und da war es an der Zeit, einen weiteren Schritt zu tun. Deshalb habe ich mich für die Vertragsprofessur für nachhaltige Entwicklung an der Universität für Bodenkultur beworben: eine hoch interessante Aufgabe an der Schnittstelle Forschung-Lehre-Politikbegleitung! Diese Professur beruht auf einem Vertrag zwischen dem Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft und der Boku. Dass ein Ministerium eine Professur für jemanden finanziert, die sich mit dem Querschnittsthema Nachhaltigkeit zu beschäftigen hat, das finde ich schon spannend.

Das wäre in der Schweiz (noch) nicht möglich. Dafür ist bei uns die unternehmerische Seite stärker ausgeprägt: In der Universität St. Gallen arbeiten die Institute mit bis zu achtzig Prozent Drittmittelfinanzierung. Da lernt man die "Regeln der Kunst", wie man trotzdem seine Unabhängigkeit bewahren kann.

Dafür zählt hier in Wien der Faktor Mensch sehr viel, das merke ich oft. Ich brauche nur zwei Wörter zu sagen, und schon ist klar, dass ich Schweizer bin, und ich habe sofort Kredit bei den Leuten, weil sie sich denken, der versteht ohnehin nichts. Nur eines musste ich erst lernen: Die Bedeutung der Titel, die ist hier schon ganz anders.

In der Westschweiz werden Studenten als Mitforscher gesehen, da ist man ziemlich schnell per Du. Je weiter man Richtung Osten geht, desto hierarchischer wird es. Bei uns in St. Gallen geht es zwar auch nicht so locker zu wie in der Westschweiz, aber so exakt wie in Wien kenne ich das nirgendwo. Da kann es am Anfang schon einige Male passiert sein, dass ich jemanden beleidigt habe - ohne es überhaupt zu bemerken."

Jürg Minsch ist Ökonom, kommt aus der Schweiz und unterrichtet und forscht seit einem Jahr als Professor für "nachhaltige Entwicklung" an der Boku in Wien.

"Das Hauptproblem von Professoren in meinem Land ist, dass wir einfach nicht überleben können. Das Gehalt ist viel zu klein. Deshalb arbeiten alle noch nebenbei. Ich hatte fünf Jobs, bevor ich letztes Jahr als Gastprofessor nach Wien kam: Ich habe unterrichtet, war Chefredakteur einer Kulturzeitschrift, eine Zeit lang Berater des Präsidenten Rumäniens in Sachen Kultur und Unterricht, war in Arbeitsgruppen des Unterrichtsministeriums und auch sonst noch beratend tätig.

Auch für unsere Studenten ist es härter: Wir haben einen Numerus clausus, und deshalb bereiten sich die Studenten noch während der Schulzeit mit Privatstunden auf die Aufnahmeprüfung vor. Wer sich keine Nachhilfestunden leisten kann, ist benachteiligt. Denn alleine auf der philologischen Fakultät bewerben sich durchschnittlich sechs Personen pro Studienplatz. Auf der Medizin oder im Juridicum sind es bis zu zwanzig. Hier in Wien fühle ich mich mit nur einem Job fast schon so, als ob ich in Pension wäre.

Dabei gibt es auch hier einiges zu tun: Durch die Universitätsreform und die Studiengebühren sind die kleineren Fächer auf unserem Institut ziemlich gefährdet. Wir versuchen zu beweisen, dass es sinnvoll ist, auch die kleineren Fächer weiter zu unterstützen, obwohl das im Moment ziemlich schwer ist, weil alles marktorientiert sein soll. Das ist schon in Ordnung, man muss es aber wirklich nicht übertreiben.

In Professor bin ich in der privilegierten Lage, mir meine Zeit frei einteilen zu können. Außerdem bin ich froh, Tag und Nacht Zugang zum Institut zu haben und Bücher lesen zu können, die in Bukarest nicht vorhanden sind. Ich unterrichte aber trotzdem lieber zu Hause. Das Niveau ist höher, da die Studierenden Muttersprachler sind. Viele Wiener Studenten lernen erst auf der Universität Rumänisch, wir müssen hier auch das unterrichten, was bei uns die Kinder in der Volksschule lernen. Dennoch empfinde ich meine derzeitige Arbeit als eine Herausforderung."

Liviu Papadima, Professor für rumänische Literaturwissenschaft an der Universität Bukarest, ist seit einem Jahr Gastprofessor am Institut für Romanistik.

"Das Unterrichtsministerium in China hat mich ausgesucht. Ich wurde von verschiedenen Experten geprüft und war schließlich eine von 35 Professoren, die zum Unterrichten ins Ausland durften. Es ist das erste Mal, das ich mein Land verlassen habe.

Was mir nach drei Jahren auffällt, ist, dass ich bis heute nicht weiß, was die Studenten machen, wenn sie nicht studieren. Auf meiner Universität ist das anders: Bei uns teilen sich acht Studenten ein Zimmer, sie lernen und leben gemeinsam. Und sie müssen sehr fleißig und diszipliniert sein, denn wer nach vier Jahren nicht mit seinem Studium fertig ist, kriegt kein Diplom. Deshalb lernen die meisten bis Mitternacht und müssen um sechs Uhr aufstehen, um gemeinsam Sport zu machen. Hier arbeiten viele Studenten nebenbei, in China ist das nicht erlaubt. Dabei zahlen unsere Studenten viel mehr: Das Studium kostet etwa 20.000 Schilling pro Jahr. Dafür brauchen sie die Universität überhaupt nicht zu verlassen. Der Campus in meiner Uni ist wie eine eigene kleine Stadt: Es gibt Bibliotheken, Banken, Geschäfte, ein eigenes Krankenhaus, Clubs und Lokale.

In Wien kommen die Studenten nur zum Unterricht und verschwinden dann wieder. Dafür haben mir die Studenten und auch meine Kollegen vom Institut hier sehr geholfen, denn gerade am Anfang war es ziemlich schwer. Ich konnte kein Deutsch und musste immer andere um Hilfe fragen. Deutsch kann ich bis heute nicht, weil alle mit mir Englisch oder Chinesisch sprechen. Dafür habe ich hier viele Freunde gefunden. Vor allem meine Studenten werde ich sehr vermissen. Ich weiß nicht, ob ich nochmals kommen werde. Wenn ich die Genehmigung vom Ministerium bekomme, gehe ich vielleicht wieder ins Ausland. Dann aber woanders hin, vielleicht in die USA. Ich bin zwar sehr glücklich hier, aber schließlich möchte ich auch noch etwas anderes kennen lernen."

Yanhua Zhang von der Universität von Jihan in der Nähe von Bejing ist seit drei Jahren Gastprofessorin am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien.

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