Von Portugal nach Polen

Europa soll zusammenwachsen, auch im universitären Bereich. Bereits 35 Länder bauen gemeinsam am europäischen Hochschulraum. Harmonisierung, Transparenz und Qualitätssicherung sind die Ziele, ein allzu einheitlicher Bildungsbrei soll vermieden werden.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Den europäischen Hochschulraum gab es bereits einmal. In der frühen Neuzeit hörte man Anatomievorlesungen in Leiden oder ging zum Theologiestudium nach Genf, der Pole Kopernikus studierte in Krakau, Bologna, Padua und Ferrara - dank Latein verstand man sich. Von Schwierigkeiten bei der Anrechnung universitärer Leistungen ist aus dieser Zeit nichts bekannt.

Die Moderne hat den fahrenden Scholaren mit ihren nationalen Studienarchitekturen nicht wenige Steine in den Weg gelegt. Doch das soll sich nun ändern, die Initiative haben ausgerechnet die europäischen Nationalstaaten selbst ergriffen. Zu Beginn stand 1998 die Pariser Sorbonne-Deklaration, unterzeichnet von lediglich vier großen Nationen. Ein Jahr später saßen in Bologna bereits 29 Bildungsminister an der europäischen Tafel, bei der Nachfolgekonferenz in Prag im vergangenen Monat waren es schon 35.

Verbindende Motivation war die Einsicht, dass man beim Kampf um die besten Köpfe nicht weiter ins Hintertreffen geraten dürfe, in Deutschland zum Beispiel war die Zahl ausländischer Studierender merklich zurückgegangen. "Die immaterielle Infrastruktur, um als Wirtschaftsraum gegenüber den USA oder Ostasien bestehen zu können, ist dringend notwendig", mahnt etwa der im Wissenschaftsministerium für den Hochschulbereich zuständige Sektionschef Sigurd Höllinger. Zumal auch immer mehr US-Universitäten auf den europäischen Bildungsmarkt drängen, sei es in virtueller Form (Fernstudium) oder als physischer Ableger mit mehr oder weniger klangvollem Namen.

Nun bastelt man also an einem europäischen Hochschulraum für das 21. Jahrhundert, und im Jahre 2010 soll er bereits fertig sein. Das Besondere am so genannten Bologna-Prozess: Weder die EU, noch der Europarat, noch die UNESCO noch sonst eine supranationale Organisation dienen als Rahmen. Zum Missfallen der Brüsseler Bürokraten wurde in Bologna gestichelt, dass eine entsprechende Initiative innerhalb der EU nie so schnell gediehen wäre.

Ziel ist die Harmonisierung der nationalen Studienarchitekturen. Dazu werden verschiedene Instrumente entwickelt, die die wissenschaftliche Mobilität steigern und gleichzeitig die akademische Qualität gewährleisten sollen.

3/5/8 (Studienjahre). Die Diplomstudien werden auf ein dreistufiges Modell mit Bakkalaureat, Magister und Doktorat umgestellt. In Österreich etwa werden noch im Herbst 17 neue Bakkalaureatsstudien eingerichtet.

ECTS. Das "European Credit Transfer System" ist ein Kreditpunktesystem, das Studienleistungen vergleich- und vor allem auch übertragbar macht. An der Universität Wien ist dieser Bildungs-Euro bisher nur an einigen Instituten zu haben, während er an der TU Graz bereits flächendeckend eingeführt ist.

Lehrplanharmonisierung. Ein gemeinsam abgestimmtes Curriculum ermöglicht es, den ersten Studienabschnitt zum Beispiel in Salzburg und den zweiten in Stockholm zu absolvieren, ohne inhaltliche Überschneidungen bzw. Lücken fürchten zu müssen. Österreichische Studierende gelten zwar im europäischen Vergleich als immobil, aber auch hier gehen die Zahlen nach oben. Von den Hochschulabgängern des Jahres 1998/99 haben bereits über dreißig Prozent einen bezuschussten Auslandsaufenthalt vorzuweisen.

"Diploma Supplement". Eine Beschreibung der Inhalte des Studienabschlusses macht transparent, welche Leistungen erbracht wurden, wie viel Praxis inkludiert war etc. Damit will man auch der Gefahr begegnen, dass Diplome keinen realen Wert haben.

Kritiker befürchten eine Verschulung der Bildung, einen Verlust der Vielfalt der europäischen Hochschullandschaft und eine Einschränkung der nach Autonomie strebenden Universitäten. "Freilich wäre es toll, wenn die Initiative von den Hochschulen selbst ausgegangen wäre, aber für so ein großes Projekt bedarf es der Politik", relativiert Ada Pellert, Hochschulforscherin und Vizerektorin der Universität Graz diesen letzten Kritikpunkt, fügt aber hinzu: "Dies bis 2010 erreichen zu wollen, ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, zumal dieser Prozess etwa in Österreich mit der kräftezehrenden Umstellung auf die Vollrechtsfähigkeit zusammenfällt." Vielleicht war zu Zeiten von Erasmus, Kopernikus & Co. doch alles ein bisschen weniger komplex.

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