Die Universität neu denken

Die Central European University in Budapest feiert heuer ihr zehnjähriges Bestehen. Mit Yehuda Elkana steht ihr ein Rektor vor, der neben Organisationstalent auch eine Vision für die Universität des 21. Jahrhunderts hat: weg vom Universalismus hin zu einem lokalen Realismus, der Widersprüche zulässt.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Im Herbst 1999 wurde der israelische Wissenschaftsphilosoph Yehuda Elkana zum Rektor der Central European University (CEU) in Budapest gewählt. "Ich habe 700 Gesichter gesehen, die aus einer postkommunistischen Welt kommen. Die wollen ernsthaft studieren und ihren eigenen Ländern helfen. Das hat mich sofort erobert."

Bedenken, an den Ort zurückzukehren, von dem er 1944 als Zehnjähriger nach Auschwitz deportiert wurde, hatte Elkana nicht. "Ich möchte nicht behaupten, dass ich als Philosoph aus dem Konzentrationslager gekommen bin, aber mit 16 habe ich beschlossen, dass ich diese Welt verstehen möchte und dass man dazu Geschichte, Philosophie und Soziologie des Wissens braucht." Dazu bedürfe man wiederum der Wissenschaft, weshalb er insgesamt elf Jahre Mathematik, Physik und Biologie studiert hat. "Ich war nicht sehr gut dabei. Alle haben gedacht, das wird ein ewiger Student, der nichts taugt."

Dann aber hat Elkana in Rekordzeit promoviert, in Harvard unterrichtet und in Israel mehrere Institute für Wissenschaftsphilosophie und -geschichte aufgebaut; von 1995 bis 1999 war er Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Und schließlich wurde aus dem Emeritus ein Rektor. "Nach zwanzig Minuten Gespräch war klar, dass wir uns gegenseitig wollen." George Soros, der amerikanisch-ungarische Finanzmagier und Gründer der CEU, gibt eine halbe Million Dollar im Jahr für seine Vision von Demokratie und offener Gesellschaft in Osteuropa aus. Die CEU ist die Talenteschmiede des ausgedehnten Soros-Netzwerks, ihre Absolventen sollen in ihren postkommunistischen Heimatländern den politischen und gesellschaftlichen Reformprozess mit vorantreiben.

Wie aber lernt man das? Für Elkana haben die Universitäten in den letzten fünfzig Jahren nicht mehr das Wissen produziert, das die Gesellschaft benötigt. Um Aids, der Krise des Ökosystems oder religiösen Fundamentalismen zu begegnen, bedarf es neuer intellektueller Zugangsweisen. "Ich habe bei meiner Berufung gleich klar gemacht, dass ich die Trennung zwischen akademisch-ernst und pragmatisch-oberflächlich nicht akzeptieren werde."

In Budapest will Elkana andere Wege gehen: Zum einen ist die CEU eine internationale Hochschule im besten Sinne: eine englischsprachige, im US-Bundesstaat New York registrierte Universität für Graduierte. Gut 800 Studierende aus vierzig Ländern zählt die CEU im Studienjahr 2000/2001, die über hundert Lehrenden bringen es immerhin auf dreißig verschiedene Nationalitäten. Zum anderen sind die Fächer völlig anders konzipiert: "Es gibt dort viele Disziplinen, die der Westen nicht hat, zum Beispiel Nationalismus-Studien, medizinische Anthropologie oder Recht und Gesellschaft, in denen ein Gesamtbild vermittelt wird."

Scharfe Unterscheidungen wie rational/irrational, Theorie/Praxis oder religiös/säkular gehören für Elkana auf den Sperrmüll der Ideengeschichte. "Während wir in der Praxis schon längst bereit sind, Widersprüche zu akzeptieren, müssen wir dies endlich auch in der Theorie tun." "Rethinking, not unthinking the enlightenment", hat sich Elkana zur Devise gemacht. Damit ist eine umfassende Kritik des aufgeklärten Wertekanons - universell, ahistorisch, objektiv, wertfrei, kontextunabhängig - verbunden.

Keinesfalls aber eine postmoderne Beliebigkeit im Sinne eines "anything goes". "Wir müssen mit den besten experimentellen Methoden und theoretischen Denkweisen, die wir entwickelt haben, weiterarbeiten." Aber kontextorientiert im Sinne eines "lokalen Realismus", und das ist sowohl räumlich als auch disziplinär gemeint. Dazu gehört etwa der Abschied von rationalistischen Konstruktionen wie dem "homo oeconomicus", der sich etwa in Russland als völlig untauglich erwiesen hat. Stattdessen soll die CEU Absolventen hervorbringen, die zu trittfesten Grenzgängern zwischen dem Lokalen und dem Universellen werden.

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