Studieren auf Staatskredit

Schweden ist nicht nur Weltmeister bei den staatlichen Ausgaben für Wissenschaft und Technologie. Auch das dortige Studienfinanzierungsmodell ist einzigartig - und lässt österreichische Studierende ab Herbst 2001 womöglich vom Land im Norden träumen.

Marcel Weigl | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Schweden ist anders. Bei der Einwohnerzahl liegen Österreich und Schweden mit je acht Millionen gleich auf. In Sachen Wirtschaft sind uns die Nordländer in den letzten Jahren freilich davongezogen - man denke nur an Firmen wie Ericsson, Saab, Volvo, ABB, H&M oder Ikea. Das wiederum hat einerseits auch damit zu tun, dass die schwedischen Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F & E) mit 3,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts doppelt so hoch sind wie jene Österreichs. Andererseits ist es wohl auch das fortschrittliche schwedische Studiensystem mit derzeit über fünfzig Universitäten und 300.000 Studierenden, das seinen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Landes leistet.

Trotz einer bestehenden Akademikerquote von über 18 Prozent - in Österreich liegt sie bei rund sieben Prozent - ist es der schwedischen Regierung ein zentrales Anliegen, dass künftig fünfzig Prozent der jungen Menschen nach Beendigung der allgemeinbildenden Schulen einen höheren Bildungsweg einschlagen. Entsprechend gibt es in Schweden auch keine Studiengebühren, einzig die Mitgliedschaft bei einer mit der Österreichischen Hochschülerschaft vergleichbaren Studierendenvertretung ist bindend.

Die weitere Erhöhung der Akademikerquote soll durch finanzielle Aufbesserungen im Rahmen des Studienfinanzierungssystems verwirklicht werden, das es den Studenten ermöglicht, sich vom Staat Geld zu leihen. Tatsächlich einigte man sich in Schweden schon früh darauf, dass es Aufgabe des Staates und nicht der Familien ist, die Ausbildung junger Menschen zu gewährleisten: Bereits seit 1964 stellt die schwedische Kommission für Studentenunterstützung (CSN) sicher, dass Studierende staatliche Beihilfen und zinsfreie Kredite erhalten, um ihr Studium und die damit verbundenen Lebenserhaltungskosten bestreiten zu können.

Kredit zum Studieren. Mit Jahresbeginn 2001 trat in Schweden ein reformiertes Studienfinanzierungssystem in Kraft, das vorsieht, dass eine Studienbeihilfe von 4000 Schilling pro Monat ausgezahlt wird; diese wird ohne Gegenleistung vergeben und ist mit der österreichischen Familienbeihilfe vergleichbar. Zusätzlich zu dieser Unterstützung ist es bei Nachweis von 75 Prozent bestandener Prüfungen im Semester möglich, einen zinsfreien Kredit von rund 7600 Schilling pro Studienmonat vom Staat zu erhalten, so man das will.

Dieser Kredit kann maximal zwölf Semester lang in Anspruch genommen werden und muss am Ende des Studiums in Raten wieder zurückgezahlt werden. Für die Absolventen wird nach dem Studium eine jährliche Rückzahlungsrate festgelegt, die vom geliehenen Gesamtbetrag, dem Einkommen und der Inflationsrate abhängig ist, jedoch mindestens vier Prozent des Bruttoeinkommens beträgt. Damit wird nun auch sichergestellt, dass die Schulden in maximal 25 Jahren abgegolten sind.

Überdies wurde 2001 die Verdienstmöglichkeit für Studenten auf 12.400 Schilling angehoben. Summa summarum hat ein schwedischer Student somit theoretisch bis zu 24.000 Schilling im Monat zur Verfügung, um sein Studium zu finanzieren. Und davon lässt sich's auch in Schweden leben, selbst wenn man bedenkt, dass Dienstleistungen und Waren um rund dreißig Prozent teurer sind als in Österreich.

Die papierlose Universität. "Das schwedische Studienfinanzierungssystem ist großartig, weil es vielen jungen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft ein Studium ermöglicht. Außerdem ist dieses System die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs vor allem im Bereich der Informationstechnologien", meint Christine Ullenius, die Rektorin der Universität Karlstad, euphorisch. "Herkunft" bezieht sich dabei freilich nicht nur auf die sozialen Verhältnisse: Auch EU-Bürger und nicht-schwedische Staatsbürger haben nach Erteilung einer zweijährigen Aufenthaltsbewilligung in den meisten Fällen ebenfalls Anspruch auf Studienunterstützung.

Studien belegen, dass finanzielle Unterstützung für Studenten in Schweden in unmittelbarem Zusammenhang damit steht, wie viele Personen einen höheren Bildungsweg einschlagen. So wurde das ursprüngliche Studienfinanzierungssystem mit dem erstmals 1989 reformiertem System verglichen, bei dem die Studienbeihilfe von fünf auf dreißig Prozent der gesamten Studienunterstützung erhöht wurde: Während 1970 nur ein Viertel der Studierenden den höheren Bildungsweg aufgrund von staatlicher Unterstützung wählte, war es zwanzig Jahre später die Hälfte.

Doch nicht nur durch ein fortschrittliches Studienfinanzierungssystem wollen die Schweden ihre Stärken im Bildungs- und Wirtschaftsbereich weiter ausbauen. Auch im Bereich des "Distance Learning" ist man bereits weiter als anderswo: Fast alle schwedischen Universitäten bieten bereits Fernlehrgänge über das Internet an - so auch die Universität Karlstad. Rektorin Christine Ullenius hat freilich längst neue Pläne: "Unser Ziel ist es, 2002 kein Papier mehr zu verwenden, sondern alle Informationen über E-Mail und Internet übermitteln zu können."

Marcel Weigl hat an den Universitäten Wien und Karlstad/Schweden Publizistik und Politikwissenschaft studiert. Momentan ist er Projektleiter bei der Werbe- und Sportmarketingagentur AMI Promarketing.

E-Mail: a9240110@unet.univie.ac.at.

www.iccm.at

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